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Saturday, August 21, 2021

Into the Rabbit Hole

 

Wie schnell so etwas geht. Da wollte ich einfach nur herausfinden, von wem eigentlich Manfred Weissleder das Kino kaufte, aus dem er dann den Star-Club machte. Und plötzlich war ich mitten in der Hamburger Kinogeschichte.

Auf St. Pauli, Große Freiheit 39, gab es ein Ballhaus namens "Sternsaal". 1949 erschien eine gelernte Filmvorführerin mit dem wunderbaren Namen Jeltheda Fraukina Lümmy Iderhoff aus Ostfriesland auf der Bildfläche, kaufte den bereits recht angejahrten Laden und machte daraus die Stern-Lichtspiele, ein Kino mit immerhin 750 Plätzen. Erfahrungen mit der Kinogeschäftsführung hatte sie bereits in Berlin gemacht, vorsichtshalber nahm sie als Geschäftspartner aber noch Walter Cartun dazu, der bereits einige andere St.-Pauli-Kinos betrieb. Frau Iderhoff stieg bereits 1951 wieder aus. Cartun führte die Stern-Lichtspiele allein weiter. 1962 brach ein Brand aus und das Kino hätte renoviert werden müssen. Da das Geschäft zu der Zeit nicht mehr gut lief, kam es Cartun mit Sicherheit sehr gelegen, dass Manfred Weissleder, seines Zeichens König von St. Pauli, dem schon weitgehend die linke Seite der Großen Freiheit gehörte, einen Notausgang für seine Erotic Bar im 1. Stock des Nebenhauses benötigte. Die einzige Möglichkeit, die er dafür hatte, war ein Wanddurchbruch zum Kino, und Cartun nutzte die Gelegenheit, das Gebäude loszuwerden, indem er es Weissleder verkaufte. Der hatte nun den Notausgang, den er brauchte, und ein renovierungsbedürftiges Kino, das er nicht brauchte. Als dann Horst Fascher, Rausschmeißer im Indra, ihm vorschlug, einen Musikclub zu starten, wusste er, wozu das Kino zu gebrauchen war, und so wurde wieder eine Art Ballhaus daraus. Star-Club hieß der Laden dann deshalb, weil Weissleder, praktisch denkend, wie er war, auf diese Weise den Neonstern an der Fassade weiter verwenden konnte. Der ist heute ein Ausstellungsstück im Museum für Hamburgische Geschichte.

Dann stieß ich im Web auf ein Foto der Frau Iderhoff, und es dämmerte mir, dass ich sie kannte. Da war ich wohl 11 oder 12 Jahre alt. Sie hatte nämlich 1951 eine kleine Kinokette gegründet: vier Stadtteilkinos namens "Roxy", und eines davon lag in der Osterstraße in Eimsbüttel, fünf Minuten von unserer Wohnung entfernt, und kinoverrückt, wie ich als Kind schon war, habe ich ungezählte Jugendvorstellungen dort zugebracht. Die liefen immer Sonntags um 11 Uhr; ich erinnere mich unter anderem an die Fantomas-Trilogie, an U-2000, viele Donald-Duck-Filme und vieles mehr.

An Kinos faszinierte mich wirklich alles, und ich habe dem Personal Löcher in den Bauch gefragt -- wo die Lautsprecher sind, was das für eine Folie in den Schaukästen ist, ob sie die "Heute"- und "In Kürze"-Schilder selber gemalt hätten, wie man das Licht dunkler werden lassen konnte (von Dimmern wusste ich noch nichts), wie man die Fotos in den Schaukästen nennt ("Lobbycards", mir unvergesslich), ob man diese Klappsitze eigentlich fertig kaufen könnte, und, und, und. Ich hatte da keinerlei Skrupel. Und -- das habe ich erst jetzt auf dem Foto wiedererkannt -- eines meiner Opfer war jene Frau Iderhoff. Sie war nicht immer da, ich wusste nicht, wie sie heißt, und schon gar nicht, dass sie die Besitzerin war. Aber sie war sehr geduldig mit mir. Beiläufig habe ich ihr erzählt, dass meine Tante Else (genau gesagt: meine Großtante) in den Eidelstedter Lichtspielen an der Kasse gesessen hatte und jetzt im Esplanade war. Das Esplanade war Hamburgs prachtvollstes Uraufführungskino, ein ehemaliger Ballsaal in einem Hotel.

Tatsächlich, Frau Iderhoff kannte meine Tante. Sie gab mir schöne Grüße mit auf den Weg. Damit war ich für sie dann wohl irgendwie in der Kinofamilie, und plötzlich durfte ich sogar einen Blick in den Vorführraum werfen.

Tante Else gelangte zu 15 Minutes of Fame, als im August 1970 am hellichten Tag die Esplanade-Kasse überfallen wurde. Das ging durch die Presse, und wie ich vermute, wird sie die Zeitungsartikel gerahmt haben. Der Täter wurde nie gefasst, sehr groß kann seine Beute nicht gewesen sein. Das Kino schloss 1982, stimmungsvoll mit Viscontis Tod in Venedig.

1968 wurde das Roxy geschlossen, das Kinosterben machte auch vor der Osterstraße nicht Halt. Das kleine Urania war schon lange weg, McDonald's zog ein, das Emelka, 100 Meter vom Roxy entfernt, hielt sich auch nicht mehr lange. Immer hatte ich gerätselt, was das für ein seltsamer Name sei -- "Emelka". Die taten da allerdings immer sehr geheimnisvoll. Aber irgendwann hat es mir die Kartenabreißerin verraten: Das Kino gehörte ursprünglich zu einer Filmproduktionsfirma, der Münchner Lichtspielkunst -- MLK. Da musste man erstmal drauf kommen. 1969 zog dort ein Pro-Markt ein, dem man bis heute ansieht, dass er mal ein Kino war Und das Roxy wurde abgerissen. Ich klaute aus den Trümmern ein paar Lobbycards und ein "Heute"-Schild. So lebte das Kino in meinem Kinderzimmer noch eine Weile fort.

Noch heute kann ich an keinem Kino vorbeigehen, ohne die Fassade zu fotografieren. Und noch immer habe ich einen fast untrüglichen Blick dafür, ob ein Gebäude mal ein Kino war. Und davon gibt es viele. 

Der Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert schrieb einmal ein Kurzgeschichte namens "Der Stiftzahn", in der er einen Kinobesuch schildert, in dem jemand vor Lachen seinen Rahmbonbon mit Stiftzahn verliert. Ich bin als Student nach Eppendorf gezogen und wohnte dort quasi "um die Ecke" von Borcherts Haus. Immer habe ich mich gefragt: In welchem Kino war das wohl? Es hatte ein paar Kinos in Eppendorf gegeben (auch dort war Frau Iderhoff mit einem Roxy präsent, aber natürlich viel später). Eine Stadtteilführung löste das Rätsel: Das Kino war genau gegenüber meiner Wohnung gewesen. Es hieß "Viktoria-Lichtspiele" und war mit ungefähr 200 Sitzen das, was man in Hamburg als "Flohkiste" zu bezeichnen pflegte.

Das Kino war 1963 geschlossen worden, aber wenn man sich den Spar-Markt, der jetzt darin war, genauer ansah, dann war der Grundriss eindeutig. Der Seitenausgang zur Straße war noch da, er diente jetzt als Lieferanteneingang, auch der Vorführraum war noch klar im Haus zu lokalisieren. Nach dem Spar-Laden zog Schlecker ein, was nach dem gekommen ist, habe ich nicht mehr mitbekommen.

Ein Buch, das seit Jahren mehr oder weniger ungelesen bei mir im Regal stand, habe ich jetzt wiederentdeckt. Eine unglaubliche Fleißarbeit. Da findet man sie alle wieder, die Kinos. Auf dem Cover sieht man das Harmonie-Kino in Wandsbek, in dem offensichtlich gerade Der Würger von Schloss Blackmoor gezeigt wurde -- der einzige Film aus der Edgar-Wallace-Reihe, dessen Musik nicht von Peter Thomas, sondern von Oskar Sala und seinem Mixturtrautonium stammt. Den habe ich auch mal besucht, in seinem Charlottenburger Studio. Die Welt ist klein.

Michael Töteberg, Volker Reißmann:
Mach dir ein paar schöne Stunden -- Das Hamburger Kinobuch.
Edition Temmen, Bremen 2008.

 

So war das.

Wednesday, August 4, 2021

Greentea Peng

 


Before the world is drowning in the current Billie Eilish hype, here's something that's interesting too. Greentea Peng of London rediscovers not only Trip-Hop but also the transverse flute. For the sake of cosmic harmony, all instruents are tuned down to 432 Hz instead of the usual 440 Hz. I don't know what the cosmos has to say about it, but for me it sounds good.




Thursday, June 17, 2021

[AT 09] Asmus Tietchens: Musik an der Grenze

 

Man dürfe nie vergessen, so schrieb Asmus Tietchens einmal, dass wir von unheimlichen Dingen umgeben seien.

Eines davon heißt Musik an der Grenze. Es handelt sich um eine Cassettenproduktion, die vierte einer Art Werkreihe, 1982 in England veröffentlicht. Dies ist ebenso harte Kost wie schon der Vorgänger Musik im Schatten. Während die allerdings ihren Schwerpunkt vorrangig auf brachialen Sounds hatte, wird hier weniger mit Sounds als mit Wiederholungen kurzer Patterns gearbeitet. Klangquellen sind wieder der Moog Sonic Six, außerdem steuerte Okko Bekker zusätzliche Synthesizerklänge bei. In Track 4, "Titanic", scheint mir sogar einmal ein Sequenzer im Einsatz zu sein, der sonst in der Musik Asmus Tietchens' keine große Rolle spielt. Die Wiederholungen basieren auf Tapeloops, die der Meister unter dem Pseudonym Loop de Vega angefertigt hat.

Das Kernstück ist die zehnminütige "Kultmusik für ein altes Ländle". Das klingt gemütlich, ist es aber nicht. Über einer Art Bordunklang und ringmodulierten Geräuschen liegen seltsame, verhangene Chöre und verzerrte, klagende, teils anscheinend weinende oder schreiende Stimmen, immer aber bleiben sie undeutlich; man ahnt sie mehr als dass man sie hört. Dazu setzt nach etwa einer Minute eine verdoppelte und verhallte Stimme ein, die monoton, getragen, unablässig und von dumpfen Trommelschlägen begleitet den Satz "Austria es it orbis ultimo" wiederholt. So jedenfalls höre ich den Satz, der sich offenkundig an das alte Habsburger-Motto "Austria est imperare orbi universo" (oder auch A.E.I.O.U.) anlehnt. Grammatikalisch ergibt der Satz wenig Sinn, aber das macht nichts, der Tonfall, in dem er gesprochen wird, und die endlose Wiederholung entfalten Wirkung: Im Kopfhörer gehört erzeugt dieses Stück eine hypnotische und gleichzeitig zunehmend beklemmende Stimmung.

Musik für zwei Uhr nachts, wenn man gute Nerven hat.

 

Musik an der Grenze
Yorkhouse Records YHR 024 (England 1982)

Wiederveröffentlicht wiederum als Cassette auf Auricle Music 025 (England 1987)

Wednesday, May 26, 2021

3 x PSB

 Es gibt drei Nachrichten, die Pet Shop Boys betreffend:

 


Diese Single. Sie ist etwa so kratzig wie der Pullover aussieht. "Cricket Wife" ist ein fast zehn Minuten langes Stück mit verschlungener Melodie, das auf einem Gedicht von Neil Tennant basiert. Es kommt ohne -- wie heißt es immer so schön -- Kirmesdisco daher, statt dessen wird der Song getragen von sinfonischen Klängen. Einziger Haken: Diese Klänge sind synthetisch, sollen aber wie ein Orchester klingen. Hätte man statt dieser elektronischen Sounds ein wirkliches Orchester eingesetzt, hätte dies eine interessante Nummer werden können. So ist sie leider nichts Halbes und nichts Ganzes.

Auf der B-Seite bzw. als zweiter Track findet sich eine neue Abmischung von "West End Girls", die sogenannte "Lockdown-Version", was schon darauf hindeutet, dass sie nicht im Studio, sondern in Neils und Chris' jeweiligen Wohnungen entstanden ist.

Schon das Coverfoto ist zum Liebhaben. An den Film My Beautiful Laundrette von Stephen Frears erinnern sich sicherlich noch alle. Im September 2019 entstand in Leicester eine Bühnenversion des Stücks, zu der die Pet Shop Boys zwei Songs und einige Zwischenmusiken lieferten. Die EP war zunächst nur in Verbindung mit dem jährlichen "Annual"-Buch der beiden zu erhalten, nun gibt es sie auch zum Download. Hörenswert.

Und, am Rande bemerkt: Ein interessanter Trend, dem die Pet Shop Boys hier folgen. Wenn es früher einmal üblich war, in dem einen Jahr ein neues Album zu produzieren und im darauffolgenden mit dem Album zu touren, so ist die Popwelt inzwischen derartig schnell geworden, dass ein neues Album nach zwei Jahren heute bereits als "Comeback" gewertet werden würde. Immer mehr Stars und Sternchen gehen deshalb dazu über, statt eines Albums nur noch EPs zu produzieren -- dies dann aber jährlich. In einer Zeit, da sich Popkarrieren oft nur noch nach Monaten bemessen, ist das wohl konsequent, damit der Name nicht vergessen geht. 


 


Discovery -- Live in Rio 1994 war bislang nur als VHS-Cassette oder als Laserdisc zu haben und natürlich längst vergriffen. Nun gibt es den Konzertmitschnitt wieder, diesmal auf zwei CDs und einer DVD. Das Konzert überrascht wenig, "Tonight Is Forever" eröffnet die Show, und die enthusiasmierten Cariocas sehen das offenkundig auch so. Die Bühne kommt mit großer Showtreppe daher, die Show ist perfekt geprobt, auch die bereits gewohnten Kostümwechsel kommen zuverlässig. 1994 gab es zwischendurch im Konzert noch eine Art "unplugged"-Runde, in der Neil zur Gitarre greift; in späteren Konzerten findet man dies nicht mehr; in der Dampfhammernummer "Paninaro" sprechsingt hier auch einmal Chris. Wie oft, haben die Pet Shop Boys auch hier eine Backup-Sängerin vom Feinsten engagiert: Katie Kissoon, die man von Mac & Katie Kissoon bis hin zum Orchester James Last kennt. In einer wunderbaren Kombination des Songs "It's A Sin" mit dem alten Gloria-Gaynor-Hit "I Will Survive" singt sie die Gaynor-Teile. Außerdem gibt es die Coverversion des Blur-Titels "Boys & Girls", der es mit dem Original aufnehmen kann. Verblüffend, wenn man darüber nachdenkt, ist die Tatsache, dass selbst 1994 einige der dargebotenen Hits schon über zehn Jahre alt waren. Die Jungs sind tatsächlich schon lange dabei. Auf Betriebstemperatur kommt die Show erst im letzten Drittel, dann allerdings wirklich.

Weniger ansprechend finde ich die Tänzer -- etliche Go-Go-Girls und -Boys erinnern an alte Beat-Club-Zeiten, zeitweilig geht das Ganze in mir etwas zu schwül geratene Schmuseszenen sowohl m/w als auch mm/ww über. Ich weiß nicht, ob das 1994 noch ein Tabubruch war, festzuhalten bleibt jedenfalls, dass jeder zweitklassige Stripschuppen auf St. Pauli solche Szenen besser über die Bühne bringen könnte.

Die Aufnahmen sind naturgemäß Videoaufnahmen, und man hat darauf verzichtet, sie mit heutigen technischen Mitteln zu verbessern. So sieht man dann seit langer Zeit wieder einmal Bilder im Format 4:3 und dazu kräftiges Farbrauschen bei blauem und rotem Scheinwerferlicht. Auch der Ton auf den beiden CDs ist kaum nachbearbeitet worden, klingt ein wenig matt und unterscheidet sich nicht von dem der DVD; lediglich habe ich das Gefühl, dass auf den CDs das Publikum etwas stärker in den Vordergrund gehoben wurde. 

Für Fans.

Womit der Chronistenpflicht Genüge getan sei. 


(Zuerst erschienen in manafonistas.de)

Tuesday, April 13, 2021

Krautrock Books

My esteemed publisher has compiled a list of almost all available book publications on the subject of krautrock:



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Sunday, April 11, 2021

Violinen wachsen nicht auf Bäumen


Seit 1970 produziert Klaus Schulze Platte um Platte -- unmöglich fast, auch nur einen Teil davon zu kennen, wenn man nicht wirklich "die-hard fan" ist. Zu denen zähle ich nicht, gleichwohl ist die Musik Klaus Schulzes für mich ein Wegbegleiter durch die Jahrzehnte gewesen.

Verblüffend, dass es in all den Jahren keine vernünftige Biografie gegeben hat. Es mag damit zusammenhängen, dass Schulze sein Privatleben privat hält. Auch in dieser vor kurzem erschienenen Biografie von Olaf Lux (den man sicher als "die-hard fan" bezeichnen darf) findet sich darüber eher wenig. Das schadet aber nichts; das Wenige, das man erfährt, lässt darauf schließen, dass Schulzes Leben im Prinzip relativ unspektakulär verlaufen und er selbst bei allem Erfolg ziemlich bodenständig geblieben ist.

"Violinen wachsen nicht auf Bäumen" ist ein Ausspruch, den Klaus Schulze Journalisten und anderen Fragern entgegenhält, die den Synthesizer für kalte Technik und auf ihm gespielte Musik für "künstlich" oder "tot" halten. Dieses Argument trägt schon deshalb nicht, weil auch Gitarren oder eben Geigen Produkte einer hochstehenden Technologie sind, außerdem spielen Synthesizer nicht von allein, sondern bringen nur das an den Lautsprecher, was ein Musiker aus dem Instrument macht. Das bedeutet: Man muss auch das Spielen auf einem Synthesizer erlernen, und bis man das Instrument beherrscht, stecken hunderte, wenn nicht tausende von Stunden darin.

Elektronikfans haben allerdings leicht mal die Tendenz, die elektronischen Instrumente zum Fetisch zu erheben. Die manchmal ellenlangen Listen des verwendeten Equipments auf LP-Covern (auch Schulzes) sprechen Bände. Olaf Lux weiß die Instrumente einzuordnen, fällt aber dieser Fetischisierung nicht anheim. Platte für Platte wird in chronologischer Reihung vorgestellt, gelegentlich kurz von Exkursen unterbrochen, die auf Weggefährten, Plattenfirmengründungen und -pleiten, Live-Situationen, Schulze als Produzent und andere Dinge eingehen, auch Schulzes jahrelange Alkoholprobleme werden nicht verschwiegen. Das meiste war mir nicht neu, aber trotzdem findet sich zu fast jeder Platte irgendeine Hintergrundinformation, die ich noch nicht gehört hatte. Die Arbeit, das alles zusammenzutragen, muss enorm gewesen sein (zumal Schulze selbst für den Verfasser nicht zu sprechen war). 

Wenn ein Fan die Biografie seines Stars schreibt, ist das immer ein Seiltanz. Der ist hier im Großen und Ganzen geglückt. Das eine oder andere kritische Wort zu Schulzes überbordender Veröffentlichungspolitik hätte ich mir schon gewünscht, und für mein Gefühl sind viele Platten Schulzes einfach zu lang. Aber das ist Geschmacksache. Wenn ich sagen sollte, welche Platten von Schulze ich für wirklich wichtig halte, dann fallen mir fünf oder sechs ein -- die allerdings sind dann wirkliche Meilensteine.

Wer sich für Klaus Schulze interessiert, kann unbesorgt zugreifen, wer ihn nicht mag, wird mit diesem Buch nicht viel anfangen können. "Violinen wachsen nicht auf Bäumen" ist gut geschrieben und handwerklich gut gemacht, auch wenn man sieht, dass es kein professionelles Satzbild ist. Das Buch hat -- was bei selbstpublizierten Werken aus Kostengründen nicht immer selbstverständlich ist -- eine gut lesbare Schrift (mein Tipp: Century Schoolbook oder eine ähnliche) in gut lesbarer Schriftgröße (die meisten Leser werden schließlich nicht mehr die jüngsten sein), ist parallel in deutscher und englischer Sprache erhältlich, hat 540 Seiten, kostet 39,99€ und ist nur hier zu beziehen.


(Diese Besprechung wurde zuerst auf manafonistas.de veröffentlicht.)

Wednesday, April 7, 2021

Käsebier


In den 1920er Jahren gab es im Norden Berlins "Carows Lachbühne". "Und lassen ein infernalisch-langes Programm über uns ergehen: Steptänzer; eine sehr gute Akrobatengruppe; ein unsägliches Melodram, in der umfangreichen Hauptrolle die ebensolche Frau Direktor; ein Kritiker, über den das Publikum jucheit … Das Publikum freut sich überhaupt über alles, am meisten die Frauen, bei denen der Analhumor jeden anderen hinreichend vertritt," schrieb Tucholsky über diese Bühne. Nun kenne ich mich in den 1920ern ganz gut aus, und immer wusste ich irgendwoher, dass Erich Carow wohl das Vorbild für eine Romanfigur gewesen ist, habe aber nie herausfinden können, für wen und was für ein Roman das gewesen sein soll. Ich weiß es jetzt, und ich weiß nun auch, dass die Autorin Carow nicht als Vorbild beabsichtigt hatte. Die Presse klebte dem Roman aus Reklamegründen das Etikett "Schlüsselroman" an, und Carow wurde den Käsebier nie mehr los.

Um dieses Buch nämlich geht es: Käsebier erobert den Kurfürstendamm, geschrieben 1931 von Gabriele Tergit. Die Geschichte beginnt im Winter 1929. Ein Reporter der "Berliner Rundschau" sieht in einem Berliner Vorstadtkabarett in der Hasenheide den nicht unbegabten, aber durchaus mittelklassigen Volkssänger Georg Käsebier, und weil er sich in seiner Redaktion hocharbeiten möchte, schreibt er Käsebier zum Megatalent hoch. Damit tritt er eine Lawine los, die gesamte Presse steigt darauf ein und schießt Käsebier in die Umlaufbahn. Seine Auftritte sind ausverkauft, Karten werden schwarz gehandelt, eine Tournee startet, die Märkte werden geflutet mit Käsebier-Biografien, Fotobänden, Zigaretten, Puppen, Schallplatten, Ufa-Filmen. Das Ganze gipfelt darin, dass ihm ein eigenes Theater am Kurfürstendamm gebaut wird, mit Garagen, Läden und Wohnungen.

Die sich allerdings als völlig verbaut, am Bedarf vorbei entworfen und deshalb unvermietbar herausstellen. Und nach einem Jahr ist Käsebiers Höhenflug ohnehin beendet, er ist so schnell aus der Mode geraten, wie er Mode wurde. Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass das Theater am Ende abgerissen wird, Käsebier unerkannt in Kneipen auftritt, Handwerker pleite sind, die "Berliner Rundschau" zu einem Krawallblatt modernisiert worden ist, das eingestellt wird -- während der Geschäftsmann, der das angerichtet hat, schon wieder mit gutem Gehalt woanders im Trockenen sitzt. Man kennt diese Mechanismen, sie unterscheiden sich nicht sehr von den heutigen.

Aber das alles ist nur der rote Faden, der Witz des Romas liegt anderswo. Gabriele Tergit war Gerichtsreporterin des "Berliner Tageblatts", damals eine der großen Berliner Tageszeitungen mit einer Viertelmillion Auflage, zweimal täglich erscheinend. Sie hat in diesem Buch das Kunststück fertiggebracht, alle möglichen Typen geradezu glashart und trotzdem mit großer Sensibilität zu portraitieren -- die berühmten "Schöneberger Witwen", die in ihren 12- bis 14-Zimmer-Wohnungen leben, von denen sie allerdings aus finanziellen Gründen schon zehn untervermietet haben, die Redaktionskollegen (zwei davon sind unmittelbare Denkmäler von Kollegen Tergits), das gesamte Geschwerl, das immer dort ist, wo die politische Stimmung und die Gewinnerwartung hintendiert, der kleine Unternehmer, der durch die Fehler anderer so verschuldet ist, dass ihm nur noch die Pistole bleibt, die großspurigen Mini-Goebbels, die ganz klein werden, wenn es gilt, Farbe zu bekennen, die fast schon zynischen gebildeten und gelangweilten Mittdreißigerinnen mit Doktortitel, die auch mit Körpereinsatz arbeiten, um geheiratet zu werden. Aber nicht immer ist das Zynismus. In der Person Käte spiegelt Tergit eine enge Freundin, und man versteht, wie jemand so wird. Der zunehmende, schleichende Antisemitismus, die dunklen Wolken am Horizont, die sich ausbreitenden Nazis, sie sind da. Nicht als Hauptthema, sondern als Bestandteil des Alltags und des Berufs. Und wer will, lernt in diesem Buch präzise, wie damals eine Zeitung gemacht wurde, von der Redaktionshierarchie bis zum Metteur (weiß noch jemand, was ein Metteur war?).

Das Faszinierende dabei ist, dass Tergit durchgehend über die fast 380 Seiten fast ausschließlich Dialoge einsetzt. Dabei trifft sie das Vokabular und die Sprechweise der diversen Typen und Charaktere punktgenau -- das lernt man wohl bei Gerichtsverhandlungen, aber man muss auch ein Ohr dafür haben, und das hatte sie. Dass es bei diesem Endlosgerede manchmal zu Längen kommt, ist klar, macht aber nichts. Es dauert ein bisschen, bis man die Fäden beieinander hat, aber ab dann läuft man die Strecke mit und genießt, wie genau man fast die Stimmen hört. Die Trauerrede für die an Tuberkolose gestorbene zwölfjährige Tochter einer Kollegin wird in voller Länge wiedergegeben, man weint am Ende fast mit -- merkt aber dann zunehmend, dass der Redner, der kurz zuvor im Zuge der Modernisierung der "Rundschau" gefeuerte altgediente Redakteur Miermann (einer der beiden Redaktionskollegen, denen Tergit ein Denkmal gesetzt hat) hier gleichzeitig sein eigenes Testament verliest. Denn kurz darauf fällt er auf der Straße tot um, und obwohl er nie aktiv religiös war, fallen ihm als letzte Worte ein: "Schmah isroel, adonoi elohenu adonoi echod." Und man möchte die Figuren, die sich dann auf seiner Beerdigung in seinem Licht sonnen, mit dem Waschlappen erschlagen. -- Tergit selbst hatte wohl ein wenig Skrupel wegen der Häufung jüdisch klingender Namen in dem Roman, aber die Lektorin überzeugte sie davon, daran nichts zu ändern, und ich denke, sie hatte recht. Tergit dürfte ohnehin gewusst haben, wovon sie sprach. Ihr wirklicher Name war Elise Hirschmann, sie schrieb auch für die "Vossische Zeitung" und die "Weltbühne" und landete nach einem ihrer Prozessberichte auf der Gegnerliste der Nazis. 1933 überfiel die SA ihre Wohnung. Sie ging mit Mann und Sohn dann zunächst ins Versteck, später ins Exil.

Verblüffend ist die Radikalität, mit der Tergit gegen Ende des Romans alles, aber wirklich alles, zu Bruch gehen lässt. Und das alles ist (fast) immer logisch und der Wirklichkeit abgelauscht. Meine Top-Bücher, die diese Zeit wiedergeben, waren und sind bis jetzt Erich Kästners "Fabian" (ich empfehle die rekonstruierte Originalfassung, die vor ein oder zwei Jahren unter dem von Kästner ursprünglich vorgesehenen Titel "Der Gang vor die Hunde" erschienen ist), und Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?". Zukünftig wird Gabriele Tergits Roman bei mir in derselben Reihe stehen, und ich werde ihn nicht zum letzten Mal gelesen haben.



 (Dieser Post erschien zuerst in manafonistas.de)