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Thursday, July 30, 2026

Eno (2)

(Scroll down for English, please) 

Der Witz von Gary Hustwits filmischem Brian-Eno-Portrait ist, wie hier in diesem Blog geschildert, dass eine Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt wird, um den Film bei jeder Vorführung bzw. bei jedem Abspielen anders aussehen zu lassen. Es werden Szenen ausgetauscht und durch andere ersetzt, dadurch werden Schwerpunkte verschoben und Inhalte umgestaltet. Das kann man so machen, es ist sicher eine clevere Idee, die an Enos "Generative Music"- oder seine "77 Million Paintings"Projekte angelehnt ist. Für mein Gefühl der Haupthaken dabei ist, dass nicht zwei Zuschauer denselben Film sehen und man sich insofern auch nur begrenzt über den Film unterhalten kann.

Interessant, dass die diesjährigen Bayreuther Festspiele ein vergleichbares Experiment wagen -- das in diesem Fall allerdings aus der finanziellen Not heraus geboren ist. Der "Ring" wird dieses Jahr nicht komplett neu inszeniert, sondern halbkonzertant aufgeführt. Das Orchester spielt, die Sänger und Sängerinnen stehen auf der Bühne und singen, während im Hintergrund und auf Gaze-Vorhängen von einer KI ausgewählte Bilder und Ausschnitte aus früheren Inszenierungen der Oper zu sehen sind. Diese werden live aus einem elektronischen Archiv zusammengestellt und live verändert. Konsequenterweise bezeichnet sich der Regisseur als "Kurator". Auch hier ist das Resultat, dass jede Aufführung einmalig bleiben wird.


Dass das alles noch nicht so funktioniert, wie es sich Regie und Ausstattung wohl erhofft haben, zeigen die verschiedenen Kritiken der "Walküre"-Aufführung. 

Aber man darf gespannt sein, wie sich das weiterentwickeln wird. 

 

As described in this blog, the interesting twist in Gary Hustwit’s cinematic portrait of Brian Eno is the use of artificial intelligence (AI) to ensure the film looks different at every screening or playback. Scenes are swapped out and replaced by others, shifting the focus and reshaping the content. It is certainly a clever approach—one inspired by Eno’s "Generative Music" or "77 Million Paintings" projects. To my mind, however, the main drawback is that no two viewers see the same film, which limits the extent to which one can discuss it with others.

It is interesting that this year’s Bayreuth Festival is attempting a similar experiment—though in this instance, it was born of financial necessity. Instead of a completely new staging, the "Ring" is being performed in a semi-staged format this year. The orchestra plays and the singers perform, while images and excerpts from past productions of the opera—selected by AI—are displayed in the background and on gauze curtains. These visuals are compiled and modified live from an electronic archive. Fittingly, the director describes himself as a "curator." Here, too, the result is that every performance will be unique. 



(German) Reviews of the "Walküre" performance indicate that the concept is not yet working quite as the director and design team had hoped.

Still, it will be interesting to see how this evolves. 

Tuesday, July 14, 2026

Organ Concert Series 2026 (2)

 The second concert from July 12, 2026, with

Pamela Shaw,

accompanied by violinist Warren Davidson


 

Works by Alexander Därr, Jan Pieterszoon Sweelinck, Nicolaus Bruhns, Olivier Messiaen, Mark Sedio, Robert G. Farrell, Kenneth Danchik, Josef Rheinberger, Georg Friedrich Händel and as always Johann Sebastian Bach.

My special this time was "Oraison" by Olivier Messiaen, originally written for piano and Ondes Martenot, here arranged for organ by Christopher Carone. 

The concert was recorded for WQED-FM.

Wednesday, July 1, 2026

Eno

 

(Scroll down for English) 

Der Filmemacher Gary Hustwit hat schon sehr sehenswerte Filme gemacht; erinnert sei an sein Portrait des Designers Dieter Rams oder seinen Film über die Schrifttype Helvetica.

Brian Eno hatte schon die Filmmusik zu dem Rams-Film gemacht, da lag es wohl nahe, ihn auch selbst zu portraitieren. Seit 2024 wird der Film Eno jetzt durch die Arthouse-Kinos gereicht (das hieß: keine Chance in Pittsburgh), seit einigen Wochen wird er nun aber auch gestreamt. Seltsamerweise und leider wird die Kinofassung mit einer Spieldauer von 1 Stunde 40 Minuten angegeben, während die Stream-Fassung nur 1 Stunde 20 Minuten läuft.

Das Special ist, dass man den Film nie zweimal in derselben Fassung zu sehen bekommt. Immer werden kleine Ausschnitte ausgetauscht oder deren Reihenfolge verändert. Damit hängt sich der Film natürlich an Enos "Generative Music"-Konzept an. Das ist ein netter Gimmick, aber für den Normalzuschauer, der den Film nur einmal sieht, sinnlos, da man nicht die Möglichkeit hat, mehrere Fassungen miteinander zu vergleichen.

Der Film zeigt Schwerpunkte aus Enos Karriere, wir erleben kurz Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois oder David Bowie, wir sehen Brian Eno bei der Gartenarbeit oder beim Herumhacken auf einem Omnichord, beim Abspielen einer Ambient-Platte vor Publikum. Wir erfahren, dass Joni Mitchell einmal eine Ambient-Platte mit ihm machen wollte, er jedoch ablehnte, weil seine Ambient-Einspielungen von der Kritik zunächst schwer verrissen worden waren und er das Wort "Ambient" nicht mehr hören wollte. Heute möchte er sich dafür in den Hintern beißen. Wir sehen, dass Eno, der in seinem Diary-Buch "A Year with Swollen Appendices" von 1996 noch behauptet, seine Tagebuchversuche hätten immer bereits im Februar geendet, ein Riesenpaket sorgsam durchnumerierter und -datierter Notiz- und Skizzenbücher verwahrt -- immer getreu der alten Regel: Wenn du Künstler werden willst, dann bewahre alles auf, was du machst.

Das ist aber auch schon alles. Irgendwelche sensationellen Neuigkeiten über Eno bringt der Film nicht, dafür eine Menge schnelle Schnitte. Für die $11, die der Stream kostet, ein bisschen dünn. 

 

Filmmaker Gary Hustwit has created some truly noteworthy films—recall his portrait of designer Dieter Rams or his film about the typeface Helvetica.

Having already composed the score for the Rams film, it seemed a natural next step to have Brian Eno himself as the subject of a portrait. Since 2024, the film Eno has been making the rounds in arthouse cinemas (which meant no chance of seeing it in Pittsburgh), but finally it's also available now for streaming. Oddly—and unfortunately—the theatrical cut is listed with a runtime of one hour and 40 minutes, whereas the streaming version runs for only one hour and 20 minutes.

The unique feature of this film is that one never sees the exact same version of the film twice; small segments are constantly swapped out or their order rearranged. In doing so, the film naturally aligns itself with Eno’s concept of "generative music." It is a nice gimmick, but ultimately pointless for the average viewer who watches the film only once, as there is no opportunity to compare different versions.

The film highlights key moments in Eno’s career: we catch glimpses of Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois, and David Bowie; we see Eno gardening, noodling on an Omnichord, or playing an ambient record for an audience. We learn that Joni Mitchell once wanted to make an ambient album under his direction, but he declined because his early ambient recordings had been savaged by critics and he couldn't stand the word "ambient" anymore—a decision he kicks himself for today. We also see that Eno—who claimed in his 1996 diary "A Year with Swollen Appendices" that his attempts at keeping a journal always fizzled out by February—actually preserved a massive collection of carefully numbered and dated notebooks and sketchbooks, all in keeping with the old rule: if you want to be an artist, keep everything you create. 

But that’s about it. The film doesn’t offer any sensational new revelations about Eno—just a lot of quick cuts. A bit thin for the $11 the stream costs. 

Sunday, June 28, 2026

Organ Concert Series 2026 (1)

 This summer's organ concert series at Saint Paul Cathedral started June 28, 2026 with

Ian Michael Brown

playing works by Tate Pumpfrey, Dietrich Buxtehude, Jean Langlais, Piere Camonin, Johann Sebastian Bach, Max Reger, Maurice Duruflé and Dom Paul Benoit. 




My special discovery this time was "Mors et resurrectio", Op. 5 No. 1 by Jean Langlais (1907 - 1991). Never heard of him before, but this was an impressing piece.

The concert was recorded for WQED-FM. 


Friendly Suggestion

 


Friday, May 29, 2026

Let X=X

 

(English: scroll down, please) 

Let X=X live. Das ist zwischendurch auf drei LPs oder zwei CDs mal wieder ein Lebenszeichen von Laurie Anderson. Die hier dokumentierten Konzertausschnitte sind zwar auch schon drei bis fünf Jahre alt, aber immerhin, Laurie ist noch aktiv.

Der Live-Mitschnitt, den wir hier hören, stammt aus Konzerten mit der Band Sexmob (das sind Steven Bernstein und Douglas Wieselman, Blechblasinstrumente, Kenny Wollesen, Drums und Percussion, Briggan Krauss, Saxofon und Gitarre, Tony Scherr, Bass), außerdem als Zuspielung zu hören ist "Junior Dad", ein Ausschnitt aus dem Lulu-Album von Lou Reed und Metallica.  

Ich hatte das Glück, Laurie Anderson im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu erleben; es müsste 1986 gewesen sein. Das Plakat hängt noch heute über meinem Schreibtisch. 

 

 
 

Die "Natural History" ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung (nicht zuletzt allerdings auch deshalb, weil währenddessen mein Auto abgeschleppt wurde, aber das war's wert). 

Eine "Performance" in dem Sinne, wie sie sie seinerzeit präsentiert hat, ist Let X=X live nun nicht mehr; bei einer Fünfundsiebzigjährigen kann man das wohl auch kaum noch erwarten. Es ist ein Konzert. Laurie Anderson spielt Repertoire, und davon hat sie inzwischen ja reichlich. 

Erster Höreindruck: Ihre Stimme ist hörbar gereift. Auf Studioproduktionen, wenn sie sanft spricht, fällt das kaum auf. Hier auf der Bühne aber lässt sich die stimmliche Altersschwäche nicht überhören, wie sich auch neulich in ihrem Tiny-Desk-Miniauftritt zeigte. Dass Laurie einen Song wie "Gravity's Angel" heute eine Oktave tiefer singt als auf dem Originalalbum (Mister Heartbreak), ist nachvollziehbar und funktioniert auch. Zu Zeiten des Albums Strange Angels nahm Laurie Gesangsunterricht, auf der Platte sang sie wirklich mit Sopranstimme. Heute tut sie das vorsichtshalber nicht mehr; den Text des Songs "Ramon" von diesem Album spricht sie heute zum alten Playback. Kann man so machen, eine wirklich große Sängerin war sie ja eh nie, und sie fängt die Schwächen sehr gut durch die immer noch vorhandene Intensität ihres Vortrages auf. 

Technische Klangänderungen per Vocoder oder Harmonizer setzt Laurie nach wie vor ein, aber deutlich sparsamer als früher. Das tut dem Erlebnis keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Manchmal, etwa in "Looking at the Moon", fehlt der Show die optische Seite, ohne diese hängt das Stück musikalisch ein bisschen durch. Und wenn Laurie das Publikum auffordert, zehn Sekunden lang zu schreien (was es dann auch treudoof tut), ist das schlicht albern. Auch auf die Zuspielung von Lou Reed und Metallica (aus dem Lulu-Album) hätte ich verzichten können, aber er musste wohl mit rein. 

Sexmob, die Band, kann ohne Frage spielen, aber sie hat nicht viel Spielraum. Sie begleitet großenteils die alten Andersonschen Originalplaybacks oder Teile daraus. Das überzeugt nicht immer, die Band klingt streckenweise wie später "dazuaddiert", sie spielt mit, aber scheint trotzdem oft ein bisschen neben der Musik zu stehen. Der generelle Klangeindruck der CDs: insgesamt in Ordnung, manchmal ein wenig pappig (aber das kann inzwischen auch an meinen Ohren liegen).

Früher hatte Laurie Anderson die Gewohnheit, die Setlist des Abends immer erst weniger Stunden vorher festzulegen, damit, wie sie sagte, keine Routine entstehen könne. Das ist hier offenkundig nicht mehr der Fall, das Programm wirkt wohlabgewogen und durchgestylt. Trotz der paar Schwachpunkte: Schön, dass es Laurie Anderson noch gibt.

 

 

Let X=X Live. This release—three LPs or two CDs—serves as a welcomed sign of life from Laurie Anderson. Although the concert excerpts documented here are already three to five years old, it is a relief nonetheless to know that Laurie remains active.

The live recording featured here is drawn from concerts performed with the band Sexmob (comprising Steven Bernstein and Douglas Wieselman on brass instruments, Kenny Wollesen on drums and percussion, Briggan Krauss on saxophone and guitar, and Tony Scherr on bass); also included—as a pre-recorded playback track—is "Junior Dad," an excerpt from the album Lulu by Lou Reed with Metallica.

I was fortunate enough to see Laurie Anderson perform live at the Deutsche Schauspielhaus in Hamburg; that must have been back in 1986. The poster from that event still hangs above my desk to this day.

 

The "Natural History" performance remains very vivid in my memory (not least, admittedly, because my car was towed during it—though it was worth it).

Let X=X is no longer a "performance" in the sense that she presented them back in the day—and at seventy-five, one can hardly expect that anymore. It is a concert. Laurie Anderson is performing repertoire—of which she has, by now, an abundance.

First impression: Her voice has audibly matured. On studio productions, when she speaks softly, this is barely noticeable. Here on stage, however, the vocal signs of aging are impossible to overlook—as was also evident recently in her Tiny Desk mini-performance. The fact that Laurie now sings a song like "Gravity's Angel" an octave lower than she did on the original album (Mister Heartbreak) is understandable, and it works. Back during the Strange Angels era, Laurie took vocal lessons; on that record, she truly sang in a soprano range. Today, she prudently refrains from doing so; for the lyrics to the song "Ramon" from that same album, she now simply speaks over the original backing track. It’s a valid approach—she was never a truly great singer anyway—and she compensates for her vocal limitations very effectively through the undiminished intensity of her delivery.

Laurie continues to employ technical vocal effects—such as vocoders or harmonizers—though now more sparingly than in the past. This does nothing to detract from the experience; quite the opposite, in fact. At times—such as during "Looking at the Moon"—the show lacks a little bit the visual dimension; without it, the piece feels a bit musically lackluster. And when Laurie prompts the audience to scream for ten seconds (which they dutifully—and somewhat sheepishly—proceed to do), it comes across as simply silly. I also could have done without the audio playback featuring Lou Reed and Metallica, though I suppose his inclusion was inevitable.

Sexmob—the backing band—can undoubtedly play, but they aren't given much room to stretch out. For the most part, the band performs alongside Anderson’s original backing tracks—or excerpts thereof. This isn't always convincing; at times, the band sounds as if they were merely "added in" later—they play along, yet often seem to stand slightly apart from the music. The general sonic impression of the CDs: overall decent, though occasionally a bit muddy (though by now, that might simply be my ears).

In the past, Laurie Anderson had a habit of finalizing the evening's setlist only a few hours beforehand—specifically, as she put it, to prevent routine from setting in. That is evidently no longer the case here; the program feels carefully balanced and meticulously styled. Despite these few weak points: It is wonderful that Laurie Anderson is still with us. 

 

  

 

Saturday, May 2, 2026

Ein heller Stern

 

 
 
Kein einfaches Buch, wirklich nicht. Aber eines, das nachwirkt. 
 
Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch das Alkazar, ein Varietétheater auf St. Pauli, gegründet irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg, es existierte bis in die 1960er. Wer sich an meinen Blogpost von 2010 über die Maskentänzer Lavinia Schulz und Walter Holdt erinnert, oder mein Radiofeature über die beiden, bei dem läutet der Name Alkazar vielleicht eine Glocke, denn Walter Holdt hat 1923 in diesem Laden zeitweilig als Schlagzeuger gewirkt. Dieses Varieté war damals eines der modernsten überhaupt, mit versenkbarem Wasserbassin, Hebebühne und Wandleuchtern, die auch Wasserspeier waren. "Alle 15 Minuten eine Sensation -- und in den Pausen keine Pause!" war der Slogan des Hauses, seine Shows waren hocherfolgreich.
 
Anja Kampmann nimmt dieses Alkazar zum Ausgangs- beziehungsweise Mittelpunkt, allerdings nicht, wie ich angenommen hatte, in den 1920ern, sondern ihre Geschichte startet punktgenau im Jahr 1933. Hedda Möller arbeitet im Alkazar als Artistin. Sie tanzt auf dem Seil, während unter ihr im Wasserbassin Eddi und Fred lauern, zwei Kaimane.
 
Mit der Machtübergabe an die Nazis tauchen zunehmend Uniformen im Publikum auf, und die Lebensbedingungen aller Beteiligten verändern sich drastisch. Und es sind viele, sehr viele Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. 
 
Der Gründer und Besitzer des Alkazar, Arthur Wittkowski, ist eine St.-Pauli-Instanz, Hedda hält große Stücke auf ihn. Für die Nazis ist das, was im Alkazar vor sich geht, zu frei. Mit etlichen Tricks drängen sie ihn hinaus und setzen statt seiner den linientreuen Georg Leopold als "Betriebsführer" ein. Der gibt dem Alkazar den treudeutschen Namen Allotria und modelt das Programm in gewünscher Weise um.
 
Jaan, Heddas großer Bruder, heuert als Harpunenschmied auf einem Walfangschiff an. Die Nazis wollten mit dem Walfang den Fettmangel im Reich beheben. Das klingt sehr heldenhaft und wurde auch im Hamburger Hafen so gefeiert, doch ist an dieser Arbeit gar nichts Romantisches. Der Walfang ist ein ungeheures Gemetzel, und die Autorin erspart uns nichts. Heddas jüngerer Bruder, Pauli, hat die Englische Krankheit, dadurch gehbehindert, zudem leicht autistisch, Hedda kümmert sich rührend um ihn. Aber auch er entgeht den Nazis nicht.  
 
Wir lernen den Trompeter kennen, der leider nicht arisch genug ist, um die Bedingungen des Reichskulturkammergesetzes zu erfüllen und am Ende seine Trompete verkaufen muss, aber auch das hilft ihm nicht. Es gibt die Freunde aus den kommunistischen Sportvereinen, etwa Maks, aber sie alle werden nach und nach abgeholt. Es gibt jede Menge armselige kleine Wichte, die im Schutz ihrer Uniform, die sie nun tragen, zu brutalen Schweinen werden. Es gibt Leni, eine enge Freundin Heddas und eine zerbrechliche Person, die diese Typen in ihrer Arbeit im Bordell kennenlernen muss und zunehmend dahindämmert. Es gibt Heddas Schwarm, den Boxer Kuddel, der im Knast Fuhlsbüttel ermordet wird. Es gibt den "Grauen", einen wohlhabenden Freier, der Hedda zeitweilig über Wasser hält -- und in dessen Haus Hedda einen größeren Posten Laudanum und andere Opiate entdeckt, die dessen verstorbene Frau im Haus versteckt hatte. Es treten eine Vielzahl weitere Personen in Erscheinung; es sind fast zu viele, um sie alle im Kopf zu behalten.
 
Wir lernen Orte kennen, die man nicht kennenlernen möchte, etwa die Polizeibehörde, das KZ Wittmoor, das Stadthaus, in dem die "Ratten" Schulz und Igor Hedda verhören, aber auch die Olympischen Spiele, einen Boxkampf mit Max Schmeling, Claire Waldoff tritt auf, und etliches mehr.
 
Hedda wird zwangssterilisiert, und man möchte würgen -- denn die Frau, die das zu verantworten hat, hieß Käthe Petersen, war Sammelpflegerin in der Hamburger Sozialbehörde und verantwortlich für die Sterilisation und teilweise Entmündigung von rund 1100 Frauen, die sie als "gemeinschaftsschädlich" ansah und "zur zuchtvollen Einodnung in die Volksgemeinschaft erziehen" wollte. (Petersen ist dafür nie vor Gericht gestellt worden, sondern wurde 1949 Oberregierungsrätin und später Leitende Regierungsrätin. Ab 1951 arbeitete sie wieder als Sammelvormund. 1973 wurde sie zur Krönung ihrer Karriere mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.)
 
Auch, wenn man über die Nazizeit in Hamburg bereits gut informiert ist, so ist es doch ein Schock, wie drastisch manche Lebensumstände kippen und unter wie elenden Umständen viele Menschen damals überhaupt leben mussten -- und was es noch erschreckender macht: Viele der Charaktere und Orte in diesem Buch sind, wie erwähnt, keine Märchenerfindungen, sondern es gab sie wirklich, und sie erscheinen mit ihrem wirklichen Namen. Im Anhang des Buches findet sich eine "Wer war was"-Aufstellung; es empfiehlt sich, einen Blick darauf zu werfen, bevor man in die Geschichte einsteigt. Nachschlagen lohnt sich ohnehin, denn man kann die Namen nicht alle im Kopf behalten.
 
Ich will hier den Schluss der Geschichte nicht verraten. Er spielt im Jahr 1937, ist in sich schlüssig und vermittelt einen kleinen Funken Hoffnung für Hedda und Pauli.  
 
Ist schon alles dies eine nicht einfach zu schluckende Lektüre, so macht es einem die Autorin noch zusätzlich schwer, zu folgen. Zwar entwickelt die Geschichte einen starken Sog, aber Anja Kampmann, die als Lyrikerin begonnen hat, bedient sich in diesem Buch als Ich-Erzählerin einer hochartifiziellen Sprache, der zu folgen wirklich Arbeit bedeutet. Es ist, als säße Hedda neben einem und erzählte frei assoziierend ihre Geschichte. Direkte Rede wird ohne Anführungszeichen wiedergegeben, das Buch ist in meist kurze Blöcke unterteilt, die gelegentlich ein wenig hätten gestrafft werden können. Kampmann arbeitet obendrein mit Symbolen, deren Sinn sich nicht unbedingt sofort erschließt. Da gibt es etwa den "Keiler" -- er stellt die Atmosphäre dar, den die Nazis um sich verbreiten. Es dauert, bis man das begreift. Es gibt den "Braunen Wind", worunter die SA zu verstehen ist. Prostituierte, wie sie natürlich auch im Alkazar vorhanden sind, heißen sämtlich "Ritas"; manchmal ist aber auch Hedda eine Rita, sie zerfällt dann sozusagen in zwei Teile und steht neben sich. Immer wieder wird "Schsch" in den Text eingeschoben, was zunächst noch Sinn ergibt, aber irgendwann, wenn es wieder und wieder auftaucht, manieristisch wirkt. 
 
Manches bleibt unklar; etwa, weshalb Hedda, obwohl sie zeitweilig in der "Produktion" arbeitet, einem Genossenschaftsladen (in den 1950ern hieß er dann "Pro" und war mit dem DGB verbunden; ich kann mich noch selbst an die Läden erinnern -- meine Tante arbeitete in einem davon), bitterarm bleibt. Und schließlich setzt sie jeden Abend im hocherfolgreichen Varieté ihr Leben aufs Spiel. Trotzdem erzielt sie anscheinend kein Einkommen, von dem sie wenigstens bescheiden leben könnte. Es bleibt damit auch offen, weshalb sie keine Wohnung hat, sondern in Lenis Zimmer im Bordell, bei ihren Eltern oder bei dem Grauen übernachtet.
 
"Die Wut ist ein heller Stern" ist vor knapp einem Jahr erschienen, und mein Exemplar stammt bereits aus der sechsten Auflage. Daraus wird man wohl auf einen Überraschungserfolg schließen dürfen. Aber der Erfolg ist berechtigt. Trotzdem wüsste ich gern, wieviele Käufer des Buches es wirklich bis zu Ende gelesen haben.
 
Nach dem Ende der Nazi-Ära übrigens erhielt Arthur Wittkowski das Alkazar zurück, doch wurde er schon 1947 erneut hinausgeworfen, diesmal wegen des angeblichen Besitzes von Schwarzmarktzigaretten, die damals die gängige Währung waren. Sein Nachfolger war kein anderer als wieder Georg Leopold. Arthur Wittkowski starb 1960 verelendet in einem Bauwagen. 
 
 
Übrigens: Das Alkazar-Gebäude gibt es noch. Wen es interessiert: Es ist der Penny-Markt an der Reeperbahn 114, gelegen zwischen Talstraße und Hamburger Berg. Man sieht das Haus mit anderen Augen, wenn man dieses Buch gelesen hat.
 
Anja Kampmann:
Die Wut ist ein heller Stern
ISBN 978-3-446-28120-2
Hanser 2025, 498 Seiten  

Monday, April 20, 2026

Ein etwas seltsames Buch

 

 

Mein Exemplar hat noch keinen Spiegel-Bestseller-Aufkleber, aber dass das Buch schon kurz nach seinem Erscheinen auf Platz 14 landete, verwundert mich nicht. Inzwischen hat es die Liste aber bereits wieder verlassen.

Seltsam ist dieses Buch deshalb, weil es nicht einfach nur die (linken) Lebensgeschichten seiner Verfasser schildert, sondern weil man dabei auf eine fast unterschwellige Weise in die eigene Vergangenheit zurückgeworfen wird. In gewisser Weise ist dieses Buch also nicht nur ein Berichts- oder Essayband, sondern ein Spiegel. 

Worum geht es also? Vierzehn Autorinnen und Autoren schildern in autobiografischen Skizzen, weshalb sie mal links waren (oder sich dafür hielten) und weshalb sie sich heute nicht mehr als Linke sehen. Die interessante Frage, die dabei auftaucht: Wenn sie aber heute nicht mehr links sind -- ja, wo sind sie denn jetzt? Und genau das ist auch der Moment in jeder dieser Kurzbiografien, bei dem man sich fragt: Wo war denn ich, und wo bin ich jetzt?

Und was heißt das heute überhaupt, "links" und "rechts"? Dass das ein weites Feld ist, erkennt man schon an der Unterschiedlichkeit der Autorinnen und Autoren: Henryk M. Broder, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, der Journalist Samuel Schirmbeck oder der jüngst verstorbene Schriftsteller Peter Schneider, Reinhard Mohr (der Co-Herausgeber dieses Buches) und einige andere. Fast alle sind Namen, die mich seit vielen Jahren auf unterschiedliche Weise begleiten, weil sie immer irgendwie "da" waren.

Der Untertitel "Warum wir nicht mehr links sind" verführt zu dem Schluss, dann seien sie wohl jetzt nach rechts abgewandert. Manchen wird es ja seit einiger Zeit ganz eindeutig (und oft mit großer Bosheit) nachgesagt. Aber so einfach ist es nicht, das merkt man schnell. 

Der Buchrückseitentext wird mit einem alten Spruch Wolf Biermanns eingeleitet: "Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung." -- Ich habe eher einen gegeteiligen Eindruck: Fast alle der Autorinnen und Autoren haben sich zwar in den linken Wegen, Parteien, Bewegungen, Gruppierungen, Grüppchen und Sekten der 1960er und 1970er Jahre verheddert, hatten aber Grundsätze, und denen sind sie weitgehend treu geblieben. Was sich geändert hat, ist die Bedeutung des Begriffs "links". Wer sich heute für links hält, meint damit etwas anderes als die Generation, die in diesem Buch zu Wort kommt. Das ist die nachhaltigste Erkenntnis, die dieses Buch hinterlässt.

Eine zweite Sache, die mir beim Lesen aufgefallen ist: Fast alle der Beteiligten kommen aus der mittleren bis oberen Mittelschicht, aus Beamten-, aus Lehrerhaushalten, aus künstlerischem, kreativem oder juristischem Elternhaus. Sie haben in ihrer Jugend und im Studentenalter intellektuelle Freiheit erlebt (die allerdings oft zu großen geistigen und moralischen Verirrungen geführt hat, aber sie alle haben das irgendwann bemerkt). In fast allen Fällen stand dies dem Erklimmen der späteren beruflichen Erfolgsleiter nicht im Wege. Sie haben mit großer Selbstverständlichkeit ihre Karrieren gemacht, im journalistischen, künstlerischen oder universitären Feld. Man wird sagen dürfen: Ihr Linkssein war ein Luxus, den sie sich leisten konnten.

Ich selbst habe das alles ganz anders erlebt. Ich habe darüber schon im "Sound der Jahre" einiges gesagt und will das hier nicht wiederholen. Die gedankliche (und materielle) Welt, in der die Autorinnen und Autoren lebten und noch immer leben, hatte so gut wie nichts mit der zu tun, in der ich aufgewachsen bin. Den Klempnerlehrling in Koblenz hat das alles, was in diesem Buch rekapituliert wird, nicht interessiert. Den hat, wie Dieter Nuhr mit Recht schreibt, die neue LP von Alice Cooper interessiert.

Da sieht man, welche Gedanken dieses Buch auslösen kann. Und immerhin, das ist doch schon etwas.

Ulli Kulke/Reinhard Mohr (Hg.):
Wenn das Denken die Richtung ändert.
Stuttgart 2026, ISBN 978-3-17-047170-2, 260 Seiten  


Friday, April 17, 2026

Yanka Rupkina 1938 - 2026

 

Yanka Rupkina. Wie Joe Boyd via Facebook bekanntgab, hat uns mit ihr wieder eine großartige Stimme verlassen.

Irgendwann in den 1980er Jahren entdeckte ich mit dem Weltempfänger auf der Kurzwelle den Frauenchor von Radio Sofia. Deren Gesang war das Markenzeichen des Senders -- einmal gehört, und man vergaß diese Stimmen nie mehr. Auf Tonträgern wurde der Chor später unter dem Titel Le mystère de voix Bulgares oder auch Das Geheimnis der Bulgarischen Stimmen gehandelt.

 

Zum Teil waren darauf traditionelle Lieder zu hören, zum anderen (insbesondere auf Vol. 2) speziell für diesen Chor und seine einzigartige Gesangstechnik komponierte Stücke. Auch Holger Czukay hat Samples dieses Chores in seinen Platten verwendet, aber das Original war und ist besser. Yanka Rupkina gründete zudem das Trio Bulgarka, das unter anderem mit Kate Bush gesungen hat.

Aber die originalen Choraufnahmen bleiben unschlagbar. Ich höre die Platten nicht mehr oft, aber wenn, dann jagen mir diese Stimmen noch immer Schauer über den Rücken.

Danke und gute Reise!


 




Yanka Rupkina. As Joe Boyd announced via Facebook, another magnificent voice has left us.

Sometime in the 1980s, while tuning my shortwave radio, I discovered the Women's Choir of Radio Sofia. Their singing was the station's signature—once heard, those voices were never forgotten. On recordings, the choir later became known under the title Le mystère des voix Bulgares—or The Mystery of the Bulgarian Voices.

In part, they featured traditional songs; in part—particularly on Vol. 2—pieces were composed specifically for this choir and its unique vocal technique. Holger Czukay, too, incorporated samples of this choir into some of his records, but the original was—and remains—superior. Yanka Rupkina also founded the Trio Bulgarka, which performed with artists such as Kate Bush.

Yet the original choir recordings remain unbeatable. I don't listen to these records very often anymore, but when I do, those voices still send shivers down my spine.

Thank you, and have a safe journey! 

Sunday, April 12, 2026

Asha Bhosle 1933-2026

One of the greatest voices of Bollywood has left us.

She even sang with Kronos Quartet.


 Bye bye, and have a safe trip!

Friday, March 27, 2026

Alexander Kluge 1932 - 2026

 

Man schaue auf deren Geburtsjahre und dann auf das eigene ... Früher fand ich es immer albern, wenn Ältere klagten, es stürben nach und nach alle weg, die mal wichtig waren. 

Ich gestehe, aus Kluges Filmen selten ganz schlau geworden zu sein. Aber ich erinnere mich an seine dctp und ihre eigenwillig gestalteten TV-Beiträge, mit denen er es schaffte, Substanz selbst noch ins RTL- und Sat.1-Programm zu schmuggeln -- nicht von ungefähr wollten die diese ihnen von der Medienaufsicht zugewiesenen Einschaltungen immer loswerden.

Und ich erinnere mich an Jürgen Prott, meinen wohl wichtigsten Prof an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), an der ich im Zweiten Bildungsweg gelandet war. Der war ein Medienprofi, selbst auch immer mal wieder radio-aktiv, und er ließ immer wieder in seine Lehrveranstaltungen einfließen, als wie wichtig er das Werk Alexander Kluges erachtete, und die Lektüre von "Öffentlichkeit und Erfahrung" von Oskar Negt und Alexander Kluge war bei ihm Pflichtprogramm. Ich habe einiges fürs spätere Uni-Studium daraus mitgenommen. 

Bye bye! 


 

Sunday, March 15, 2026

Bright Spirit

(Please scroll down for English) 

Vielleicht bin ich ja ein bisschen altmodisch, aber ein neues Album von Gong ist noch immer ein Grund, neugierig zu sein -- jedenfalls für mich. Eine Single-Auskopplung war schon seit Januar zu haben ("The Wonderment"), jetzt ist das Album da:

  

Wie die Band auf ihrer Bandcamp-Seite selbst sagt, "the longest running line-up of this legendary international psychedelic band, comprising members hand-picked by founder Daevid Allen, intending that his mystical vision continues": Kavus Torabi, Gesang, Gitarren, Synthesizer und Harmonium; Fabio Golfetti, Gesang und Gitarre; Cheb Nettles, Drums und Gesang; Dave Sturt, Bass und Gesang; Ian East, Blasinstrumente. So stabil wie diese war tatsächlich keine der diversen Besetzungen unter Allens Regie.

Was sofort auffällt: Der Band ist offenkundig völlig egal, welche Trends derzeit den Musikmarkt beherrschen, aber man fühlt sich sofort zu hause. Dennoch hört sich Bright Spirit anders an als die Vorgänger. Während das letzte Studio-Album mich noch stark an Zappa erinnert hat, fühlte ich mich jetzt schon im ersten Track ("Dream of Mine") zurückversetzt in eine Melange aus Embryo und der Steve Hillage Band der mittleren Siebziger, auch Anklänge an Soft Machine sind zu hören. Und das ist nicht negativ gemeint; die Band kann spielen, und offenkundig wusste sie auch, wohin sie wollte. 

Meditativ-psychedelische Layers wechseln sich ab mit ungeraden Taktarten, dazwischen funken Gitarrenriffs, Glissando-Gitarre (seinerzeit Daevids Spezialität) und Keyboard-Einsprengsel. Einzig der Gesang überzeugt mich nicht durchgehend; irgendwie hat man dauernd das Gefühl, jetzt müssten Daevid Allens oder Steve Hillages Stimmen kommen, aber sie kommen nicht. Womit nicht gesagt sein soll, dass der Gesang schlecht ist; es ist einfach der Aufbau des Albums, der eine Atmosphäre hervorruft, die solche Erwartungen nahelegen. Einige der Stücke könnten vielleicht auch eine Minute kürzer sein. Das ist aber auch schon alles, was es aus meiner Sicht zu kritisieren gibt.

Bright Spirit ist auf den üblichen Streamingdiensten und via Bandcamp bereits zu hören, die Hardware (CD, LP in schwarz und LP in transparentem Türkis) folgt Ende des Monats.

 

 

I might be a bit old-fashioned, but a new album from Gong is still a reason to be curious—at least for me. A single has been available since January ("The Wonderment"), and now the album is here:

 

 

As the band themselves state on their Bandcamp page, this is "the longest running line-up of this legendary international psychedelic band, comprising members hand-picked by founder Daevid Allen, intending that his mystical vision continues": Kavus Torabi (vocals, guitars, synthesizers, and harmonium); Fabio Golfetti (vocals and guitar); Cheb Nettles (drums and vocals); Dave Sturt (bass and vocals); and Ian East (wind instruments). Indeed, none of the various lineups under Allen’s direction proved as stable as this one.

What strikes you immediately is that the band evidently couldn't care less about whatever trends currently dominate the music market, but you feel at home immediately. Nevertheless, Bright Spirit sounds a bit different from its predecessors. While their previous studio album strongly reminded me of Zappa, this time already the very first track ("Dream of Mine") transported me back to a mélange of Embryo and the Steve Hillage Band of the mid-1970s—with echoes of Soft Machine audible as well. And this is not meant as a criticism; the band possesses serious chops, and they clearly knew exactly where they were headed.

Meditative, psychedelic layers alternate with odd time signatures, interspersed with funky guitar riffs, glissando guitar (a specialty of Daevid’s back in the day), and keyboard flourishes. The only element that doesn't consistently win me over is the vocals; somehow, you constantly get the feeling that Daevid Allen’s or Steve Hillage’s voices ought to be chiming in—but they never do. This isn't to say the vocals are poor; it is simply the album's overall structure that builds an atmosphere which naturally invites such expectations. Some of the tracks could perhaps also stand to be a minute shorter. But that, from my perspective, is the extent of the criticism to be leveled. 

Bright Spirit is already available for streaming on all the usual platforms and via Bandcamp; the physical formats (CD, black vinyl LP, and transparent turquoise vinyl LP) are set to follow at the end of the month. 


Tuesday, March 10, 2026

Augie Meyers 1940 - 2026

 

 

Bye bye, Augie Meyers

-- The Sir Douglas Quintet and your Vox Continental were one. 

Sunday, March 1, 2026

Ausgewählte Übertreibungen

 

 
 
Ja, dieser Mann kann durchaus auch mal Unsinn reden. Solange er trotzdem mit Gedankenblitzen aufwarten kann, soll das meinetwegen so sein. Und dafür, dass er es kann, ist dieses Buch ein weiterer Beleg.
 
"Ausgewählte Übertreibungen" ist nicht neu; das Buch stammt von 2013. Das Alter merkt man ihm aber nicht an. Es enthält, wie der Untertitel schon ahnen lässt, Interviews und Gespräche -- dreiunddreißig an der Zahl, dreißig Interviews stammen aus deutschen und ausländischen Zeitungen und Magazinen, drei Gespräche sind Protokolle aus Symposien, Kongressen et cetera, geführt zwischen 1993 und 2012. Einiges davon hatte ich schon damals gelesen, anderes war mir neu. Die Sammlung ist nicht vollständig -- natürlich nicht, denn tatsächlich existieren wohl an die 300 Interviews, da musste eine Auswahl getroffen werden.
 
Ausführlich, meist sachlich, oft in weit ausholenden Kurven, mäandernden gedanklichen Schleifen und wilden Assoziationsketten, manchmal unterlegt mit einem Schuss Schelmentum, spricht Peter Sloterdijk über buchstäblich Gott und die Welt. Nicht selten fühlt man sich an die "Zeilen und Tage" erinnert; Grundlage der Interviews sind aber meist Sloterdijks in den jeweiligen Jahren erschienene Bücher, insbesondere die "Sphären"-Trilogie (1999 bis 2004) sowie das auf ein Rilke-Zitat Bezug nehmende "Du musst dein Leben ändern" von 2009. 
 
Sei es über seine Zeit beim Baghwan, sei es über die von ihm aus heutiger Sicht selbst so empfundenen Schwachstellen seines Opus 1, "Kritik der zynischen Vernunft" (die inzwischen freundliche 43 Jahre auf dem Buckel hat), sei es seine Ansicht über die Kollegen Habermas und Luhmann, seien es die heutigen Angebote der elektronischen Medien oder die Kunst des Designs, kaum ein Aspekt wird ausgelassen. Zum Interessantesten gehören Sloterdijks Ausführungen über das "heilige Feuer der Unzufriedenheit" -- richtig, es geht um das Zustandekommen des Phänomens "Fortschritt". Was ist das, wer legt aufgrund welcher Qualifikationen fest, was fortschrittlich ist, und ist Fortschritt per se überhaupt etwas Gutes? 
 
Immer wieder bringt Sloterdijk Aspekte ins Spiel, die die eigenen Standpunkte auf den Prüfstand stellen, und genau das macht ihn lesenswert. Dass ihn speziell dieses Fortschrittsthema immer wieder beschäftigt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in diesen Interviews schon manches vorweggenommen wird, das er 2023 in "Die Reue des Prometheus" in aller Deutlichkeit konkretisiert hat (siehe dazu auch hier).
 
Wie in Interviews nicht anders zu erwarten, sind die Antworten manchmal sprunghaft, oftmals seitenlang, und sie werden in diesem Buch ohne Absätze wiedergegeben. Da fühlt man sich latent an Thomas Bernhard erinnert, bei dem solche Bleiwüsten allerdings künstlerische Absicht waren -- hier aber war das wohl eher nicht der Fall.
 
Manchmal allerdings würde man sich wünschen, der Mann würde wenigstens gelegentlich an irgendeiner Stelle, auf irgendeine Frage einmal sagen: "Weiß ich nicht, keine Ahnung, da müssen Sie mal jemand anderen fragen." 
 
Aber darauf kann man bei Sloterdijk wohl lange warten.
 
Peter Sloterdijk:
Ausgewählte Übertreibungen
Gespräche und Interviews 1993 bis 2012
Herausgegeben von Bernhard Klein
Suhrkamp 2013, 478 Seiten 
 
   

Saturday, February 14, 2026

Die 15 tödlichsten Nervensägen im Konzert / The 15 Deadliest Annoyences at Concerts


 (English: scroll down, please)

 

  1. Der Dauerfotograf/-filmer, der unentwegt mit seinem leuchtenden Handydisplay vor dir herumwedelt.

  2. Der Fan (immer männlich), der schon betrunken in die Halle kommt, todsicher seine Bierflasche umkippt und sich ebenso todsicher im Laufe des Abends übergeben wird.

  3. Der Fan, der unermüdlich zwischen den Stücken den Titel seines Wunschliedes brüllt, als gäbe es keine Playlist (alternativ ruft er auch gern den Vornamen eines der beteiligten Musiker in der Hoffnung, dieser möge die Anwesenheit des Fans zur Kenntnis nehmen).

  4. Der Fan neben dir, der alle drei Minuten seine Whatsapp- und Facebooknachrichten checkt und getreulich an alle seine 400 Freunde postet, welcher Titel gerade gespielt wird.

  5. Die 50-jährigen Fans (männlich wie weiblich), die glauben, sie seien plötzlich wieder 17.

  6. Der Fan, der wegen des Handys in seiner Hand nicht applaudieren kann und deshalb johlen muss.

  7. Der Fan, der darauf beharrt, in der Reihe vor dir zu tanzen (und der dir bei unbestuhlten Konzerten mit Sicherheit mindestens zweimal auf die Füße steigen wird).

  8. Der Fan (immer männlich, immer in der Reihe hinter dir), der seinen Freunden lautstark die popgeschichtliche Bedeutung und den bandhistorischen Kontext des jeweils gerade gespielten Stücks erläutert.

  9. Der Jazzexperte, der nach jedem noch so einfallslosen Solo losapplaudiert, als sei soeben der Erlöser vom Kreuz gestiegen.

  10. Die Klassik- oder Folk-Freundinnen, bei denen, sobald es im Saal dunkel wird, eine nicht abschaltbare Tuschelautomatik anspringt (immer weiblich; immer zu zweit; sie treten gern auch im Kino oder (seltener) im Planetarium in Erscheinung).

  11. Der Fan, der vorn am Bühnenrand steht, mit dem Kopf schon halb in der PA steckt und trotzdem nach jedem Stück „lauter!“ brüllt.

  12. Der Fan, der immer wieder versucht, durch wildes Winken (gern auch mit Halstüchern oder der Jacke) einen Bekannten auf sich aufmerksam zu machen, den er in der diagonal gegenüberliegenden Ecke der Halle erspäht hat.

  13. Die Frau im längst zu eng gewordenen Abendkleid (Vorkommen meist in Klassikkonzerten), die durch eine übermäßige Parfümfahne ihr Revier abzustecken versucht.

  14. Der Fan, der von Reihe 38 aus mit Blitzlicht fotografiert; auch er besonders bei Klassik-, aber auch Folkkonzerten anzutreffen.

  15. Der Klassik-Konzert-Besucher (immer männlich), der nach jedem Stück genau viermal müde in die Hände klatscht und seinen Sitznachbarn mit griesgrämiger Miene davon in Kenntnis setzt, das habe er mit dem Dirigenten X schon mal besser gehört. 

 

 *

 

  1. The incessant photographer/videographer, constantly waving their glowing phone screen in front of you.

  2. The fan (always male) who arrives at the venue already drunk, knocks over their beer bottle, and is guaranteed to throw up sometime during the evening.

  3. The fan who tirelessly shouts the title of their requested song between numbers as if there were no playlist (alternatively, they might call out the first name of one of the musicians in the hope that the musician will acknowledge the fan's presence).

  4. The fan next to you who checks their WhatsApp and Facebook messages every three minutes and faithfully posts to all 400 of their friends which song is currently playing.

  5. The 50-year-old fans (male and female) who think they're suddenly 17 again.

  6. The fan who can't applaud because of their phone and therefore has to yell.

  7. The fan who insists on dancing in the row in front of you (and who will almost certainly step on your feet at least twice at standing-room-only concerts).

  8. The fan (always male, always in the row behind you) who loudly explains to his friends the pop-historical significance and band history of the song currently being played.

  9. The jazz expert who applauds after every single unimaginative solo as if the Messiah had just descended from the cross.

  10. The classical or folk music lovers who, as soon as the lights dim, have an unstoppable whispering mechanism that kicks in (always female; always in pairs; they also like to appear in cinemas or (less frequently) planetariums).

  11. The fan who stands at the front of the stage, his head practically buried in the PA system, and still yells "Louder!" after every song.

  12. The fan who repeatedly tries to attract the attention of an acquaintance he's spotted in the diagonally opposite corner of the hall by waving wildly (often with scarves or his jacket).

  13. The woman in the long-too-tight evening gown (most commonly seen at classical concerts) who tries to mark her territory with an overpowering scent of perfume.

  14. The fan who takes flash photos from row 38; frequently encountered at classical, but also folk concerts.

  15. The classical concert visitor (always male) who wearily claps his hands exactly four times after each piece and informs his seatmate with a grumpy expression that from conductor X he's heard better performances of this piece.



Monday, February 9, 2026

Die Vorstellungen der Linken

 



Von der Notwendigkeit sozialer Gerechtigkeit muss mich niemand überzeugen. Die ist wünschenswert, das habe ich immer so gesehen, und ich denke auch, der deutsche Staat ist in der Lage, sie zu gewährleisten. Aber diese Werbung der "Linken" läuft in eine falsche Richtung.
 
Wenn der Reichtum, den die Linke "zurückholen" möchte, legal erwirtschaftet und den Steuerbehörden gemeldet worden ist, dann ist das Vermögen bereits einmal versteuert worden. Ist es durch illegale Finanztricks erwirtschaftet worden, dann ist das eine Sache für die Justiz, gegebenenfalls auch für den Gesetzgeber.  
 
Bei der Linken scheint man zu glauben, die von ihr so bezeichneten "Superreichen", wer immer und ab welcher Vermögenshöhe das sein mag, bewahrten ihr Geld unter der Matratze auf und man müsste nur hingehen und es einsammeln. Tatsächlich aber liegen deren Vermögenswerte normalerweise zum großen Teil in Sachwerten vor oder stecken in anderen Unternehmen, Stiftungen, Grundbesitz, Vereinen, Sponsorships, Think Tanks oder in was auch immer. Sollen solche Mittel an den Staat gehen, müssten sie dort, wo sie sind, abgezogen werden, und dann fehlen sie da.
 
Und wenn der Staat trotzdem kassieren will? Die Vermögen der Reichen kann man nur einmal einziehen, dann sind sie weg. Die Linke (oder das Staatswesen, das sie sich wünscht) möchte einerseits von diesen Vermögen profitieren, indem sie sie einkassiert, andererseits scheint sie aber zu glauben, die Einnahmen flössen dann trotzdem munter weiter und könnten weiter kassiert werden. Mir scheint, dieser Idee gebricht es ein wenig an Logik.
 
Wenn jemand eine gute Geschäftsidee hat, damit ein Unternehmen gründet, erfolgreich wird und auf diese Weise legal (!) zu Vermögen oder von mir aus sogar zu Reichtum gelangt -- dann ist das so. Punkt. Wäre ich ein solcher Unternehmer, möchte ich in keinem Staat leben, der sich willkürlich nach Kassenlage, Wahlkampfsituation oder aus sonstwelchen Gründen das Recht anmaßt, mir vorschreiben zu wollen, was ich ihm über realistische Steuerzahlungen hinaus von meinen Einnahmen noch abzugeben habe.
 
Ich halte es auch für eine merkwürdige Vorstellung, dass jemand, der Sachvermögen erbt, etwa eine Fabrik, den geschätzten Wert dieser Sache in Geldmitteln auftreiben soll, um die "Steuerschulden" zu begleichen, die er dann sozusagen mitgeerbt hat.
 
Zu der höheren Erbschaftssteuer, die immer wieder gefordert wird, fällt mir folgendes ein: Ob es uns passt oder nicht, die Erbmasse gehört dem Erblasser, niemandem sonst, und niemand anderer als er hat darüber zu bestimmen, wem er sie vermachen will. Kann er darüber nicht mehr bestimmen, dann gilt eine gesetzliche Erbfolge. Die Linke kann gern versuchen, eine parlamentarische Mehrheit für eine Änderung dieses Verfahrens zusammenzubekommen, aber für realistisch halte ich eine solche Mehrheit nicht. Bis dahin ist es so, wie es ist.
 
Außerdem gilt auch bei Erbangelegenheiten: Die Erbmasse, wenn sie legal zustandegekommen ist, besteht aus früheren Einnahmen, die bereits schon einmal versteuert worden sind. Damit muss die Sache erledigt sein.
 
Und vorsichtshalber nochmal: Ich rede hier nicht von illegal erworbenem Vermögen. Aber das tut eben auch die Linke nicht. Deswegen halte ich das, was ihr anscheinend vorschwebt, für legalisiertes Raubrittertum.