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Tuesday, June 23, 2020

A Beautiful Day in the Neighborhood



 
Downtown Pittsburgh, irgendwann 2018. Eine Straße war so hergerichtet, als sei sie in New York, mit einem Fake-U-Bahn-Eingang und Hinweisschildern, die durchaus einige örtliche Autofahrer in Verwirrung gestürzt haben könnten.

Der Grund für die Dekoration war der Film A Beautiful Day in the Neighborhood, der zwar zum Teil in New York spielt, der aber vollständig in Pittsburgh gedreht wurde.



Es geht darin um Pittsburghs Nationalheiligtum Mr. Rogers, eine Legende des amerikanischen Kinderfernsehens. Wer den Namen nicht mehr unterbringen kann: Hier hatte ich vor zwei Jahren mal einen Beitrag über ihn geschrieben, damals anlässlich eines Portraitfilms über ihn und seine Sendereihe Mr. Rogers' Neighborhood, die von 1968 bis 2003 in fast allen PBS-Sendern der USA ausgestrahlt wurde, und wann immer der Pittsburgher PBS-Sender WQED eine Studiobesichtigung anbietet, bilden sich lange Schlangen vor dem Gebäude -- wobei ich ja immer den Verdacht habe, dass die Eltern mehr daran interessiert sind als deren Kinder. Aber auch die wissen noch, wer Mr. Rogers war.

Damals waren die Dreharbeiten im Gespräch, inzwischen ist der Film da (Trailer), nach der Kinoauswertung jetzt als DVD, wohl auch in Deutschland. 

Tom Hanks spielt Fred Rogers, Matthew Rhys den Reporter Tom Junod, der im Film Lloyd Vogel heißt. Ich hatte zunächst eine Art Biopic erwartet, aber das ist es nicht, auch wenn der Film auf einer wahren Episode basiert. Tatsächlich hat man diese Episode aufgeblasen und eine Handlung darum herumgestrickt. Eigentlich also ist das, was der Film zeigt, so nicht passiert, aber immerhin handelt es sich auch nicht um völlig freie Erfindung. 

Lloyd Vogel, "Esquire"-Reporter vom Schlage hart und zynisch, erhält von seiner Chefredakteurin den Auftrag, nach Pittsburgh zu reisen und ein Portrait dieses Mr. Rogers zu schreiben -- nicht viel, ungefähr 400 Wörter. Dieser Job ist ihm eher peinlich, er hält den Auftrag für unter seiner Würde.

Die weitere Handlung ist vorhersehbar. Bei einem ersten Treffen kann Vogel mit Rogers nichts anfangen, während Rogers ihn mit der ihm eigenen alles niederwalzenden Freundlichkeit ins Leere laufen lässt. Aber es bleibt nicht bei diesem einen Treffen, und es wird immer deutlicher, dass nicht Vogel Rogers portraitiert, sondern Rogers immer mehr den Reporter durchschaut. Der nämlich hat heftige Probleme mit seinem Vater, weiß das eigentlich selbst, weiß auch, dass er das ändern müsste, bringt es aber nicht über sich, den Anfang zu machen. Ich glaube, man verrät hier nicht zuviel, wenn man sagt, dass am Ende des Films sich Vogel mit seinem Vater an dessen Sterbebett aussöhnt. Und aus der 400-Wort-Story wird eine Titelgeschichte. (Die wiederum gab es wirklich, sie erschien 1998 in "Esquire" unter dem Titel "Can You Say ... Hero?".)

Der Film spielt teils an Originalschauplätzen, es gibt auch sehr schön gestaltete Übergänge vom Realen zu Modell-Landschaften, die Dekoration von Rogers' Sendung existiert zum Teil noch, der Rest konnte mit Hilfe des Heinz History Centers nachgebaut werden, auch die Modelle für Rogers' Puppenspiel wurden realisiert. 

Teils ist der Film realistisch, teils aber arbeitet er mit fast surrealistisch anmutenden Verfremdungseffekten; in einigen Momenten enthält der Film wie im Spiegel seine eigene Geschichte. Brecht hätte seine Freude daran gehabt. Rhys bringt gut über die Bühne, wie der harte Kerl, der er sein will, immer mehr aufweicht. Tom Hanks legt seinen Fred Rogers für mein Gefühl ein bisschen zu sehr als eine Art zerstreuten Professor an, der ein wenig weltfremd durch die Gegend schlurft -- dabei allerdings in bester Columbo-Tradition sein Gegenüber schon viel tiefer durchschaut hat, als der es ahnt. Und dann, im Abspann, stellt sich der Film fast noch selbst ein Bein: Da nämlich ist für einen kurzen Moment der wirkliche Fred Rogers zu sehen und zu hören. Diese paar Sekunden reichen aus, um klarzumachen, dass Tom Hanks nicht das Original ist.

Als jemand, der Mr. Rogers' Neighborhood nie im Original gesehen hat, bin ich -- gerade auch nach Ansicht des erwähnten Dokumentarfilms -- mit recht spitzen Fingern an diesen Film herangegangen. Aber ich bedauere nicht, ihn gesehen zu haben.

Dies hier ist die wohl stärkste Szene des Films: One Minute of Silence. Stellt euch die bitte auf der Kinoleinwand vor. Und dann wisst ihr, wer Mr. Rogers war.

Wednesday, July 4, 2018

Won't You Be My Neighbor?

Mit diesem Lied auf den Lippen kam zwischen 1968 und 2001 im amerikanischen Fernsehen Mister Rogers von der Arbeit nach Hause (wir erfahren nie, welchen Job er hatte, aber seinem Aufzug nach wird es wohl ein white-collar job gewesen sein), hängte sein Jackett in den Schrank, zog einen farbigen Freizeitsweater über und nahm Platz, um die Business-Schuhe gegen bequeme Sportschuhe zu wechseln. Diese Geste des Schuhwechsels ist so typisch und so bekannt, dass sowohl das Heinz History Center in Pittsburgh ihn so in der Originaldekoration zeigt …




… wie auch die Mister-Rogers-Statue, die in Pittsburgh vom südlichen Ufer des Allegheny Rivers auf den Point Park blickt, dort, wo der Allegheny und der Monongahela zusammenfließen und den Ohio River bilden:



Won’t you be my Neighbor? ist auch der Titel eines Dokumentarfilms, der zur Zeit aus Anlass des 90. Geburtstages von Mr. Rogers durch die amerikanischen Kinos läuft. Im Normalfall reicht bereits die Erwähnung des Titels oder des Namens, um Amerikaner, soweit sie mit dieser seiner Show



aufgewachsen sind, zu Tränen zu rühren. Und das ist nicht übertrieben.

Fred McFeely Rogers (1928-2003), studierter Komponist, Pianist und geweihter presbyterianischer Priester (der allerdings nie eine Messe las), fand das, was das amerikanische kommerzielle Fernsehen Vorschulkindern vorsetzte, einfach schrecklich. In den frühen 1960er Jahren entwickelte er deshalb eine 15-minütige Kindersendung namens Misterogers, die eine Zeitlang im kanadischen CBC zu sehen war, dann aber eingestellt wurde. Er setzte seine Arbeit fort in seinem Geburtsort Pittsburgh beim Public-TV-Sender WQED. In einfachster Kulisse, mit Handpuppen und einer kleinen Schar ständiger Darsteller, entstand so Mister Rogers‘ Neighborhood. Schon nach kurzer Zeit übernahmen alle Public-TV-Sender der USA die Show in ihr Programm, wo sie dann von 1968 bis 2001 blieb.




Fred Rogers setzte dabei bewusst auf einen Gegenpol zur Sesame Street, die in schneller Schnitt- und Wiederholungsfrequenz das von Kindern heißgeliebte Werbefernsehen kopierte — mit Erfolg, wie man weiß. Rogers war der Meinung, man müsse, um einen Draht zu Kindern zu entwickeln, keine albernen Hüte aufsetzen, nicht betont „kindlich“ reden, nicht permanent schreien oder Witze reißen und auch keine Supergestalt sein. Kennzeichen seiner Show waren relative Gemächlichkeit, Ruhe, unbedingte Aufrichtigkeit, eine Reihe von Ritualen (wie dem eingangs geschilderten), vor allem aber die völlige Freiheit von Werbung und Product Placement.

Mister Rogers verstand es stets, eine gewisse Distanz zu halten: er zog zwar Freizeitkleidung an, aber die Krawatte blieb. Nie wurde er „Uncle Fred“ oder etwas dergleichen, er blieb immer „Mister Rogers“ — im deutschen Fernsehen würde das bedeuten: Er ließ sich siezen. Zwischen der „realen“ Kulissenwelt und der Welt der Puppen verkehrte ein Straßenbahnwagen. Dort traf man dann auf Gestalten wie King Friday XIII und seine Frau, Daniel Tiger oder X the Owl — zehn Charaktere insgesamt sprach Rogers selbst. Mit ihnen konnte er Emotionen aufbauen. Dazwischen gab es kurze Sach-Einspieler über etwa die Herstellung von Himbeereis, oder wie man einen Kran aufbaut, wo Zeitungen herkommen, und so weiter. Im Normalfall wurde die Sendung relativ kurz vor der Ausstrahlung produziert, so dass aktuelle Vorkommnisse einbezogen werden konnten.

Man muss es sehen und hören, wie dieser Mann mit Kindern sprach, mit ihnen umging, ihnen Dinge erklärte, wie er sie ernst nahm, ohne sie zu überfordern. Man muss es sehen (und die Dokumentation zeigt es), wie er — zum Beispiel — erklärt, was der Begriff assassination meint (das Attentat auf Robert Kennedy war gerade passiert und der Begriff ging durch alle Medien), wie er (live im Studio!) vor Kindern auf die Challenger-Katastrophe reagiert oder was 9/11 zu bedeuten hatte. Wer im deutschen Kinderfernsehen hätte das hinbekommen? Ich weiß keinen.

Man muss sich klarmachen, dass noch in den Spätsechzigern manche Hotelbesitzer ihren Swimmingpool desinfizierten, wenn Schwarze darin gebadet hatten. Erst dann kann man verstehen, welchen explosiven Hintergrund eine scheinbar ganz harmlose Szene wie diese hatte:


Der Polizistendarsteller übrigens hatte irgendwann sein reales Coming-Out. Das führte zur Scheidung seiner Ehe, was natürlich Futter für die Klatschpresse war. Mister Rogers konnte auch das in seiner Sendung kindgerecht auffangen, und der Schauspieler blieb im Team.

Und es gibt jenen legendären Auftritt Rogers‘ vor dem United States Subcommittee on Communications, das 1969 über die Vergabe von 20 Millionen Dollar an das öffentliche Fernsehsystem PBS zu entscheiden hatte. Nachdem etliche Fachleute ihren Standpunkt dargelegt hatten und das Komitee nicht zu überzeugen vermochten, rezitierte Fred Rogers schlicht einen Text aus seiner Sendung — eigentlich einen Liedtext, den er aber sprach. Was den bis dahin äußerst widerständigen Chairman schließlich zu der Bemerkung brachte: „I think it’s wonderful. Looks like you just earned the $20 million.“ — So zu sehen in der Doku.

Mister Rogers‘ Neighborhood ist in Deutschland völlig unbekannt. Auch mir als Medienmensch war die Sendung nie begegnet. Da sie mit der Person Fred Rogers stand und fiel, wäre es wahrscheinlich unmöglich gewesen, sie in einer sinnvollen Weise einzudeutschen (wie es mit der Sesamstraße ja durchaus gelungen ist). Ich wüsste auch keine Person, die Rogers‘ Stelle hätte einnehmen können — am ehesten vielleicht noch Siebenstein, aber auch das war eigentlich etwas anderes. Das Team der Sendung mit der Maus allerdings (die wiederum hier in den USA kein Mensch kennt) hat Mister Rogers mit Sicherheit sehr genau studiert, auch wenn atmosphärisch etwas anderes dabei herausgekommen ist.



Fred Rogers starb 2003 an Magenkrebs. Noch während der Trauerfeier protestierten auf der Straße religiöse Betonköpfe gegen sein teuflisches Wirken.

Ja, ich wäre gern sein Nachbar gewesen. Sollte es die Doku wundersamerweise einmal nach Deutschland schaffen: Anschauen lohnt sich. Bitte dann vorsichtshalber ein Paket Taschentücher nicht vergessen.