It's hard to say why this portrait film, made by Stephen Nomura Schible, refers in its title to an album that's 35 years old, but however, the title fits. A coda is the closing part of a symphony or suite movement or of a single piece of music, and this is -- probably -- what we get here. Ryuichi Sakamoto, piano wunderkind, co-founder of the Yellow Magic Orchestra, composer of countless movie scores, solo records and collaborations with numerous musicians and part-time actor, is 67 now and doesn't need to prove anything to anybody anywhere anymore.
Sakamoto is also known as an environmental activist and uses his popularity in Japan for campaigning against nuclear power. Consequently, the film opens with pictures of the Fukushima disaster and leads to Sakamoto, discovering and playing a ruined Yamaha grand that got into the water during a tsunami. It's still playable and sounds, let's say: interesting. But it is captivating to watch him checking out what kind of sounds this piano can produce for him -- sounds you couldn't get from a undestroyed instrument. This again leads to Sakamoto in the studio, preparing a piano.
It is this what makes this movie worth watching: It has a lot of time to follow its subject, but it leaves it up to you to draw conclusions from it. The film has no comments, Sakamoto himself doesn't say very much, so the film concentrates fully on what he does. Of course there are some cutbacks to old times -- snippets from YMO's "Public Pressure" tour (with Sakamoto's former wife, Akiko Yano, singing), his contribution to Merry Christmas, Mr. Lawrence and some other movies (acting is not really his strong point, sorry to have to say that), some other companions he collaborated with over the years. Except some short mentions of his recent illness (in 2014, cancer of the throat was discovered, and this left some traces), the film doesn't say much about the private Sakamoto, his family, wife, children, friends; apparently he wants to keep his private life private.
But that doesn't do a harm. The most interesting moments in Coda are always to see this guy working in his studio (he has two, one in Tokyo and one in New York), checking out singing bowls or putting samples of nature sounds he loves to collect into compositions. Not all of his compositions are masterpieces, but Sakamoto always has an inerrant feeling whether a sound fits into a composition or not. However, it's obvious that the piano is his main instrument, all his music is thought from there. And he has this Japanese way of hiding highly interesting or melodious stuff behind walls of scratchy or otherways unpleasant sounds which need an active listener. You can't listen to most of Sakamoto's music in the background.
At a reasonable price the DVD or blu-ray is available only in the UK; for some reason not in the US, and you have to sign to a subscription channel to watch it online. It's also available with a live-taped presentation of his album Async. You can watch the trailer here.
(This review was first published on manafonistas.de)
Wie jedes Jahr meine Blütenlese der abgenudeltsten Phrasen in deutschen und amerikanischen Medien: Drehscheibe mit Hochdruck fieberhaft gekrönte Häupter volle Auftragsbücher Wirtschaft brummt herbe Schlappe einfache Leute Storytelling Gemengelage guter Tag für Deutschland nachbessern Kuh noch nicht vom Eis verschärfte Mietpreisbremse abgehängt to go dystopic/dystopisch Wahlschlappe Zitterpartie gläserne Decke/glass ceiling Trauma/traumatisiert christlich-jüdisches Abendland X is the new Y Narrative/Narrativ Personaler Kampfabstimmung Urgestein neu renoviert forderte X Tote hochkarätig Masterplan entzaubern wrds without vwls Framing Silo Chores rote Linie überschreiten sprachgewaltiger Autor krachend scheitern toxisch/toxic kühles Nass rocken gefühlt Overton-Fenster/window Rückführung all in unterkomplex kuratieren den Stecker ziehen/pull the plug
Letzteres täte ich gern, aber ich fürchte, ich werde den Strom der Medienphrasen auch 2019 wieder zu kuratieren haben.
By the way, during the recent couple of days I've read Volker Kutscher's
novel "Babylon Berlin" (German title: "Der nasse Fisch") that became
the template for the TV series. A good read! But the more I got through
the book, the more the TV adaptation got ridiculous. It's really
unbelievable how the TV series violently deformes the original
characters and stuffs the plot with dramaturgical nonsense and all kinds of clichés until it squeaks, just to get what the makers seem to think
is this oh-so-naughty "Berlin in the Twenties". The novel is a bit sluggish at times, but
much better than the series, seriously.
Ein neues Album von Janis Joplin! Ein Doppelalbum sogar! Yay!
Na gut. Die Story des Cheap Thrills-Albums ist wahrscheinlich bekannt: Big Brother & The Holding Company (der Name ist bis heute seiner Zeit voraus) hatten sich im Studio so oft verspielt, dass der Produzent letztlich auf die Idee verfiel, Publikumsgeräusch dazuzumischen und das Ganze als Live-Album auszugeben. Dort würden die Fehler glatt als "authentisch" durchgehen. Einzig "Ball And Chain" war eine wirkliche Live-Aufnahme, aufgenommen im Fillmore in San Francisco. Wenn mich nicht alles täuscht, ist der für den Rest der Platte verwendete Beifall derselbe, der auch für das (ebenfalls gefakte) Live-Album der 13th Floor Elevators von 1968 eingesetzt wurde.
Columbia hat damals weder das ursprünglich vorgesehene Coverfoto
noch den eigentlich beabsichtigten vollen Titel des Albums akzeptiert. So ließ man es denn bei Cheap Thrills, und Janis Joplin höchstpersönlich bat Robert Crumb um einen Comic, den dieser mit Freuden lieferte. Und weil er so schön war, kam er aufs Frontcover. Auf die ihm angebotenen 600 Dollar verzichtete Crumb: "I don't want Columbia's filthy lucre". Wer sich's denn leisten kann ...
Weil Crumb davon ausging, dies solle das Backcover werden, visualisierte sein Comic die einzelnen Titel des Albums und nennt die Musiker. Eine der Zeichnungen war mit "Harry" beschriftet. Das war der Titel eines sehr kurzen und sehr schrägen Stücks, das die Seite 2 eröffnen sollte. Da die Plattenfirma dieses Stück ebenfalls rauswarf, wurde im Nachhinein "Harry" aus der Zeichnung entfernt und "Art: R. Crumb" eingefügt. (Crumb selbst hat seine Zeichnungen nie signiert.) -- Das Original des Comics übrigens ist 1971 aus dem Columbia-Archiv geklaut worden, wohl von einem Mitarbeiter. Zwölf Jahre später wurde es bei Sotheby's für 250.000 Dollar versteigert; das Auktionshaus hat den Verkäufer nie bekanntgegeben.
Nun ist "Harry" wieder da. Diesmal unter dem vollständigen Originaltitel des Albums, für das vorgesehene Originalfoto allerdings mochte man sich aber auch diesmal nicht entscheiden. (So originell war's auch wirklich nicht.) Zweieinhalb Stunden Outtakes und Live-Mitschnitte aus der Cheap Thrills-Ära gibt es zu hören -- 30 Stücke insgesamt, davon 25 bislang unveröffentlicht, fünf erschienen bereits als Bonustracks auf anderen Zusammenstellungen oder Re-Issues. In vielen Fällen, so ehrlich sollte man sein, erschließt sich recht schnell, weshalb das Stück ein Outtake geworden ist. Spielfehler, falsche Noten, Abbrüche und Aussetzer kommen immer mal wieder vor. Es wird (wieder einmal) klar, dass BBHC zwar eine für damalige Normalverhältnisse brauchbare Band war, mit Janis' Ausnahmetalent aber schlicht überfordert war. Auch Janis scheint nicht in allen Stücken bei 100 Prozent zu sein, dafür übertreibt sie in anderen Stücken mit voll durchgetretenem Gaspedal. Aber die meisten Stücke sind hörenswert. Und überhaupt: 80 Prozent Joplin sind immer noch mehr als das meiste, was heute gern mal als "neue Joplin" gehandelt wird. Es bleibt dabei: Es gibt nur eine.
Das Booklet beinhaltet einen kurzen Gruß von Grace Slick und einen längeren Text von BBHC-Drummer Dave Getz, der einiges an interessanten Hintergrundinformationen liefert.
Der Autor Eric T. Hansen, in Deutschland lebender Amerikaner und zeitweiliger "Zeit"-Kolumnist, hat vor ein paar Tagen unter der Überschrift "Bin ich anti-deutsch?" einen Artikel auf seiner Facebook-Seite gepostet -- nachzulesen hier. Dazu habe ich einen kleinen Kommentar geschrieben, den ich einfach mal unverändert in meinen Blog übernehme: Ich
stimme etlichen Punkten in Deinem Post zu. Ich will das jetzt nicht
alles ausführen, aber einen Aspekt würde ich gern in die Debatte werfen:
Für mich zeigt sich hier geradezu klassisch ein Mentalitätsunterschied
zwischen Deutschen und Amerikanern.
Ich
lebe jetzt seit über zehn Jahren in Pittsburgh (komme ursprünglich aus
Hamburg), und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich begriffen hatte,
dass die Amerikaner einen anderen Politikbegriff haben als die
Deutschen. Amerikaner finden ihre Politiker nicht übermäßig wichtig. Die
werden gewählt, sollen ihren Job machen und ansonsten nicht weiter
auffallen. Im Alltag sind sie eigentlich kaum jemals ein Thema, und die
Politiker selbst wissen zwar, dass sie durchaus unter Beobachtung stehen
(u.a. der Presse), haben aber anscheinend nicht das Bedürfnis, sich
ständig in die Öffentlichkeit zu drängen. Sie wissen, dass das
allgemeine Interesse daran eher mäßig wäre.
Das ist
in Deutschland anders. Da wird geradezu verlangt, dass Politiker für
alles, jeden Konflikt, jeden Gullideckel und jeden Fernsehfilm,
verantwortlich sind und sich zu allem und jedem öffentlich zu
positionieren und zu jeder Lappalie eine Einschätzung in die
hingehaltenen Mikrofone zu blasen haben -- und die tun das dann auch.
Das zwingt natürlich geradezu zu Sprechblasen. Die werden dann
gründlichst von den Medien hin- und hergewendet. Das Ganze dient nicht
der Information oder dazu, zu einer Lösung zu kommen, sondern es soll
Erregung erzeugen, immer mit dem unausgesprochenen Versprechen, dass es
morgen eine Fortsetzung geben wird. Da der Deutsche als solcher (wenn
ich das mal so sagen darf) zudem die Tendenz hat, jeden für dumm,
korrupt oder unfähig zu halten, der anderer Meinung ist als man selbst,
entsteht dieses Lagerdenken, das im anderen keinen Gesprächspartner,
sondern einen Feind sieht und im Extremfall auch zu Gewaltausbrüchen
führt. Letztere werden dann gern höchst sentimental gerechtfertigt (ich
sage nur "Hambi").
Genau diese Sichtweise auf
Politik wenden die Deutschen auch auf andere Länder an, und so eben auch
auf die USA. Deswegen wird jeder noch so dämliche Tweet von Trump in
Deutschland auf die Goldwaage gelegt und sich darüber aufgeregt, und
deswegen wird ein Präsidentenauto mit Flaschen beworfen. Aber eben nicht
nur: Die Deutschen richten das ja genauso auch gegen sich selbst. Da
wird wegen eines G20-Gipfels der eigene Stadtteile verwüstet, und eben
auch die eigenen Politiker oder die eigene Polizei zu Volldeppen oder
(wahlweise) zum Feindbild erklärt. Und eine demokratisch gewählte
Kanzlerin wird von Demonstranten auch gern mal an den Galgen gewünscht.
Vielleicht
ist das sogar ein europäisches Phänomen. Wir erleben ja in Frankreich
gerade ähnliches, und selten habe ich so viele Darstellungen von Merkel
als Hitler gesehen wie in der italienischen und griechischen Presse. In
der amerikanischen Presse wird Deutschland (aber auch Europa als Ganzes)
manchmal recht merkwürdig dargestellt, aber solche Entgleisungen habe
ich noch nicht beobachtet. Ich bin hier auch noch nie für bescheuert
erklärt oder für die deutsche Politik in Anspruch genommen worden, weil
ich aus Deutschland bin.
Wenn es um die Frage geht, wie man soziale Konflikte halbwegs friedlich lösen kann, da haben alle Seiten noch einiges zu lernen.