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Thursday, October 18, 2018

Jorma Kaukonen: Been So Long




Dies ist die Autobiografie von Jorma Ludwik Kaukonen, dem Gitarristen vorrangig von Jefferson Airplane und deren noch heute aktivem Ableger Hot Tuna. Jorma ist 1940 in den USA als Sohn finnischer und schwedischer Einwanderer geboren. Sein Vater war im diplomatischen Dienst, was immer wieder einmal zu Umzügen der Familie führte; unter anderem lebte, lernte und studierte Jorma auf den Philippinen und in Pakistan. Unter anderem studierte er Soziologie, hatte aber kein klares Berufsziel und rutschte irgendwie ins Gitarrenspiel hinein.

Seine Vorliebe für alte Blues-Shouter und Leute wie Buddy Holly brachte Jorma schließlich zu einem Lehrer, der ihm das Fingerpicking beibrachte, eine Spieltechnik, die er bis heute virtuos draufhat. Seine erste Band hatte er 1957; schon damals dabei war der kaum weniger virtuose Bassist Jack Casady, mit dem Jorma eine enge Freundschaft verband und der dann konsequenterweise ebenfalls bei den Airplanes landete. Weil der Name Jorma von philippinischen Lehrern, Behörden etc. als "verdächtig russisch" angesehen wurde, nannte er sich zeitweilig auch Jerry. In San Francisco wurde er der Gitarrenbegleiter der frühen Janis Joplin; bei Fans bekannt sind die "Typewriter Tapes" von 1964, bei denen die beiden in Jormas Wohnung eine kleine Session veranstalten, während im Hintergrund Jormas damalige Frau Margareta auf der Schreibmaschine tippt (man findet die Aufnahmen leicht im Internet, aber auch auf der Janis-CD-Box sind einige davon zu hören).

Eigentlich, so sollte man meinen, müsste das schon eine Menge interessanten Erzählstoff ergeben. Kaukonen bleibt aber sowohl in dieser frühen Zeit als auch später vorrangig bei seiner eigenen Person. Er macht tatsächlich genau das, was er im Vorwort selbst ankündigt, insofern kann man sich nicht beklagen. Aber trotzdem: Man würde herzlich gern mehr erfahren über die Airplane-Mitmusiker, über die Atmosphäre der 60er Jahre, Woodstock, Altamont (wo die Hells Angels den Airplane-Sänger Marty Balin zusammenschlugen), man wüsste z.B. auch gern, was Jorma, der jüdischen Glaubens ist, dazu gebracht hat, jahrelang ausgrechnet ein Hakenkreuzamulett um den Hals zu tragen (deutlich etwa im Woodstock-Film zu erkennen). -- Ja, man weiß natürlich, dass das Hakenkreuz ein schon viele älteres Symbol ist, aber dennoch ... Es gibt Symbole, die verbrannt sind, die man nicht mehr verwenden kann, egal, wofür sie vorher mal standen, und jemand, der Soziologie studiert hat, müsste das eigentlich wissen. Leider kommt dazu kein Wort. Man wartet überhaupt ständig darauf, dass nun aber wirklich bald mal die interessanten Stories kommen, aber nein: Die Informationen bleiben dünn, spärlich und unterhalb dessen, was man schon in Wikipedia oder in Jeff Tamarkins Airplane-Bio findet. Interessant höchstens, wie geschäftsmäßig diese Band agierte und ihre Mitglieder miteinander umgingen, während sie nach außen geradezu als Prototypen des Hippietums galten. Aber das wussten die Langzeitfans auch schon vor diesem Buch. Klar wird schnell, dass die Airplanes eher eine Episode als eine Lebensaufgabe waren, Jormas eigentliche Liebe ist Hot Tuna. Das wird immer wieder deutlich. Bei Jefferson Starship war er konsequenterweise nicht mehr dabei.

Statt dessen hören wir die Story einer fürchterlich aus dem Ruder laufenden Ehe mit einer offenbar unkontrollierten und nicht selten gewalttätigen Frau, während beide Partner nicht wissen, wie sie da herauskommen sollen -- und merkwürdigerweise scheint es ihnen eigentlich sogar egal zu sein. Bis er dann schließlich auf Vanessa trifft, mit der er noch heute verheiratet ist. Man erfährt von Jormas immer wieder betonter Leidenschaft zu fahren, sei es im Auto, auf dem Motorrad oder dem Fahrrad -- da ist Jorma ziemlich amerikanisch: Zu den typischen Verhaltensweisen vieler Amerikaner (das habe ich hier inzwischen gelernt) gehört das Fahren als solches; es geht nicht darum, wohin man fährt, das Entscheidende ist das Erlebnis der Bewegung selbst. Die Weite des Landes scheint das nahezulegen. Autos, Motorräder, besonders aber auch Schlittschuhe (die ihn u.a. immer wieder nach Inzell reisen lassen) nehmen in dem Buch denn auch breiten Raum ein. Unterbrochen wird der heute geschriebene Text immer wieder von Songlyrics, die aus Jormas jeweiliger Lebenssituation heraus entstanden sind, und von Tagebuchausschnitten, die in Kursivschrift herausgehoben sind (was sehr anstrengend zu lesen ist).

Im letzten Drittel rutscht das Buch mehr und mehr ins Bekenntnishafte ab und zieht sich wie Kaugummi. Ja, er hat Drogen genommen, ja, er hat seine Partnerinnen betrogen, ja, er war Alkoholiker, ja, er war ziellos ... irgendwie kennt man das alles, dazu mehren sich mit zunehmendem Alter naturgemäß auch noch die Todesfälle. Und so leid einem das alles auf der persönlichen Ebene auch tut, es ist letztlich nicht sehr interesant.

Immerhin hat er es aber geschafft, aus diesen diversen Schlamasseln rauszukommen, und da freut man sich mit. Jorma Kaukonen ist heute 78 und lebt mit seiner Familie im Südosten Ohios auf einer "Fur Peace Ranch" genannten Institution, die Ranch, Gitarrenschule, Tonstudio, Musikbibliothek und Konzertsaal ist und in der er Wochenendkurse für Gitarrenschüler gibt. Dazu tourt er nach wie vor mit Jack Casady als Hot Tuna oder als Solokünstler.

Ein Buch für Fans. Es liest sich ein wenig schleppend, gelegentlich ausgewalzt, ist aber zu bewältigen. Zu dem Buch gehören die vollständigen Hot-Tuna-Lyrics und eine CD mit fünf Gitarrentracks, ein Vorwort kommt von Grace Slick, ein Nachwort von Jack Casady. Wer seinem Blog folgen will, findet diesen hier.

Hier dann noch des Dichters genialische Signatur:







Jorma Kaukonen:
Been So Long -- My Life And Music
St. Martin's Press, New York 2018
ISBN 978-1-250-12548-4


Dieser Blogeintrag erschien zuerst in manafonistas.de.

1 comment:

  1. Vielen Dank für diese Buchpräsentation ... Und dass der Jorma Kaukonen nun auch schon 78 Jahre alt ist ... ich war da schon ein wenig sprachlos.

    Dass seine Biographie jedoch eher "lau" ist, finde ich natürlich besonders schade, denn - wenn nicht er - hätte substantielles zu der damaligen Musikszene beisteuern können.

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