Jan Reetze
Music, media and more | Musik, Medien und mehr
Sunday, June 28, 2026
Friday, May 29, 2026
Let X=X
(English: scroll down, please)
Let X=X live. Das ist zwischendurch auf drei LPs oder zwei CDs mal wieder ein Lebenszeichen von Laurie Anderson. Die hier dokumentierten Konzertausschnitte sind zwar auch schon drei bis fünf Jahre alt, aber immerhin, Laurie ist noch aktiv.
Der Live-Mitschnitt, den wir hier hören, stammt aus Konzerten mit der Band Sexmob (das sind Steven Bernstein und Douglas Wieselman, Blechblasinstrumente, Kenny Wollesen, Drums und Percussion, Briggan Krauss, Saxofon und Gitarre, Tony Scherr, Bass), außerdem als Zuspielung zu hören ist "Junior Dad", ein Ausschnitt aus dem Lulu-Album von Lou Reed und Metallica.
Ich hatte das Glück, Laurie Anderson im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu erleben; es müsste 1986 gewesen sein. Das Plakat hängt noch heute über meinem Schreibtisch.
Die "Natural History" ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung (nicht zuletzt allerdings auch deshalb, weil währenddessen mein Auto abgeschleppt wurde, aber das war's wert).
Eine "Performance" in dem Sinne, wie sie sie seinerzeit präsentiert hat, ist Let X=X live nun nicht mehr; bei einer Fünfundsiebzigjährigen kann man das wohl auch kaum noch erwarten. Es ist ein Konzert. Laurie Anderson spielt Repertoire, und davon hat sie inzwischen ja reichlich.
Erster Höreindruck: Ihre Stimme ist hörbar gereift. Auf Studioproduktionen, wenn sie sanft spricht, fällt das kaum auf. Hier auf der Bühne aber lässt sich die stimmliche Altersschwäche nicht überhören, wie sich auch neulich in ihrem Tiny-Desk-Miniauftritt zeigte. Dass Laurie einen Song wie "Gravity's Angel" heute eine Oktave tiefer singt als auf dem Originalalbum (Mister Heartbreak), ist nachvollziehbar und funktioniert auch. Zu Zeiten des Albums Strange Angels nahm Laurie Gesangsunterricht, auf der Platte sang sie wirklich mit Sopranstimme. Heute tut sie das vorsichtshalber nicht mehr; den Text des Songs "Ramon" von diesem Album spricht sie heute zum alten Playback. Kann man so machen, eine wirklich große Sängerin war sie ja eh nie, und sie fängt die Schwächen sehr gut durch die immer noch vorhandene Intensität ihres Vortrages auf.
Technische Klangänderungen per Vocoder oder Harmonizer setzt Laurie nach wie vor ein, aber deutlich sparsamer als früher. Das tut dem Erlebnis keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Manchmal, etwa in "Looking at the Moon", fehlt der Show die optische Seite, ohne diese hängt das Stück musikalisch ein bisschen durch. Und wenn Laurie das Publikum auffordert, zehn Sekunden lang zu schreien (was es dann auch treudoof tut), ist das schlicht albern. Auch auf die Zuspielung von Lou Reed und Metallica (aus dem Lulu-Album) hätte ich verzichten können, aber er musste wohl mit rein.
Sexmob, die Band, kann ohne Frage spielen, aber sie hat nicht viel Spielraum. Sie begleitet großenteils die alten Andersonschen Originalplaybacks oder Teile daraus. Das überzeugt nicht immer, die Band klingt streckenweise wie später "dazuaddiert", sie spielt mit, aber scheint trotzdem oft ein bisschen neben der Musik zu stehen. Der generelle Klangeindruck der CDs: insgesamt in Ordnung, manchmal ein wenig pappig (aber das kann inzwischen auch an meinen Ohren liegen).
Früher hatte Laurie Anderson die Gewohnheit, die Setlist des Abends immer erst weniger Stunden vorher festzulegen, damit, wie sie sagte, keine Routine entstehen könne. Das ist hier offenkundig nicht mehr der Fall, das Programm wirkt wohlabgewogen und durchgestylt. Trotz der paar Schwachpunkte: Schön, dass es Laurie Anderson noch gibt.
Let X=X Live. This release—three LPs or two CDs—serves as a welcomed sign of life from Laurie Anderson. Although the concert excerpts documented here are already three to five years old, it is a relief nonetheless to know that Laurie remains active.
The live recording featured here is drawn from concerts performed with the band Sexmob (comprising Steven Bernstein and Douglas Wieselman on brass instruments, Kenny Wollesen on drums and percussion, Briggan Krauss on saxophone and guitar, and Tony Scherr on bass); also included—as a pre-recorded playback track—is "Junior Dad," an excerpt from the album Lulu by Lou Reed with Metallica.
I was fortunate enough to see Laurie Anderson perform live at the Deutsche Schauspielhaus in Hamburg; that must have been back in 1986. The poster from that event still hangs above my desk to this day.
The "Natural History" performance remains very vivid in my memory (not least, admittedly, because my car was towed during it—though it was worth it).
Let X=X is no longer a "performance" in the sense that she presented them back in the day—and at seventy-five, one can hardly expect that anymore. It is a concert. Laurie Anderson is performing repertoire—of which she has, by now, an abundance.
First impression: Her voice has audibly matured. On studio productions, when she speaks softly, this is barely noticeable. Here on stage, however, the vocal signs of aging are impossible to overlook—as was also evident recently in her Tiny Desk mini-performance. The fact that Laurie now sings a song like "Gravity's Angel" an octave lower than she did on the original album (Mister Heartbreak) is understandable, and it works. Back during the Strange Angels era, Laurie took vocal lessons; on that record, she truly sang in a soprano range. Today, she prudently refrains from doing so; for the lyrics to the song "Ramon" from that same album, she now simply speaks over the original backing track. It’s a valid approach—she was never a truly great singer anyway—and she compensates for her vocal limitations very effectively through the undiminished intensity of her delivery.
Laurie continues to employ technical vocal effects—such as vocoders or harmonizers—though now more sparingly than in the past. This does nothing to detract from the experience; quite the opposite, in fact. At times—such as during "Looking at the Moon"—the show lacks a little bit the visual dimension; without it, the piece feels a bit musically lackluster. And when Laurie prompts the audience to scream for ten seconds (which they dutifully—and somewhat sheepishly—proceed to do), it comes across as simply silly. I also could have done without the audio playback featuring Lou Reed and Metallica, though I suppose his inclusion was inevitable.
Sexmob—the backing band—can undoubtedly play, but they aren't given much room to stretch out. For the most part, the band performs alongside Anderson’s original backing tracks—or excerpts thereof. This isn't always convincing; at times, the band sounds as if they were merely "added in" later—they play along, yet often seem to stand slightly apart from the music. The general sonic impression of the CDs: overall decent, though occasionally a bit muddy (though by now, that might simply be my ears).
In the past, Laurie Anderson had a habit of finalizing the evening's setlist only a few hours beforehand—specifically, as she put it, to prevent routine from setting in. That is evidently no longer the case here; the program feels carefully balanced and meticulously styled. Despite these few weak points: It is wonderful that Laurie Anderson is still with us.
Saturday, May 2, 2026
Ein heller Stern
Die Wut ist ein heller Stern
ISBN 978-3-446-28120-2
Hanser 2025, 498 Seiten
Monday, April 20, 2026
Ein etwas seltsames Buch
Mein Exemplar hat noch keinen Spiegel-Bestseller-Aufkleber, aber dass das Buch schon kurz nach seinem Erscheinen auf Platz 14 landete, verwundert mich nicht. Inzwischen hat es die Liste aber bereits wieder verlassen.
Seltsam ist dieses Buch deshalb, weil es nicht einfach nur die (linken) Lebensgeschichten seiner Verfasser schildert, sondern weil man dabei auf eine fast unterschwellige Weise in die eigene Vergangenheit zurückgeworfen wird. In gewisser Weise ist dieses Buch also nicht nur ein Berichts- oder Essayband, sondern ein Spiegel.
Worum geht es also? Vierzehn Autorinnen und Autoren schildern in autobiografischen Skizzen, weshalb sie mal links waren (oder sich dafür hielten) und weshalb sie sich heute nicht mehr als Linke sehen. Die interessante Frage, die dabei auftaucht: Wenn sie aber heute nicht mehr links sind -- ja, wo sind sie denn jetzt? Und genau das ist auch der Moment in jeder dieser Kurzbiografien, bei dem man sich fragt: Wo war denn ich, und wo bin ich jetzt?
Und was heißt das heute überhaupt, "links" und "rechts"? Dass das ein weites Feld ist, erkennt man schon an der Unterschiedlichkeit der Autorinnen und Autoren: Henryk M. Broder, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, der Journalist Samuel Schirmbeck oder der jüngst verstorbene Schriftsteller Peter Schneider, Reinhard Mohr (der Co-Herausgeber dieses Buches) und einige andere. Fast alle sind Namen, die mich seit vielen Jahren auf unterschiedliche Weise begleiten, weil sie immer irgendwie "da" waren.
Der Untertitel "Warum wir nicht mehr links sind" verführt zu dem Schluss, dann seien sie wohl jetzt nach rechts abgewandert. Manchen wird es ja seit einiger Zeit ganz eindeutig (und oft mit großer Bosheit) nachgesagt. Aber so einfach ist es nicht, das merkt man schnell.
Der Buchrückseitentext wird mit einem alten Spruch Wolf Biermanns eingeleitet: "Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung." -- Ich habe eher einen gegeteiligen Eindruck: Fast alle der Autorinnen und Autoren haben sich zwar in den linken Wegen, Parteien, Bewegungen, Gruppierungen, Grüppchen und Sekten der 1960er und 1970er Jahre verheddert, hatten aber Grundsätze, und denen sind sie weitgehend treu geblieben. Was sich geändert hat, ist die Bedeutung des Begriffs "links". Wer sich heute für links hält, meint damit etwas anderes als die Generation, die in diesem Buch zu Wort kommt. Das ist die nachhaltigste Erkenntnis, die dieses Buch hinterlässt.
Eine zweite Sache, die mir beim Lesen aufgefallen ist: Fast alle der Beteiligten kommen aus der mittleren bis oberen Mittelschicht, aus Beamten-, aus Lehrerhaushalten, aus künstlerischem, kreativem oder juristischem Elternhaus. Sie haben in ihrer Jugend und im Studentenalter intellektuelle Freiheit erlebt (die allerdings oft zu großen geistigen und moralischen Verirrungen geführt hat, aber sie alle haben das irgendwann bemerkt). In fast allen Fällen stand dies dem Erklimmen der späteren beruflichen Erfolgsleiter nicht im Wege. Sie haben mit großer Selbstverständlichkeit ihre Karrieren gemacht, im journalistischen, künstlerischen oder universitären Feld. Man wird sagen dürfen: Ihr Linkssein war ein Luxus, den sie sich leisten konnten.
Ich selbst habe das alles ganz anders erlebt. Ich habe darüber schon im "Sound der Jahre" einiges gesagt und will das hier nicht wiederholen. Die gedankliche (und materielle) Welt, in der die Autorinnen und Autoren lebten und noch immer leben, hatte so gut wie nichts mit der zu tun, in der ich aufgewachsen bin. Den Klempnerlehrling in Koblenz hat das alles, was in diesem Buch rekapituliert wird, nicht interessiert. Den hat, wie Dieter Nuhr mit Recht schreibt, die neue LP von Alice Cooper interessiert.
Da sieht man, welche Gedanken dieses Buch auslösen kann. Und immerhin, das ist doch schon etwas.
Ulli Kulke/Reinhard Mohr (Hg.):
Wenn das Denken die Richtung ändert.
Stuttgart 2026, ISBN 978-3-17-047170-2, 260 Seiten
Friday, April 17, 2026
Yanka Rupkina 1938 - 2026
Yanka Rupkina. Wie Joe Boyd via Facebook bekanntgab, hat uns mit ihr wieder eine großartige Stimme verlassen.
Irgendwann in den 1980er Jahren entdeckte ich mit dem Weltempfänger auf der Kurzwelle den Frauenchor von Radio Sofia. Deren Gesang war das Markenzeichen des Senders -- einmal gehört, und man vergaß diese Stimmen nie mehr. Auf Tonträgern wurde der Chor später unter dem Titel Le mystère de voix Bulgares oder auch Das Geheimnis der Bulgarischen Stimmen gehandelt.
Zum Teil waren darauf traditionelle Lieder zu hören, zum anderen (insbesondere auf Vol. 2) speziell für diesen Chor und seine einzigartige Gesangstechnik komponierte Stücke. Auch Holger Czukay hat Samples dieses Chores in seinen Platten verwendet, aber das Original war und ist besser. Yanka Rupkina gründete zudem das Trio Bulgarka, das unter anderem mit Kate Bush gesungen hat.
Aber die originalen Choraufnahmen bleiben unschlagbar. Ich höre die Platten nicht mehr oft, aber wenn, dann jagen mir diese Stimmen noch immer Schauer über den Rücken.
Danke und gute Reise!
Yanka Rupkina. As Joe Boyd announced via Facebook, another magnificent voice has left us.
Sometime in the 1980s, while tuning my shortwave radio, I discovered the Women's Choir of Radio Sofia. Their singing was the station's signature—once heard, those voices were never forgotten. On recordings, the choir later became known under the title Le mystère des voix Bulgares—or The Mystery of the Bulgarian Voices.
In part, they featured traditional songs; in part—particularly on Vol. 2—pieces were composed specifically for this choir and its unique vocal technique. Holger Czukay, too, incorporated samples of this choir into some of his records, but the original was—and remains—superior. Yanka Rupkina also founded the Trio Bulgarka, which performed with artists such as Kate Bush.
Yet the original choir recordings remain unbeatable. I don't listen to these records very often anymore, but when I do, those voices still send shivers down my spine.
Thank you, and have a safe journey!
Sunday, April 12, 2026
Asha Bhosle 1933-2026
One of the greatest voices of Bollywood has left us.
She even sang with Kronos Quartet.
Bye bye, and have a safe trip!
Friday, March 27, 2026
Alexander Kluge 1932 - 2026
Man schaue auf deren Geburtsjahre und dann auf das eigene ... Früher fand ich es immer albern, wenn Ältere klagten, es stürben nach und nach alle weg, die mal wichtig waren.
Ich gestehe, aus Kluges Filmen selten ganz schlau geworden zu sein. Aber ich erinnere mich an seine dctp und ihre eigenwillig gestalteten TV-Beiträge, mit denen er es schaffte, Substanz selbst noch ins RTL- und Sat.1-Programm zu schmuggeln -- nicht von ungefähr wollten die diese ihnen von der Medienaufsicht zugewiesenen Einschaltungen immer loswerden.
Und ich erinnere mich an Jürgen Prott, meinen wohl wichtigsten Prof an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), an der ich im Zweiten Bildungsweg gelandet war. Der war ein Medienprofi, selbst auch immer mal wieder radio-aktiv, und er ließ immer wieder in seine Lehrveranstaltungen einfließen, als wie wichtig er das Werk Alexander Kluges erachtete, und die Lektüre von "Öffentlichkeit und Erfahrung" von Oskar Negt und Alexander Kluge war bei ihm Pflichtprogramm. Ich habe einiges fürs spätere Uni-Studium daraus mitgenommen.
Bye bye!












