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Monday, November 22, 2021

Rock and Roll Explorer Guide

 

Mike Katz und Crispin Kott haben bislang zwei Bände vorgelegt, ob eine Reihe daraus werden soll -- wer weiß. Beide Bände im Paperbackformat sind der Versuch, die Musikszene einer Stadt so aufzudröseln, dass Besucher sich einen Plan besuchenswerter Orte zusammenstellen können. In beiden Bänden steckt eine bemerkenswerte Recherchearbeit; die Aufmachung ist identisch. Die Adressen nicht mehr existierender Gebäude sind meist mit einem durchgestrichenen Kreis gekennzeichnet, was aber nicht immer der Fall ist -- in Amerika ist man im Abreißen ziemlich mitleidlos. Beide Bände besitzen Indexe, die leider nicht immer ganz korrekt sind. Die Bücher sind, wohl um den Umfang möglichst gering zu halten, aus einer kleinen, komprimierten serifenlosen Schrift gesetzt, was für einen alten weißen Mann das Lesen leider recht anstrengend macht.

 

 

Der erste Band, erschienen 2018, ist New York City gewidmet. Die Grundidee ist, die Stadt stadtteilweise nach Musikclubs, Kneipen, Konzerthallen, Plattenläden, Studios und gegebenenfalls auch früheren Wohnorten prominenter Rockmusiker abzugrasen, stets mit der genauen Adresse und vielfach mit Fotos dokumentiert. Dazwischen werden die Karrieren wichtiger Bands aus den jeweiligen Stadtteilen in Einzelkapiteln vorgestellt und aufgelistet, wo sie irgendwann mal aufgetreten sind, in welchen Studios sie welche Platten aufgenommen haben und was aus ihnen geworden ist.

So einleuchtend das klingt, der Haken dieser Vorgehensweise fällt schnell ins Auge: Es gibt eine Unzahl von Venues in New York, und fast alle Acts haben im Laufe ihrer Karriere in etlichen davon gespielt. Deswegen tauchen schon nach kurzer Zeit bei jeder Band immer wieder dieselben Veranstaltungsorte und dieselben Adressen auf. Das ermüdet ein wenig. Zum Durchlesen sind die Stadtteilkapitel deswegen eher nicht geeignet; sinnvoller ist es, anhand des Inhaltsverzeichnisses oder des Indexes bestimmten Bands oder Namen durch das Buch zu folgen. Dass die Auswahl der Namen angesichts der Unzahl von Bands begrenzt und subjektiv sein muss, versteht sich von selbst. Manchmal wundert man sich über die ungleiche Länge der Kapitel; die Velvet Underground etwa werden auf sechs Seiten bedient, wie auch die ur-New Yorker Talking Heads, die Beatles sogar nur auf fünf, Simon & Garfunkel erhalten immerhin neun -- wobei zuzugeben ist, dass deren Karriere um einiges nicht nur länger, sondern auch kurvenreicher verlief. Literarische Ansprüche darf man nicht stellen, aber darum geht es auch nicht.

Wer sich mit Hilfe dieses Buches durch New York City bewegt, kann beispielsweise die Häuserzeile entdecken, die auf dem Cover von Led Zeppelins Physical Graffiti zu sehen ist (96-98 St. Marks Pl) und mit Erstaunen feststellen, dass die Häuser in Wahrheit ein Stockwerk mehr besitzen als auf dem Foto. Oder man steht vor dem handtuchschmalen Gebäude einer Bankfiliale (105 2nd Ave) und wird von der Erkenntnis getroffen, dass dies einmal das legendäre Fillmore East war.

 

 

San Francisco und die Bay Area sind der Gegenstand des zweiten Bandes, erschienen 2021. Aufmachung und Aufbau sind identisch mit dem New-York-Band, aber weil San Francisco deutlich kleiner als New York ist und die Club- und Kneipendichte sehr viel niedriger ist, wird hier weniger auf die Stadtteile geschaut, sondern auf Bands. Und klar, dass der Schwerpunkt hier auf den Grateful Dead, Janis Joplin und Big Brother & The Holding Company sowie Jefferson Airplane/Starship liegt, in zweiter Reihe stehen Santana, Creedence Clearwater Revival, Quicksilver Messenger Service. Paul Kantners zweites Wohnzimmer immerhin kann man noch besuchen (Caffe Trieste, 601 Vallejo St, aber diese Adresse wusste der Fan natürlich auch schon vorher). Auch der Veranstalter Bill Graham hat ein eigenes Kapitel. Da im Gegensatz zu New York der musikalische Ruhm San Franciscos heute ein wenig verwittert ist, hält sich das Buch stärker an die selige Hippievergangenheit, was zur Folge hat, dass viele der erwähnten Clubs und Konzerthallen nicht mehr existieren. Der Winterland Ballroom etwa ist längst abgerissen, wer sich also zur Adresse 2000 Post St begibt, findet dort heute nur ziemlich einfallslose Apartmenthäuser vor. Der Carousel Ballroom, aus dem das Fillmore West wurde (10 South Van Ness Ave), beherbergte später einen Autohändler, der immerhin wusste, dass er auf musikhistorischem Grund residierte und im Hinterzimmer eine Art Fillmore-Museum betrieb. Aber auch der ist weg, heute steht dort ein neutrales Geschäftsgebäude mit einem Café. Oh Nostalgia ...

Wer also eine Musikreise plant (und sei es nur im Kopf oder per Streetview): Dies ist empfehlenswerte Lektüre.

Saturday, October 23, 2021

Treppauf, treppab

Der Corona-Shutdown scheint so manchen zu erhöhter Aktivität veranlasst zu haben. So auch Lana Del Rey, die soeben mit leichter Verzögerung ihr zweites Album in diesem Jahr vorgestellt hat: Blue Banisters, blaue Treppengeländer -- wie sinnbildlich man immer den Titel verstehen möchte.

Denn in der Tat: Lana nimmt den Hörer an die Hand und führt ihn durch eine sehr seltsame, völlig in sich geschlossene Landschaft. Blue trifft es recht gut, blau, dunkelblau ist die Stimmung des Albums. Moorlandschaft unter Vollmondlicht. Einerseits hätte Blue Banisters auch zusammen mit Chemtrails Over the Country Club als Doppelalbum erscheinen können, andererseits aber auch nicht. Bei genauerem Hinhören unterscheiden sich die Alben nämlich doch. Wenn man das Poetry-Album einmal mitrechnet, dann ist dies Lanas neunte Platte seit 2012, es ist also eine gewisse Routine eingetreten, und die zahlt sich aus. Lana Del Rey ist eine Kunstfigur und bleibt dem einmal gewählten Rollenbild auch hier wieder treu, arrangiert dessen Bauelemente aber immer wieder einmal um. Und sie weiß genau, in welchen Lagen ihre Stimme am eindrücklichsten wirkt. 

Fünfzehn Songs, die meisten um die viereinhalb Minuten lang. Die Grundstimmung (ohne hier jetzt auf die teils expliziten Texte einzugehen, die ich noch nicht alle entschlüsselt habe) ist Drama, zeitbezogen, und doch irgendwie an Hollywoods Schwarze Serie erinnernd. Das Album basiert im wesentlichen auf dem Piano, dem Grand wie dem E-Piano. Dazu kommt sparsames Schlagzeug, das gelegentlich allerdings brachial zuschlägt, irgendwo ist auch ein Morricone-Sample eingebaut. Lana rollt ihre Stimme aus wie einen samtenen Teppichläufer, auch dieser allerdings unterbrochen von gelegentlichen Ausbrüchen, die fast ins Hysterische gehen, dann aber doch wieder abgebremst werden. Sie liebt bestimmte melodische Wendungen, die immer wieder in vergleichbarer Weise auftauchen, baut in die Songs aber auch seltsame Melodiesprünge ein, bei denen man nicht immer genau weiß, ob sie einen aus der Bahn werfen sollen oder ob sie einfach kompositorisch nicht ganz zu Ende gedacht sind. Auch greift sie gern mal die inzwischen etwas aus der Mode geratenen Mittel des Tempo- und/oder Rhythmuswechsels auf.

Was mich an diesem Album besonders fasziniert hat, ist die Art der Produktion. Man hat fast den Eindruck, das Album bestünde aus zwei Klangschichtungen, einer inneren und einer äußeren. Für den erwähnten Teppichläufer (das Bild ist mir nicht aus Versehen eingefallen) werden altertümliche Platten- und Federhall-Effekte eingesetzt, die dem Ganzen einen leichten Sechziger-Jahre-Touch geben -- warm, aber nicht räumlich. Dazu kommen Einwürfe, die aus einer anderen, sehr heutigen Klangebene hinzugefügt werden und sozusagen von außen auf die innere Klangebene prallen -- das ist sehr faszinierend. Man achte auch einmal darauf, wie viele Stimmen man eigentlich hört. Dass Lana ihre Stimme gern doppelt, ist nicht neu, das ist auch hier wieder so. Hier aber singt sie punktuell ganze Chöre, die streckenweise fast an Mahlersche Fernchöre erinnern. Es ist sehr reizvoll, im Kopfhörer einmal genau darauf zu achten, wie die diversen Stimmen sich akustisch unterscheiden und im Panorama verteilt sind -- das ist alte Abba-Schule, handwerklich perfekt. 

Einige Kritiker haben Blue Banisters bereits ziemlich verrissen. Mit gefällt das Album nach einmaligem Hören sehr gut. Lediglich scheint es mir ein wenig lang geraten zu sein. Ein oder zwei Stücke weniger wären auch in Ordnung gewesen. Auf jeden Fall ist dies eine Platte, nach der man nicht sofort andere Musik hören möchte.



 

Friday, October 8, 2021

Zeitreise

Stefan Aust nennt sich "so 'ne Art Journalist", findet sich "überdurchschnittlich durchschnittlich" und gehört damit spätestens seit den späten 1960er Jahren zu den wenigen deutschen Journalisten, die ich als wichtig bezeichnen würde. Seine Reise führte ihn von der Schülerzeitung Wir über die St.-Pauli-Nachrichten zu konkret, von dort zur "Panorama"-Redaktion des NDR, zur Spiegel-Chefredaktion, er brachte mit Alexander Kluge Spiegel-TV und dessen diverse dctp-Derivate zum Laufen, er gründete XXP und übernahm damit Vox TV, war Mitgründer von n-tv, und heute ist er Herausgeber der Welt. Dass er dort mal landen würde, hätte er zu Beginn seiner Karriere sicher nicht gedacht -- obwohl: Damals war die Welt noch ein liberales Blatt. Freier Filmemacher und Buchautor ist er noch dazu. Und -- nicht zu vergessen -- Pferdenarr.

Dankenswerterweise verzichtet Aust auf langes persönliches Brimborium, er hält sich als Privatperson sympathisch zurück und nimmt uns statt dessen mit auf eine 650 Seiten lange Reise, die wahrlich den Namen "Zeitreise" verdient. Austs kritische Begeisterung für die USA macht Lust, seine Reisen nachzureisen; er hat den richtigen Blick für das Wesentliche. Von Station zu Station fallen einem die Ereignisse wieder ein -- die meisten davon hat man ja mitbekommen, nur hatte man längst vergessen, wer der Berichterstatter war: Der Besuch des Schah von Persien, der mit dem Tod Benno Ohnesorgs endete. Die Baader-Meinhof-Zeit, der Bestseller und der daraus resultierende Film (den er für sehr gelungen hält, ich bin da etwas weniger überzeugt). Die Anti-Atom-Bewegung. Die Hitler-Tagebücher. Tschernobyl. Der Mauerfall. Und, und, und; ich will es nicht alles aufzählen. Manches interessiert mehr, manches weniger. Die Story um den Agenten Mauss etwa hat mich schon damals nicht interessiert, und auch hier im Buch habe ich sie nur quergelesen. Um so interessanter aber Austs durch konkret entstandene Kontakte zu Ulrike Meinhof, bis hin zu der Geschichte, wie er ihre Kinder aus Italien nach Deutschland holte. Auch wenn Austs Erzählstil eher cool ist, so merkt man ihm doch an, dass manche Ereignisse nicht ganz so cool waren, als sie passierten. Und auch heute noch darf man pointierte, aber stets begründete Ansichten von ihm erwarten; etwa zu Fridays for Future und der heiligen Greta -- und gerade aus der Perspektive über den Atlantik ist das interessant.

Ein bisschen verblüffend ist die scheinbare Geradlinigkeit von Austs Karriere. Jede Station scheint sich aus der davor zu ergeben; man hat das Gefühl, da gab es kaum mal Zweifel oder Entscheidungen, die im Nachhinein bedauert wurden. Aber das ist eine Eigenart vieler Autobiografien. Sie resultiert aus der Rückschau, vielleicht ist das nicht zu vermeiden. Lesenswert, alles in allem. Mit Fotostrecke und einem schönen roten Lesebändchen.




 

Monday, September 27, 2021

Double Feature

Is it really seven years ago already that I had the pleasure to see Steely Dan on stage? My review says so.

Now they released a live album. Northeast Corridor.




The line-up is more or less the same as seven years ago -- only Walter Becker is missing, of course. The album is dedicated to his memory.

Recorded at four different venues, probably in 2019, the Steely Dan Band, as it's called now, played a sort of Greatest Hits set, from "Black Cow" to "Reelin' In The Years", even "Rikki Don't Loose That Number" is on the setlist, a track they didn't want to play formerly. One song from the Everything Must Go album is presented here live for the first time, "Things I Miss The Most", "A Man Ain't Supposed To Cry", an old Frankie Laine number, which appears as track 12 here, was the last encore. 

The musicians and singers, without exception, are superb. Even when Donald Fagen gets a bit into fights with the higher notes (he's 73 now, so I think he's allowed to), the four back-up singers stand in perfectly, you hardly notice how well they do it.

As you would expect from Steely Dan, the sound is absolutely first-class, the audience is audible but not mixed into the foreground, you can follow the overall sound as well as every single instrument, especially when using headphones. What else could you wish for!

But there's more!

There's also this:

 


The Steely Dan Band plays Donald's full solo album The Nightfly from 1982. The sleeves don't tell the recording dates, but it's same band and same venues, and the sound tells me that it's probably been a part of some of their 2019 shows. The vocals in "Maxine" are left completely to the back-up singers which works beautifully.

These two albums -- I think they belong together -- could easily be my records of the year. Just fantastic!

Saturday, August 21, 2021

Into the Rabbit Hole

 

Wie schnell so etwas geht. Da wollte ich einfach nur herausfinden, von wem eigentlich Manfred Weissleder das Kino kaufte, aus dem er dann den Star-Club machte. Und plötzlich war ich mitten in der Hamburger Kinogeschichte.

Auf St. Pauli, Große Freiheit 39, gab es ein Ballhaus namens "Sternsaal". 1949 erschien eine gelernte Filmvorführerin mit dem wunderbaren Namen Jeltheda Fraukina Lümmy Iderhoff aus Ostfriesland auf der Bildfläche, kaufte den bereits recht angejahrten Laden und machte daraus die Stern-Lichtspiele, ein Kino mit immerhin 750 Plätzen. Erfahrungen mit der Kinogeschäftsführung hatte sie bereits in Berlin gemacht, vorsichtshalber nahm sie als Geschäftspartner aber noch Walter Cartun dazu, der bereits einige andere St.-Pauli-Kinos betrieb. Frau Iderhoff stieg bereits 1951 wieder aus. Cartun führte die Stern-Lichtspiele allein weiter. 1962 brach ein Brand aus und das Kino hätte renoviert werden müssen. Da das Geschäft zu der Zeit nicht mehr gut lief, kam es Cartun mit Sicherheit sehr gelegen, dass Manfred Weissleder, seines Zeichens König von St. Pauli, dem schon weitgehend die linke Seite der Großen Freiheit gehörte, einen Notausgang für seine Erotic Bar im 1. Stock des Nebenhauses benötigte. Die einzige Möglichkeit, die er dafür hatte, war ein Wanddurchbruch zum Kino, und Cartun nutzte die Gelegenheit, das Gebäude loszuwerden, indem er es Weissleder verkaufte. Der hatte nun den Notausgang, den er brauchte, und ein renovierungsbedürftiges Kino, das er nicht brauchte. Als dann Horst Fascher, Rausschmeißer im Indra, ihm vorschlug, einen Musikclub zu starten, wusste er, wozu das Kino zu gebrauchen war, und so wurde wieder eine Art Ballhaus daraus. Star-Club hieß der Laden dann deshalb, weil Weissleder, praktisch denkend, wie er war, auf diese Weise den Neonstern an der Fassade weiter verwenden konnte. Der ist heute ein Ausstellungsstück im Museum für Hamburgische Geschichte.

Dann stieß ich im Web auf ein Foto der Frau Iderhoff, und es dämmerte mir, dass ich sie kannte. Da war ich wohl 11 oder 12 Jahre alt. Sie hatte nämlich 1951 eine kleine Kinokette gegründet: vier Stadtteilkinos namens "Roxy", und eines davon lag in der Osterstraße in Eimsbüttel, fünf Minuten von unserer Wohnung entfernt, und kinoverrückt, wie ich als Kind schon war, habe ich ungezählte Jugendvorstellungen dort zugebracht. Die liefen immer Sonntags um 11 Uhr; ich erinnere mich unter anderem an die Fantomas-Trilogie, an U-2000, viele Donald-Duck-Filme und vieles mehr.

An Kinos faszinierte mich wirklich alles, und ich habe dem Personal Löcher in den Bauch gefragt -- wo die Lautsprecher sind, was das für eine Folie in den Schaukästen ist, ob sie die "Heute"- und "In Kürze"-Schilder selber gemalt hätten, wie man das Licht dunkler werden lassen konnte (von Dimmern wusste ich noch nichts), wie man die Fotos in den Schaukästen nennt ("Lobbycards", mir unvergesslich), ob man diese Klappsitze eigentlich fertig kaufen könnte, und, und, und. Ich hatte da keinerlei Skrupel. Und -- das habe ich erst jetzt auf dem Foto wiedererkannt -- eines meiner Opfer war jene Frau Iderhoff. Sie war nicht immer da, ich wusste nicht, wie sie heißt, und schon gar nicht, dass sie die Besitzerin war. Aber sie war sehr geduldig mit mir. Beiläufig habe ich ihr erzählt, dass meine Tante Else (genau gesagt: meine Großtante) in den Eidelstedter Lichtspielen an der Kasse gesessen hatte und jetzt im Esplanade war. Das Esplanade war Hamburgs prachtvollstes Uraufführungskino, ein ehemaliger Ballsaal in einem Hotel.

Tatsächlich, Frau Iderhoff kannte meine Tante. Sie gab mir schöne Grüße mit auf den Weg. Damit war ich für sie dann wohl irgendwie in der Kinofamilie, und plötzlich durfte ich sogar einen Blick in den Vorführraum werfen.

Tante Else gelangte zu 15 Minutes of Fame, als im August 1970 am hellichten Tag die Esplanade-Kasse überfallen wurde. Das ging durch die Presse, und wie ich vermute, wird sie die Zeitungsartikel gerahmt haben. Der Täter wurde nie gefasst, sehr groß kann seine Beute nicht gewesen sein. Das Kino schloss 1982, stimmungsvoll mit Viscontis Tod in Venedig.

1968 wurde das Roxy geschlossen, das Kinosterben machte auch vor der Osterstraße nicht Halt. Das kleine Urania war schon lange weg, McDonald's zog ein, das Emelka, 100 Meter vom Roxy entfernt, hielt sich auch nicht mehr lange. Immer hatte ich gerätselt, was das für ein seltsamer Name sei -- "Emelka". Die taten da allerdings immer sehr geheimnisvoll. Aber irgendwann hat es mir die Kartenabreißerin verraten: Das Kino gehörte ursprünglich zu einer Filmproduktionsfirma, der Münchner Lichtspielkunst -- MLK. Da musste man erstmal drauf kommen. 1969 zog dort ein Pro-Markt ein, dem man bis heute ansieht, dass er mal ein Kino war Und das Roxy wurde abgerissen. Ich klaute aus den Trümmern ein paar Lobbycards und ein "Heute"-Schild. So lebte das Kino in meinem Kinderzimmer noch eine Weile fort.

Noch heute kann ich an keinem Kino vorbeigehen, ohne die Fassade zu fotografieren. Und noch immer habe ich einen fast untrüglichen Blick dafür, ob ein Gebäude mal ein Kino war. Und davon gibt es viele. 

Der Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert schrieb einmal ein Kurzgeschichte namens "Der Stiftzahn", in der er einen Kinobesuch schildert, in dem jemand vor Lachen seinen Rahmbonbon mit Stiftzahn verliert. Ich bin als Student nach Eppendorf gezogen und wohnte dort quasi "um die Ecke" von Borcherts Haus. Immer habe ich mich gefragt: In welchem Kino war das wohl? Es hatte ein paar Kinos in Eppendorf gegeben (auch dort war Frau Iderhoff mit einem Roxy präsent, aber natürlich viel später). Eine Stadtteilführung löste das Rätsel: Das Kino war genau gegenüber meiner Wohnung gewesen. Es hieß "Viktoria-Lichtspiele" und war mit ungefähr 200 Sitzen das, was man in Hamburg als "Flohkiste" zu bezeichnen pflegte.

Das Kino war 1963 geschlossen worden, aber wenn man sich den Spar-Markt, der jetzt darin war, genauer ansah, dann war der Grundriss eindeutig. Der Seitenausgang zur Straße war noch da, er diente jetzt als Lieferanteneingang, auch der Vorführraum war noch klar im Haus zu lokalisieren. Nach dem Spar-Laden zog Schlecker ein, was nach dem gekommen ist, habe ich nicht mehr mitbekommen.

Ein Buch, das seit Jahren mehr oder weniger ungelesen bei mir im Regal stand, habe ich jetzt wiederentdeckt. Eine unglaubliche Fleißarbeit. Da findet man sie alle wieder, die Kinos. Auf dem Cover sieht man das Harmonie-Kino in Wandsbek, in dem offensichtlich gerade Der Würger von Schloss Blackmoor gezeigt wurde -- der einzige Film aus der Edgar-Wallace-Reihe, dessen Musik nicht von Peter Thomas, sondern von Oskar Sala und seinem Mixturtrautonium stammt. Den habe ich auch mal besucht, in seinem Charlottenburger Studio. Die Welt ist klein.

Michael Töteberg, Volker Reißmann:
Mach dir ein paar schöne Stunden -- Das Hamburger Kinobuch.
Edition Temmen, Bremen 2008.

 

So war das.

Wednesday, August 4, 2021

Greentea Peng

 


Before the world is drowning in the current Billie Eilish hype, here's something that's interesting too. Greentea Peng of London rediscovers not only Trip-Hop but also the transverse flute. For the sake of cosmic harmony, all instruents are tuned down to 432 Hz instead of the usual 440 Hz. I don't know what the cosmos has to say about it, but for me it sounds good.




Thursday, June 17, 2021

[AT 09] Asmus Tietchens: Musik an der Grenze

 

Man dürfe nie vergessen, so schrieb Asmus Tietchens einmal, dass wir von unheimlichen Dingen umgeben seien.

Eines davon heißt Musik an der Grenze. Es handelt sich um eine Cassettenproduktion, die vierte einer Art Werkreihe, 1982 in England veröffentlicht. Dies ist ebenso harte Kost wie schon der Vorgänger Musik im Schatten. Während die allerdings ihren Schwerpunkt vorrangig auf brachialen Sounds hatte, wird hier weniger mit Sounds als mit Wiederholungen kurzer Patterns gearbeitet. Klangquellen sind wieder der Moog Sonic Six, außerdem steuerte Okko Bekker zusätzliche Synthesizerklänge bei. In Track 4, "Titanic", scheint mir sogar einmal ein Sequenzer im Einsatz zu sein, der sonst in der Musik Asmus Tietchens' keine große Rolle spielt. Die Wiederholungen basieren auf Tapeloops, die der Meister unter dem Pseudonym Loop de Vega angefertigt hat.

Das Kernstück ist die zehnminütige "Kultmusik für ein altes Ländle". Das klingt gemütlich, ist es aber nicht. Über einer Art Bordunklang und ringmodulierten Geräuschen liegen seltsame, verhangene Chöre und verzerrte, klagende, teils anscheinend weinende oder schreiende Stimmen, immer aber bleiben sie undeutlich; man ahnt sie mehr als dass man sie hört. Dazu setzt nach etwa einer Minute eine verdoppelte und verhallte Stimme ein, die monoton, getragen, unablässig und von dumpfen Trommelschlägen begleitet den Satz "Austria es it orbis ultimo" wiederholt. So jedenfalls höre ich den Satz, der sich offenkundig an das alte Habsburger-Motto "Austria est imperare orbi universo" (oder auch A.E.I.O.U.) anlehnt. Grammatikalisch ergibt der Satz wenig Sinn, aber das macht nichts, der Tonfall, in dem er gesprochen wird, und die endlose Wiederholung entfalten Wirkung: Im Kopfhörer gehört erzeugt dieses Stück eine hypnotische und gleichzeitig zunehmend beklemmende Stimmung.

Musik für zwei Uhr nachts, wenn man gute Nerven hat.

 

Musik an der Grenze
Yorkhouse Records YHR 024 (England 1982)

Wiederveröffentlicht wiederum als Cassette auf Auricle Music 025 (England 1987)