Wednesday, May 20, 2015
The End of an Era
Saturday, May 16, 2015
Philip Glass: Words Without Music
(Scroll down for English version)
"Words Without Music is one of the most inspiring books I've ever read", schreibt Laurie Anderson über dieses Buch. Nun ja, man kann alles übertreiben, sogar Blurbs.
Absolut lesenswert ist das Buch aber allemal. Unaufgeregte Memoiren, geschrieben von jemandem, der genau weiß, wer er ist. Und der das auch darf, denn Philip Glass hat sich seinen Erfolg mit unendlicher Geduld erarbeitet. Eine Kindheit im väterlichen Plattenladen in Baltimore, Studium in Chicago. Als er mit 19 nach New York ging -- eine andere Stadt kam für ihn nicht in Frage --, um an der Juilliard School Komposition zu studieren, warnte ihn seine Mutter, er werde enden wie sein Onkel Henry (nein, die Geschichte wird hier nicht verraten). So kam es dann glücklicherweise nicht, aber um als Komponist zu überleben, hat dieser Mann im Stahlwerk gearbeitet, als Möbelpacker, als Klempner, als New Yorker Taxifahrer und noch mehr. Als er von seiner kompositorischen Arbeit leben konnte, war er über 40, hatte eine eigene Band und bereits etliche Musiken für Bühne und Tanztheater im Gepäck. Obwohl die Gelegenheit bestand, hat er ganz bewusst niemals lehren wollen, weder an einer Highschool noch an einer Universität. Gut so, denn ich kenne keinen Künstler, dem nicht auf dem Lehrstuhl die Kreativität abhanden gekommen wäre.
Einen großen Teil des Buches nehmen Reiseschilderungen ein. Glass' Reisen haben ihn mit der Eisenbahn nach Indien und Nepal geführt; Ravi Shankar war einer der Leute, die er dort traf und der sehr zu seinem Musikverständnis beigetragen hat. Hier liegt einer der Schwachpunkte des Buches: So abenteuerlich die Reisen und die vielen Begegnungen gewesen sein mögen, man erfährt nur, dass sie stattgefunden haben. Was Philip Glass von diesen Begegnungen mitgenommen hat, das bleibt oft unklar. Seine Kompositionslehrerin Nadia Boulanger in Paris hat, wie er immer wieder betont, großen Einfluss auf ihn ausgeübt -- aber worin konkret dieser nun bestanden hat: Wir erfahren es nicht. Im Studium an der University of Chicago hat sich Glass früh entscheiden müssen zwischen der Zwölftonmusik und der "tonalen" Musik. Er hat sich, obwohl er die Musik Bergs und Stockhausens sehr schätzte, für die tonale Musik entschieden. Warum? Das bleibt ebenso sein Geheimnis wie eine Antwort auf die Frage, wie er überhaupt seinen spezifischen Kompositionsstil gefunden hat -- den hatte er schon sehr früh entdeckt; schon seine erste Theatermusik (das Streichquartett Company zum gleichnamigen Bühnenstück von Samuel Beckett) zeigt seine typische Handschrift. Anscheinend gab es für ihn da nie irgendwelche Zweifel, obwohl ihn fast alle Musiker für verrückt erklärten und der Publikumserfolg ewig auf sich warten ließ. Man wüsste auch gern, was ihn, das Kind aus jüdischem Elternhaus, zum Buddhisten werden ließ. Man wird nie ganz den Eindruck los, Glass' Leben sei sowohl auf der künstlerischen wie auch auf der privaten Ebene ziemlich reibungslos verlaufen, obwohl man zwischen den Zeilen doch gelegentlich mitbekommt, dass es ganz so einfach nicht gewesen sein kann. Man merkt bei solchen Gelegenheiten, dass Glass das Buch tatsächlich selbst geschrieben hat; ein externer Biograph hätte bei manchen Fragen vermutlich tiefer gebohrt.
Um so interessanter sind dann aber die Stories, die Glass um seine großen Erfolge zu berichten weiß, Einstein On The Beach, Akhnaten und Satyagraha, die Filmmusik zu Koyaanisqatsi sowie seine Opern nach den Filmen von Jean Cocteau. Die kennt fast jeder, und Glass liefert hier jede Menge interessante Hintergründe über die Entstehung, die Zusammenarbeit mit Regisseuren, Dirigenten, Choreographen und Musikern und die Rezeption dieser Werke.
Gegen Ende verliert sich Glass dann ein bisschen im Kleinteiligen. Das nimmt dem Buch aber nichts von seinem Wert. Anders als der Titel es sagt, enthalten die Worte dieser Autobiographie sehr viel Musik.
Philip Glass:
Words Without Music
Liveright Publishing, New York/London 2015
ISBN 978-0-87140-438-1
"Words Without Music is one of the most inspiring books I've ever read", writes Laurie Anderson about this book. Well, you can overstate nearly everything, even blurbs.
But however, this book is worth reading. Pleasantly laid-back memoires, written by someone who knows exactly who he is. And he's allowed to do so, because Philip Glass worked hard and with endless patience for his success. A childhood in his father's record store in Baltimore, studies in Chicago. When he moved to New York City at the age of 19 -- and there was no other town that came into question for him -- to study composition at Juilliard School, his mother warned him that he would end up as his uncle Henry (no, the story won't be told here). Luckily it didn't turn out this way, but to survive as a composer, this man had to work at a steel mill, as a mover, as a plumber, as a NYC taxi driver and more. When he was able to make ends meet with his compositional work, he was over 40, had his own band and several musics for stage and dance theater in his bag. Although it had been possible, he never considered teaching, neither at a highschool nor at a university. And that's a probably good thing, given the fact that I know nearly no artist who didn't lose his creativity when accepting a chair.
A big part of the book consists in depictions of travels. Glass' travels lead him by train to India and Nepal; one of the people he met there was Ravi Shankar who made a big contribution to Glass' understanding of music. Here lies one of the weak points of this book: As adventurous as the travels and the many encounters might have been, we only learn that they happened. What it was that Philip Glass took home from these encounters remains often unclear. As he stresses a couple of times, his composition instructor in Paris, Nadia Boulanger, had a very big influence on him -- but what exactly it consisted in: He doesn't tell. During his studies in Chicago, Glass relatively early had to decide whether he wanted to go the twelve tone way or the "tonal" way. Although he liked the music of Berg and Stockhausen very much, he decided to go the way of tonality. Why? This remains his secret, as well as an answer to the question how he found his specific composition style -- he had developed it relatively early, already his first theater music (the string quartet Company for the stage play of the same name by Samuel Beckett) shows his typical hand. Apparently there was never any doubt for him, although nearly all musicians declared him silly and the success took an eternally long time to appear. One also would like to know what it was that made him, the child of Jewish parents, a Buddhist. There's always a bit of impression that Glass' life on the personal as well on the artistic track must have been rather smoothly, although between the lines it's visible sometimes that at times it wasn't that easy. These are the moments when it becomes obvious that Glass wrote this book really himself; an external biographer probably would have been a bit more pushy about some questions.
All the more interesting are all the stories that Glass has to tell about his big successes, Einstein On The Beach, Akhnaten, Satyagraha, the Koyaanisqatsi soundtrack and his operas based on the films of Jean Cocteau. Nearly everybody knows these musics, and Glass delivers lots of background info about the making, the work with directors, conductors, musicians, choreographers, and the reception of these works.
At the end the book trails away a bit into smallness. But that doesn't take anything away from its worth. Others than the title says its words have lots of music.
Philip Glass:
Words Without Music
Liveright Publishing, New York/London 2015
ISBN 978-0-87140-438-1
Wednesday, April 29, 2015
Florian Fricke / Popol Vuh: Kailash
Immer hatte Florian Fricke ein Solopiano-Album machen wollen. Zu seinen Lebzeiten ist ihm das nicht vergönnt gewesen. Nun liegt doch eines vor, als CD/LP 1 des Kailash-Boxsets, das auf Soul Jazz Records erschienen ist. Dazu gibt es den Soundtrack zum gleichnamigen Film auf der CD/LP 2, und als Sahnehäubchen gibt es den Film noch als DVD (PAL/NTSC, ohne Regionscode) dazu.
Schon mit 12 oder 13 Jahren ist Florian Fricke als Piano-Wunderkind gehandelt worden. Davon ist hier nichts zu hören, eher hat man den Eindruck, in einem hingetupften akustischen Skizzenbuch zu blättern. Die Aufnahmen sind zwischen 1972 und 1989 entstanden, und auch, wenn sie sich beim ersten Hören gelegentlich irgendwo zwischen Roedelius und Satie zu bewegen scheinen, so sind sie doch ganz eindeutig Fricke. Es ist sein harmonischer Stil, es ist seine typische Melodieführung. Manchmal hört man Hintergrundgeräusche oder Beckenklänge, manchmal singt Fricke leise mit, manchmal hätte man sich das Instrument besser gestimmt und die Aufnahmen etwas professioneller gewünscht, aber man muss sie als das hören, was sie sind: Studien, ursprünglich sicher nicht zur Veröffentlichung vorgesehen. Einige Stücke dürften Notizen sein, die letztlich im Album Hosianna Mantra ausgeführt wurden, andere schweben frei (und manchmal ein bisschen ziellos) umher und nehmen den Hörer mit auf eine Reise durch Frickes Gedankenwelt.
Die zweite CD/LP enthält den Soundtrack zu dem Film Kailash — Pilgerfahrt zum Thron der Götter, den Fricke und sein musikalischer Mitstreiter und Kameramann Frank Fiedler 1995 erstmals auf Video veröffentlichten. In den Credits des Films findet sich der Hinweis: "Music: Popol Vuh and Tibetan Nomad Music", letztere treten offenkundig als Samples von anderen Platten in Erscheinung. Der Mix aus Keyboards und eingearbeiteten Field Recordings ist faszinierend, über Strecken atemberaubend und macht wieder einmal ganz deutlich, dass Popol Vuh als musikalisches Projekt konkurrenzlos dastand. Man sollte aber kein ausschließlich neues Popol-Vuh-Material erwarten; zum Teil sind Ausschnitte aus früheren Popol-Vuh-Alben verwendet worden (etwa aus der Shepherd's Symphony), auch einige der Samples wurden auf anderen Platten schon in anderem Kontext eingesetzt.
Bevor man sich diesen Film zu Gemüte führt, empfiehlt es sich, einen Blick auf das Stichwort “Mount Kailash” in Wikipedia zu werfen, um sich eine ungefähre Vorstellung zu verschaffen, welche kulturelle und religiöse Bedeutung diesem Gipfel zukommt. Der kommentarlose Film erklärt dies nicht, und ganz ohne Hintergrundinformationen wird nicht klar, was da eigentlich gefilmt wurde, was Menschen in dieser fast völlig von der Welt abgeschnittenen Region Tibets suchen, oder weshalb der Berg nur umrundet, aber nicht betreten werden darf. Weiß man das allerdings, erhalten die Bilder in Verbindung mit der Musik eine beeindruckende Zusatzdimension, die weder der Soundtrack noch der Film jeweils für sich allein bieten könnten. Film und Musik sind restauriert, und verglichen mit der früheren Videofassung hat sich das gelohnt.
Während ich die Piano-CD eher als stimmungsvolle Zugabe sehe, ist der Kailash-Soundtrack für mich schon jetzt ein früher Kandidat für die Platte des Jahres.
Sunday, April 19, 2015
Apollo's Fire
René Duchiffre: The Forest Unending (Selections)
Antonio Vivaldi: Concerto Grosso "La Folia"
Sunday, April 12, 2015
Pittsburgh Symphony Orchestra
Friday, March 27, 2015
A Winged Victory for the Sullen & Loscil
(scroll down for English version)
Vor zwei Jahren spielte Hans-Joachim Roedelius in Pittsburgh -- im Hinterzimmer einer Kneipe voller Gläserklirren und ständig rein- und rauslaufender Gäste, mit Backgroundgelaber vom Tresen. Eine ziemliche Zumutung. Man hätte ihm den Saal im Andy-Warhol-Museum gewünscht. Der ist für solche Künstler ideal, wie sich am Donnerstag wieder einmal zeigte. Gerade noch klein genug, um Konzentration entstehen zu lassen, gerade groß genug, um die nicht allzu große Gemeinde der Pittsburgher Ambient-Fans aufzunehmen, die hier ziemlich vollzählig versammelt gewesen sein dürfte.

Loscil (a.k.a. Scott Morgan) aus Vancouver, Kanada, gab den Supporting Act. Eine gute Wahl. Vom Publikum zunächst kaum bemerkt, begann er seinen rund dreißigminütigen Auftritt. Ich kenne seine letzten drei Alben noch nicht (der Mann ist einfach zu produktiv), aber was er hier zu Gehör brachte, waren ruhige, fließende Klanglandschaften, nicht weit weg von Coast/Range/Arc von 2011; vielleicht ein wenig dunkler. Dazu war eine gut darauf abgestimmte Filmprojektion zu sehen -- Wasser in diversen Variationen.
Wie bei vielen Elektronikern stellte man sich auch hier die Frage, was der emsig an seinen Geräten wirbelnde Musiker da eigentlich macht. Wenn Computer im Spiel sind, verliert der Begriff "live" zusehends seinen Sinn. Es dürfte eine Art Grundplayback ab Cubase gewesen sein (perfekt mit der Projektion synchronisiert), in das er Live-Einwürfe hineinstartete. Warmer Beifall am Ende.

Beim Hauptact des Abends, Loscils Labelmates A Winged Victory for the Sullen, war die Live-Frage etwas leichter zu beantworten, denn das Berlin/Brüsseler Duo trat ergänzt um ein Streichtrio (zwei Violinen + Cello) in den Ring. Adam Wiltzie hat mal bei Sparklehorse gespielt, Dustin O'Halloran ist durch Filmmusiken bekannt geworden. Die beiden können ohne Frage komponieren. Zu hören war offenkundig ihr zweites Album, Atomos. Von Wiltzies Gitarre kam nicht viel durch, ihr Klang floss mit dem Keyboardteppich zu einer Einheit zusammen; die Streicher, da mit Mikrofon verstärkt, fielen dagegen zeitweilig etwas trocken aus dem Klangbild heraus, einzelne E-Piano-Einwürfe waren zu laut; gelegentlich waren die Lautsprecher überfordert. Zu sehen war leider nicht viel, der anscheinend vorgesehene Hintergrundfilm lief aus irgendwelchen Gründen nicht, so dass ein einziges Dia für den ganzen Auftritt reichen musste; die Musiker selbst saßen weitgehend im Dunkeln.
Während des über eine Stunde durchgehend gespielten Stückes gingen mir ständig neue Assoziationen durch den Kopf. Ich fühlte mich streckenweise an Tangerine Dream der Ära zwischen Zeit und Phaedra erinnert, Brian Enos Apollo klang immer wieder einmal an, aber auch Steve Reichs Music For 18 Musicians oder seine Multiplay-Komposition Violin Phase. Andere Momente erinnerten an Mike Oldfield, an Cluster II oder auch Cluster & Eno. Dabei wirkte das Ganze niemals wie eine Kopie oder in irgendeiner Weise geklaut, aber wenn mir die Musiker erzählen würden, sie hätten diese Platten nie gehört, würde ich ihnen nicht glauben. Freundliche und sehr angenehme Musik, im Hinblick auf eine individuelle Handschrift aber wohl noch ausbaufähig.
Two years ago, Hans-Joachim Roedelius played Pittsburgh -- in the back room of a pub full of glasses clinking, guests running in or out, and permanent background talk from the bar. Disgusting, somehow. One would have wished for him the auditorium of the Andy Warhol Museum. It's the ideal venue for artists of his kind, as could be seen this Thursday. It's just small enough to allow concentrated listening, but big enough to offer space for the Pittsburgh Ambient and Electronics fan community, which, I'm sure, was present as good as completely.

Loscil (a.k.a. Scott Morgan) of Vancouver, Kanada, was the supporting act. A good choice. Nearly unnoticed by the audience he started his around-30-minutes performance. I don't know his last three albums yet (this guy is simply too productive), but what he offered here were calm, floating soundscapes, not far away from his album Coast/Range/Arc from 2011; maybe a little bit more dark. Additional a very well-syntonized film projection was shown -- water in several variations.
As with many of these electronics musicians also here the question came up what this delegently knob-turning musician might be doing there on stage. Where computers are on the scene, a term as "live" more and more doesn't make much sense anymore. Probably it was a sort of basic backing track coming from Cubase (or what software ever), with live parts thrown into. Warm applause at the end.

The main act of the evening, Loscil's label mates A Winged Victory for the Sullen, the "live" question was easier to answer because the Berlin/Brussel duo appeared with a string trio (two violins and a cello) on stage. Adam Wiltzie once played with Sparklehorse, Dustin O'Halloran is known for film musics. The two of them know how to compose, without question. Obviously they played their second album, Atomos. Not much could be heard of Wiltzie's guitar, its sound mingled with the keyboard drones. The strings, because they were amplified by microphones, sometimes sounded a little bit too dry and fell out of the overall sound. Some e-piano chords were too loud; from time to time the speakers were clipping. There was not much to see, the apparently scheduled background movie didn't run for some reason, so a single dia had to fill the whole performance. The musicians were sitting more or less in the dark.
The performance was more than one hour in one go. While the music was flowing I had a lot of associations in my head. In parts I felt reminded to early Tangerine Dream stuff from the era between Zeit and Phaedra, Brian Eno's Apollo was reminiscent sometimes, but also Steve Reich's Music For 18 Musicians or his multiplay composition Violin Phase. Other moments reminded me to Mike Oldfield, to Cluster II or to Cluster & Eno. Never the whole thing was a copy or sounded as "lifted" from these artists, but if the musicians would try to tell me they never heard these musicians, I wouldn't believe them. Friendly and very pleasant music, but in view of an individual signature style it seems to be still developable.
Tuesday, March 17, 2015
Eberhard Weber: Résumé - Eine deutsche Jazz-Geschichte
Den Lesern dieses Blogs wird man kaum erklären müssen, wer Eberhard Weber ist. Résumé ist seine tatsächlich von ihm selbst geschriebene Autobiografie, parallel mit seinem Album Encore veröffentlicht.
Da erzählt jemand, was ihm aus dem vielen Jahren seiner Karriere in Erinnerung geblieben ist — Begegnungen mit Kollegen, Reiseerinnerungen, Flugplatzabenteuer, sein Instrument, die Arbeit mit Manfred Eicher, der Einsatz von Verstärkern und Elektronik im Jazz, der Konzert- und Tourneebetrieb, die (teils deftigen) Unterschiede zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Jazzbusiness, die Existenz als „Telefonbassist“, wie er sich einmal einen LSD-Trip mit Wolfgang Dauner geteilt hat. Und noch vieles mehr, was in eine Autobiografie gehört. Das alles ist ein bisschen unsystematisch, ein bisschen sprunghaft, manchmal heiter, manchmal mit Widerhaken versehen (das ist dann besonders interessant), nie langweilig. Résumé liest sich, als würdest du mit Weber beim Glas Wein zusammensitzen.
Dass das, was das Publikum wahrzunehmen glaubt, nicht immer mit dem übereinstimmt, was die Musiker auf der Bühne empfinden, wenn sie es spielen, ist eine Erkenntnis, die vielleicht manchen überraschen wird, ebenso, dass die Musik auf der Bühne anders klingt als im Saal. Als Hörer macht man sich das selten klar. Eine andere interessante Erkenntnis Webers ist, dass gerade in den 60er Jahren die Grenzen zwischen Jazz und Schlager fließend sein konnten, die Musiker das aber nie gestört hat (anders als oftmals die Kritiker). Nicht allen wird gefallen, was Weber über den Free Jazz schreibt. Er weist nicht nur auf das Dilemma hin, dass, wenn alles erlaubt ist, kaum noch Variationsmöglichkeiten existieren und das Ganze dann ziemlich einförmig wird, sondern er beschreibt auch, dass es zwei Free-Jazz-Fraktionen gab, nämlich eine „Hardcore“- und eine „Happening“-Fraktion. Erstere nahm ihr Wirken todernst, letztere nicht. Deswegen konnten sich beide gegenseitig nicht ausstehen. Mittendrin finden sich einige nette Anekdoten über den „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt, dessen Verdienste als Gründer und damaliger Leiter der SWF-Jazzredaktion zwar unbestritten sind, der sich aber gelegentlich, wie Weber hier an einem Beispiel schildert, in Widersprüche mit seinen eigenen Forderungen verwickelte — etwa, indem er Musikern vorschrieb, wie sie „free“ zu spielen hatten. (Der geschätzte Werner Burkhardt hat Berendt mal eine „rührende Humorlosigkeit“ bescheinigt. Das findet sich hier bestätigt.)
Weber geizt nicht mit Meinung. Immer schimmert dabei ein stilles Augenzwinkern durch den Text hindurch. Selbst dann, wenn er über seinen Schlaganfall spricht. Auch hier nimmt man ganz beiläufig Erkenntnisse mit, auf die man sonst nur kommen kann, wenn man direkt mit dem Thema konfrontiert ist — etwa, dass der Schlag nicht nur körperliche Auswirkungen hat, sondern auch die emotionale Wahrnehmungsweise des Gehirns verändert. Seinen Humor hat Weber trotzdem nicht verloren: „Ich kann nicht Bass spielen. Aber ich weiß, wie’s geht!“
Ein sympathisches Buch.
Eberhard Weber:
Résumé – Eine deutsche Jazz-Geschichte
sagas.edition, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-944660-04-2
Eine Nachbemerkung sei noch gestattet: Ich weiß nicht, weshalb gerade die Verleger von Musikbüchern immer wieder zu glauben scheinen, sie müssten die Regeln der Typografie neu erfinden. Dieses Buch ist eigentlich schön aufgemacht, sogar mit Lesebändchen. Um so mehr irritiert mich die verwendete Schrift, eine serifen- und gesichtslose Type, die an Formulare vom Finanzamt erinnert und das Lesen von Seite zu Seite anstrengender macht. Liebe Buchgestalter, ihr wisst es doch: Ein Buch stellt andere typografische Anforderungen als, sagen wir, ein ECM-Booklet. Selbst wenn ihr die Garamond nicht mehr sehen mögt, es gibt viele Möglichkeiten. If in doubt, set in Caslon. Funktioniert immer. Oder von mir aus sogar in Times New Roman — besser als dies hier wäre selbst das. Danke fürs Zuhören.





