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Friday, May 29, 2026

Let X=X

 

(English: scroll down, please) 

Let X=X live. Das ist zwischendurch auf drei LPs oder zwei CDs mal wieder ein Lebenszeichen von Laurie Anderson. Die hier dokumentierten Konzertausschnitte sind zwar auch schon drei bis fünf Jahre alt, aber immerhin, Laurie ist noch aktiv.

Der Live-Mitschnitt, den wir hier hören, stammt aus Konzerten mit der Band Sexmob (das sind Steven Bernstein und Douglas Wieselman, Blechblasinstrumente, Kenny Wollesen, Drums und Percussion, Briggan Krauss, Saxofon und Gitarre, Tony Scherr, Bass), außerdem als Zuspielung zu hören ist "Junior Dad", ein Ausschnitt aus dem Lulu-Album von Lou Reed und Metallica.  

Ich hatte das Glück, Laurie Anderson im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu erleben; es müsste 1986 gewesen sein. Das Plakat hängt noch heute über meinem Schreibtisch. 

 

 
 

Die "Natural History" ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung (nicht zuletzt allerdings auch deshalb, weil währenddessen mein Auto abgeschleppt wurde, aber das war's wert). 

Eine "Performance" in dem Sinne, wie sie sie seinerzeit präsentiert hat, ist Let X=X live nun nicht mehr; bei einer Fünfundsiebzigjährigen kann man das wohl auch kaum noch erwarten. Es ist ein Konzert. Laurie Anderson spielt Repertoire, und davon hat sie inzwischen ja reichlich. 

Erster Höreindruck: Ihre Stimme ist hörbar gereift. Auf Studioproduktionen, wenn sie sanft spricht, fällt das kaum auf. Hier auf der Bühne aber lässt sich die stimmliche Altersschwäche nicht überhören, wie sich auch neulich in ihrem Tiny-Desk-Miniauftritt zeigte. Dass Laurie einen Song wie "Gravity's Angel" heute eine Oktave tiefer singt als auf dem Originalalbum (Mister Heartbreak), ist nachvollziehbar und funktioniert auch. Zu Zeiten des Albums Strange Angels nahm Laurie Gesangsunterricht, auf der Platte sang sie wirklich mit Sopranstimme. Heute tut sie das vorsichtshalber nicht mehr; den Text des Songs "Ramon" von diesem Album spricht sie heute zum alten Playback. Kann man so machen, eine wirklich große Sängerin war sie ja eh nie, und sie fängt die Schwächen sehr gut durch die immer noch vorhandene Intensität ihres Vortrages auf. 

Technische Klangänderungen per Vocoder oder Harmonizer setzt Laurie nach wie vor ein, aber deutlich sparsamer als früher. Das tut dem Erlebnis keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Manchmal, etwa in "Looking at the Moon", fehlt der Show die optische Seite, ohne diese hängt das Stück musikalisch ein bisschen durch. Und wenn Laurie das Publikum auffordert, zehn Sekunden lang zu schreien (was es dann auch treudoof tut), ist das schlicht albern. Auch auf die Zuspielung von Lou Reed und Metallica (aus dem Lulu-Album) hätte ich verzichten können, aber er musste wohl mit rein. 

Sexmob, die Band, kann ohne Frage spielen, aber sie hat nicht viel Spielraum. Sie begleitet großenteils die alten Andersonschen Originalplaybacks oder Teile daraus. Das überzeugt nicht immer, die Band klingt streckenweise wie später "dazuaddiert", sie spielt mit, aber scheint trotzdem oft ein bisschen neben der Musik zu stehen. Der generelle Klangeindruck der CDs: insgesamt in Ordnung, manchmal ein wenig pappig (aber das kann inzwischen auch an meinen Ohren liegen).

Früher hatte Laurie Anderson die Gewohnheit, die Setlist des Abends immer erst weniger Stunden vorher festzulegen, damit, wie sie sagte, keine Routine entstehen könne. Das ist hier offenkundig nicht mehr der Fall, das Programm wirkt wohlabgewogen und durchgestylt. Trotz der paar Schwachpunkte: Schön, dass es Laurie Anderson noch gibt.

 

 

Let X=X Live. This release—three LPs or two CDs—serves as a welcomed sign of life from Laurie Anderson. Although the concert excerpts documented here are already three to five years old, it is a relief nonetheless to know that Laurie remains active.

The live recording featured here is drawn from concerts performed with the band Sexmob (comprising Steven Bernstein and Douglas Wieselman on brass instruments, Kenny Wollesen on drums and percussion, Briggan Krauss on saxophone and guitar, and Tony Scherr on bass); also included—as a pre-recorded playback track—is "Junior Dad," an excerpt from the album Lulu by Lou Reed with Metallica.

I was fortunate enough to see Laurie Anderson perform live at the Deutsche Schauspielhaus in Hamburg; that must have been back in 1986. The poster from that event still hangs above my desk to this day.

 

The "Natural History" performance remains very vivid in my memory (not least, admittedly, because my car was towed during it—though it was worth it).

Let X=X is no longer a "performance" in the sense that she presented them back in the day—and at seventy-five, one can hardly expect that anymore. It is a concert. Laurie Anderson is performing repertoire—of which she has, by now, an abundance.

First impression: Her voice has audibly matured. On studio productions, when she speaks softly, this is barely noticeable. Here on stage, however, the vocal signs of aging are impossible to overlook—as was also evident recently in her Tiny Desk mini-performance. The fact that Laurie now sings a song like "Gravity's Angel" an octave lower than she did on the original album (Mister Heartbreak) is understandable, and it works. Back during the Strange Angels era, Laurie took vocal lessons; on that record, she truly sang in a soprano range. Today, she prudently refrains from doing so; for the lyrics to the song "Ramon" from that same album, she now simply speaks over the original backing track. It’s a valid approach—she was never a truly great singer anyway—and she compensates for her vocal limitations very effectively through the undiminished intensity of her delivery.

Laurie continues to employ technical vocal effects—such as vocoders or harmonizers—though now more sparingly than in the past. This does nothing to detract from the experience; quite the opposite, in fact. At times—such as during "Looking at the Moon"—the show lacks a little bit the visual dimension; without it, the piece feels a bit musically lackluster. And when Laurie prompts the audience to scream for ten seconds (which they dutifully—and somewhat sheepishly—proceed to do), it comes across as simply silly. I also could have done without the audio playback featuring Lou Reed and Metallica, though I suppose his inclusion was inevitable.

Sexmob—the backing band—can undoubtedly play, but they aren't given much room to stretch out. For the most part, the band performs alongside Anderson’s original backing tracks—or excerpts thereof. This isn't always convincing; at times, the band sounds as if they were merely "added in" later—they play along, yet often seem to stand slightly apart from the music. The general sonic impression of the CDs: overall decent, though occasionally a bit muddy (though by now, that might simply be my ears).

In the past, Laurie Anderson had a habit of finalizing the evening's setlist only a few hours beforehand—specifically, as she put it, to prevent routine from setting in. That is evidently no longer the case here; the program feels carefully balanced and meticulously styled. Despite these few weak points: It is wonderful that Laurie Anderson is still with us. 

 

  

 

Saturday, May 2, 2026

Ein heller Stern

 

 
 
Kein einfaches Buch, wirklich nicht. Aber eines, das nachwirkt. 
 
Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch das Alkazar, ein Varietétheater auf St. Pauli, gegründet irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg, es existierte bis in die 1960er. Wer sich an meinen Blogpost von 2010 über die Maskentänzer Lavinia Schulz und Walter Holdt erinnert, oder mein Radiofeature über die beiden, bei dem läutet der Name Alkazar vielleicht eine Glocke, denn Walter Holdt hat 1923 in diesem Laden zeitweilig als Schlagzeuger gewirkt. Dieses Varieté war damals eines der modernsten überhaupt, mit versenkbarem Wasserbassin, Hebebühne und Wandleuchtern, die auch Wasserspeier waren. "Alle 15 Minuten eine Sensation -- und in den Pausen keine Pause!" war der Slogan des Hauses, seine Shows waren hocherfolgreich.
 
Anja Kampmann nimmt dieses Alkazar zum Ausgangs- beziehungsweise Mittelpunkt, allerdings nicht, wie ich angenommen hatte, in den 1920ern, sondern ihre Geschichte startet punktgenau im Jahr 1933. Hedda Möller arbeitet im Alkazar als Artistin. Sie tanzt auf dem Seil, während unter ihr im Wasserbassin Eddi und Fred lauern, zwei Kaimane.
 
Mit der Machtübergabe an die Nazis tauchen zunehmend Uniformen im Publikum auf, und die Lebensbedingungen aller Beteiligten verändern sich drastisch. Und es sind viele, sehr viele Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. 
 
Der Gründer und Besitzer des Alkazar, Arthur Wittkowski, ist eine St.-Pauli-Instanz, Hedda hält große Stücke auf ihn. Für die Nazis ist das, was im Alkazar vor sich geht, zu frei. Mit etlichen Tricks drängen sie ihn hinaus und setzen statt seiner den linientreuen Georg Leopold als "Betriebsführer" ein. Der gibt dem Alkazar den treudeutschen Namen Allotria und modelt das Programm in gewünscher Weise um.
 
Jaan, Heddas großer Bruder, heuert als Harpunenschmied auf einem Walfangschiff an. Die Nazis wollten mit dem Walfang den Fettmangel im Reich beheben. Das klingt sehr heldenhaft und wurde auch im Hamburger Hafen so gefeiert, doch ist an dieser Arbeit gar nichts Romantisches. Der Walfang ist ein ungeheures Gemetzel, und die Autorin erspart uns nichts. Heddas jüngerer Bruder, Pauli, hat die Englische Krankheit, dadurch gehbehindert, zudem leicht autistisch, Hedda kümmert sich rührend um ihn. Aber auch er entgeht den Nazis nicht.  
 
Wir lernen den Trompeter kennen, der leider nicht arisch genug ist, um die Bedingungen des Reichskulturkammergesetzes zu erfüllen und am Ende seine Trompete verkaufen muss, aber auch das hilft ihm nicht. Es gibt die Freunde aus den kommunistischen Sportvereinen, etwa Maks, aber sie alle werden nach und nach abgeholt. Es gibt jede Menge armselige kleine Wichte, die im Schutz ihrer Uniform, die sie nun tragen, zu brutalen Schweinen werden. Es gibt Leni, eine enge Freundin Heddas und eine zerbrechliche Person, die diese Typen in ihrer Arbeit im Bordell kennenlernen muss und zunehmend dahindämmert. Es gibt Heddas Schwarm, den Boxer Kuddel, der im Knast Fuhlsbüttel ermordet wird. Es gibt den "Grauen", einen wohlhabenden Freier, der Hedda zeitweilig über Wasser hält -- und in dessen Haus Hedda einen größeren Posten Laudanum und andere Opiate entdeckt, die dessen verstorbene Frau im Haus versteckt hatte. Es treten eine Vielzahl weitere Personen in Erscheinung; es sind fast zu viele, um sie alle im Kopf zu behalten.
 
Wir lernen Orte kennen, die man nicht kennenlernen möchte, etwa die Polizeibehörde, das KZ Wittmoor, das Stadthaus, in dem die "Ratten" Schulz und Igor Hedda verhören, aber auch die Olympischen Spiele, einen Boxkampf mit Max Schmeling, Claire Waldoff tritt auf, und etliches mehr.
 
Hedda wird zwangssterilisiert, und man möchte würgen -- denn die Frau, die das zu verantworten hat, hieß Käthe Petersen, war Sammelpflegerin in der Hamburger Sozialbehörde und verantwortlich für die Sterilisation und teilweise Entmündigung von rund 1100 Frauen, die sie als "gemeinschaftsschädlich" ansah und "zur zuchtvollen Einodnung in die Volksgemeinschaft erziehen" wollte. (Petersen ist dafür nie vor Gericht gestellt worden, sondern wurde 1949 Oberregierungsrätin und später Leitende Regierungsrätin. Ab 1951 arbeitete sie wieder als Sammelvormund. 1973 wurde sie zur Krönung ihrer Karriere mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.)
 
Auch, wenn man über die Nazizeit in Hamburg bereits gut informiert ist, so ist es doch ein Schock, wie drastisch manche Lebensumstände kippen und unter wie elenden Umständen viele Menschen damals überhaupt leben mussten -- und was es noch erschreckender macht: Viele der Charaktere und Orte in diesem Buch sind, wie erwähnt, keine Märchenerfindungen, sondern es gab sie wirklich, und sie erscheinen mit ihrem wirklichen Namen. Im Anhang des Buches findet sich eine "Wer war was"-Aufstellung; es empfiehlt sich, einen Blick darauf zu werfen, bevor man in die Geschichte einsteigt. Nachschlagen lohnt sich ohnehin, denn man kann die Namen nicht alle im Kopf behalten.
 
Ich will hier den Schluss der Geschichte nicht verraten. Er spielt im Jahr 1937, ist in sich schlüssig und vermittelt einen kleinen Funken Hoffnung für Hedda und Pauli.  
 
Ist schon alles dies eine nicht einfach zu schluckende Lektüre, so macht es einem die Autorin noch zusätzlich schwer, zu folgen. Zwar entwickelt die Geschichte einen starken Sog, aber Anja Kampmann, die als Lyrikerin begonnen hat, bedient sich in diesem Buch als Ich-Erzählerin einer hochartifiziellen Sprache, der zu folgen wirklich Arbeit bedeutet. Es ist, als säße Hedda neben einem und erzählte frei assoziierend ihre Geschichte. Direkte Rede wird ohne Anführungszeichen wiedergegeben, das Buch ist in meist kurze Blöcke unterteilt, die gelegentlich ein wenig hätten gestrafft werden können. Kampmann arbeitet obendrein mit Symbolen, deren Sinn sich nicht unbedingt sofort erschließt. Da gibt es etwa den "Keiler" -- er stellt die Atmosphäre dar, den die Nazis um sich verbreiten. Es dauert, bis man das begreift. Es gibt den "Braunen Wind", worunter die SA zu verstehen ist. Prostituierte, wie sie natürlich auch im Alkazar vorhanden sind, heißen sämtlich "Ritas"; manchmal ist aber auch Hedda eine Rita, sie zerfällt dann sozusagen in zwei Teile und steht neben sich. Immer wieder wird "Schsch" in den Text eingeschoben, was zunächst noch Sinn ergibt, aber irgendwann, wenn es wieder und wieder auftaucht, manieristisch wirkt. 
 
Manches bleibt unklar; etwa, weshalb Hedda, obwohl sie zeitweilig in der "Produktion" arbeitet, einem Genossenschaftsladen (in den 1950ern hieß er dann "Pro" und war mit dem DGB verbunden; ich kann mich noch selbst an die Läden erinnern -- meine Tante arbeitete in einem davon), bitterarm bleibt. Und schließlich setzt sie jeden Abend im hocherfolgreichen Varieté ihr Leben aufs Spiel. Trotzdem erzielt sie anscheinend kein Einkommen, von dem sie wenigstens bescheiden leben könnte. Es bleibt damit auch offen, weshalb sie keine Wohnung hat, sondern in Lenis Zimmer im Bordell, bei ihren Eltern oder bei dem Grauen übernachtet.
 
"Die Wut ist ein heller Stern" ist vor knapp einem Jahr erschienen, und mein Exemplar stammt bereits aus der sechsten Auflage. Daraus wird man wohl auf einen Überraschungserfolg schließen dürfen. Aber der Erfolg ist berechtigt. Trotzdem wüsste ich gern, wieviele Käufer des Buches es wirklich bis zu Ende gelesen haben.
 
Nach dem Ende der Nazi-Ära übrigens erhielt Arthur Wittkowski das Alkazar zurück, doch wurde er schon 1947 erneut hinausgeworfen, diesmal wegen des angeblichen Besitzes von Schwarzmarktzigaretten, die damals die gängige Währung waren. Sein Nachfolger war kein anderer als wieder Georg Leopold. Arthur Wittkowski starb 1960 verelendet in einem Bauwagen. 
 
 
Übrigens: Das Alkazar-Gebäude gibt es noch. Wen es interessiert: Es ist der Penny-Markt an der Reeperbahn 114, gelegen zwischen Talstraße und Hamburger Berg. Man sieht das Haus mit anderen Augen, wenn man dieses Buch gelesen hat.
 
Anja Kampmann:
Die Wut ist ein heller Stern
ISBN 978-3-446-28120-2
Hanser 2025, 498 Seiten