Kein einfaches Buch, wirklich nicht. Aber eines, das nachwirkt.
Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch das Alkazar, ein Varietétheater auf St. Pauli, gegründet irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg, es existierte bis in die 1960er. Wer sich an meinen Blogpost von 2010 über die Maskentänzer Lavinia Schulz und Walter Holdt erinnert, oder mein Radiofeature über die beiden, bei dem läutet der Name Alkazar vielleicht eine Glocke, denn Walter Holdt hat 1923 in diesem Laden zeitweilig als Schlagzeuger gewirkt. Dieses Varieté war damals eines der modernsten überhaupt, mit versenkbarem Wasserbassin, Hebebühne und Wandleuchtern, die auch Wasserspeier waren. "Alle 15 Minuten eine Sensation -- und in den Pausen keine Pause!" war der Slogan des Hauses, seine Shows waren hocherfolgreich.
Anja Kampmann nimmt dieses Alkazar zum Ausgangs- beziehungsweise Mittelpunkt, allerdings nicht, wie ich angenommen hatte, in den 1920ern, sondern ihre Geschichte startet punktgenau im Jahr 1933. Hedda Möller arbeitet im Alkazar als Artistin. Sie tanzt auf dem Seil, während unter ihr im Wasserbassin Eddi und Fred lauern, zwei Kaimane.
Mit der Machtübergabe an die Nazis tauchen zunehmend Uniformen im Publikum auf, und die Lebensbedingungen aller Beteiligten verändern sich drastisch. Und es sind viele, sehr viele Lebensgeschichten, die hier erzählt werden.
Der Gründer und Besitzer des Alkazar, Arthur Wittkowski, ist eine St.-Pauli-Instanz, Hedda hält große Stücke auf ihn. Für die Nazis ist das, was im Alkazar vor sich geht, zu frei. Mit etlichen Tricks drängen sie ihn hinaus und setzen statt seiner den linientreuen Georg Leopold als "Betriebsführer" ein. Der gibt dem Alkazar den treudeutschen Namen Allotria und modelt das Programm in gewünscher Weise um.
Jaan,
Heddas großer Bruder, heuert als Harpunenschmied auf einem
Walfangschiff an. Die Nazis wollten mit dem Walfang den Fettmangel im Reich beheben. Das
klingt sehr heldenhaft und wurde auch im Hamburger Hafen so gefeiert,
doch ist an dieser Arbeit gar nichts Romantisches. Der Walfang ist ein
ungeheures Gemetzel, und die Autorin erspart uns nichts. Heddas jüngerer
Bruder, Pauli, hat die Englische Krankheit, dadurch gehbehindert, zudem
leicht autistisch, Hedda kümmert sich rührend um ihn. Aber auch er
entgeht den Nazis nicht.
Wir lernen den Trompeter kennen, der leider nicht arisch genug ist, um die Bedingungen des Reichskulturkammergesetzes zu erfüllen und am Ende seine Trompete verkaufen muss, aber auch das hilft ihm nicht. Es gibt die Freunde aus den kommunistischen Sportvereinen, etwa Maks, aber sie alle werden nach und nach abgeholt. Es gibt jede Menge armselige kleine Wichte, die im Schutz ihrer Uniform, die sie nun tragen, zu brutalen Schweinen werden. Es gibt Leni, eine enge Freundin Heddas und eine zerbrechliche Person, die diese Typen in ihrer Arbeit im Bordell kennenlernen muss und zunehmend dahindämmert. Es gibt Heddas Schwarm, den Boxer Kuddel, der im Knast Fuhlsbüttel ermordet wird. Es gibt den "Grauen", einen wohlhabenden Freier, der Hedda zeitweilig über Wasser hält -- und in dessen Haus Hedda einen größeren Posten Laudanum und andere Opiate entdeckt, die dessen verstorbene Frau im Haus versteckt hatte. Es treten eine Vielzahl weitere Personen in Erscheinung; es sind fast zu viele, um sie alle im Kopf zu behalten.
Wir lernen Orte kennen, die man nicht kennenlernen möchte, etwa die Polizeibehörde, das KZ Wittmoor, das Stadthaus, in dem die "Ratten" Schulz und Igor Hedda verhören, aber auch die Olympischen Spiele, einen Boxkampf mit Max Schmeling, Claire Waldoff tritt auf, und etliches mehr.
Hedda wird zwangssterilisiert, und man möchte würgen -- denn die Frau, die das zu verantworten hat, hieß Käthe Petersen, war Sammelpflegerin in der Hamburger Sozialbehörde und verantwortlich für die Sterilisation und teilweise Entmündigung von rund 1100 Frauen, die sie als "gemeinschaftsschädlich" ansah und "zur zuchtvollen Einodnung in die Volksgemeinschaft erziehen" wollte. (Petersen ist dafür nie vor Gericht gestellt worden, sondern wurde 1949 Oberregierungsrätin und später Leitende Regierungsrätin. Ab 1951 arbeitete sie wieder als Sammelvormund. 1973 wurde sie zur Krönung ihrer Karriere mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.)
Auch, wenn man über die Nazizeit in Hamburg bereits gut informiert ist, so ist es doch ein Schock, wie drastisch manche Lebensumstände kippen und unter wie elenden Umständen viele Menschen damals überhaupt leben mussten -- und was es noch erschreckender macht: Viele der Charaktere und Orte in diesem Buch sind, wie erwähnt, keine Märchenerfindungen, sondern es gab sie wirklich, und sie erscheinen mit ihrem wirklichen Namen. Im Anhang des Buches findet sich eine "Wer war was"-Aufstellung; es empfiehlt sich, einen Blick darauf zu werfen, bevor man in die Geschichte einsteigt. Nachschlagen lohnt sich ohnehin, denn man kann die Namen nicht alle im Kopf behalten.
Ich will hier den Schluss der Geschichte nicht verraten. Er spielt im Jahr 1937, ist in sich schlüssig und vermittelt einen kleinen Funken Hoffnung für Hedda und Pauli.
Ist schon alles dies eine nicht einfach zu schluckende Lektüre, so macht es einem die Autorin noch zusätzlich schwer, zu folgen. Zwar entwickelt die Geschichte einen starken Sog, aber Anja Kampmann, die als Lyrikerin begonnen hat, bedient sich in diesem Buch als Ich-Erzählerin einer hochartifiziellen Sprache, der zu folgen wirklich Arbeit bedeutet. Es ist, als säße Hedda neben einem und erzählte frei assoziierend ihre Geschichte. Direkte Rede wird ohne Anführungszeichen wiedergegeben, das Buch ist in meist kurze Blöcke unterteilt, die gelegentlich ein wenig hätten gestrafft werden können. Kampmann arbeitet obendrein mit Symbolen, deren Sinn sich nicht unbedingt sofort erschließt. Da gibt es etwa den "Keiler" -- er stellt die Atmosphäre dar, den die Nazis um sich verbreiten. Es dauert, bis man das begreift. Es gibt den "Braunen Wind", worunter die SA zu verstehen ist. Prostituierte, wie sie natürlich auch im Alkazar vorhanden sind, heißen sämtlich "Ritas"; manchmal ist aber auch Hedda eine Rita, sie zerfällt dann sozusagen in zwei Teile und steht neben sich. Immer wieder wird "Schsch" in den Text eingeschoben, was zunächst noch Sinn ergibt, aber irgendwann, wenn es wieder und wieder auftaucht, manieristisch wirkt.
Manches bleibt unklar; etwa, weshalb Hedda, obwohl sie zeitweilig in der "Produktion" arbeitet, einem Genossenschaftsladen (in den 1950ern hieß er dann "Pro" und war mit dem DGB verbunden; ich kann mich noch selbst an die Läden erinnern -- meine Tante arbeitete in einem davon), bitterarm bleibt. Und schließlich setzt sie jeden Abend im hocherfolgreichen Varieté ihr Leben aufs Spiel. Trotzdem erzielt sie anscheinend kein Einkommen, von dem sie wenigstens bescheiden leben könnte. Es bleibt damit auch offen, weshalb sie keine Wohnung hat, sondern in Lenis Zimmer im Bordell, bei ihren Eltern oder bei dem Grauen übernachtet.
"Die Wut ist ein heller Stern" ist vor knapp einem Jahr erschienen, und mein Exemplar stammt bereits
aus der sechsten Auflage. Daraus wird man wohl auf einen Überraschungserfolg schließen dürfen. Aber der Erfolg ist berechtigt. Trotzdem wüsste ich gern, wieviele Käufer des Buches es wirklich bis zu Ende gelesen haben.
Nach
dem Ende der Nazi-Ära übrigens erhielt Arthur Wittkowski das Alkazar zurück, doch wurde er schon 1947 erneut hinausgeworfen, diesmal wegen des angeblichen
Besitzes von Schwarzmarktzigaretten, die damals die gängige Währung
waren. Sein Nachfolger war kein
anderer als wieder Georg Leopold. Arthur Wittkowski starb 1960 verelendet in einem
Bauwagen.
Übrigens: Das Alkazar-Gebäude gibt es noch. Wen es interessiert: Es ist der Penny-Markt an der Reeperbahn 114, gelegen zwischen Talstraße und Hamburger Berg. Man sieht das Haus mit anderen Augen, wenn man dieses Buch gelesen hat.
Anja Kampmann:
Die Wut ist ein heller Stern
ISBN 978-3-446-28120-2
Hanser 2025, 498 Seiten
Die Wut ist ein heller Stern
ISBN 978-3-446-28120-2
Hanser 2025, 498 Seiten


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