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Saturday, September 26, 2020

Out now: TIMES & SOUNDS

TIMES & SOUNDS
Germany's Journey from Jazz and Pop
to Krautrock and Beyond


This book is a journey – a ride through the depths of Germany's modern musical roots:

At the beginning of the 1970s, experimental and progressive music in Germany developed far from the mainstream. Although few initially noticed it, it is now internationally celebrated as a cult phenomenon called „Krautrock“. Today, bands like Kraftwerk, Can, Amon Düül II, NEU!, Cluster, and Tangerine Dream are considered pioneers of groundbreaking sound experiments.

In order to understand the Krautrock era and its impact, it’s worth delving deeper into the history of German rock music and taking a closer look at the overall picture.

Times & Sounds offers a comprehensive insight into the mechanisms of post-war Germany’s music industry and sheds light upon its diverse musical styles, as well as their mutual influences and connections, which have received little attention until now: From the onset of German Jazz and Swing orchestras to the first Rock'n'Roll bands around Hamburg's Star Club and electronic synthesizer pioneers. From the intact world of Schlager to agitprop and left-wing protest songs. From the avant-garde compositions of Stockhausen and his presumed disciples of Krautrock to the Neue Deutsche Welle.

This book is a journalistic diary tracing Germany's dynamic culture from the late 40s to the early 90s. Those who take this journey experience the ups and downs of five decades, thus developing an understanding deeper than any other of the Krautrock phenomenon.

  • Foreword by Hans-Joachim Roedelius (Kluster/Cluster/Harmonia)
  • Hardcover with coloured headband and ribbon
  • 536 pages including coloured endpaper with infographics
ISBN 978-3-9822100-0-1 (Hardcover)
ISBN 978-3-9822100-1-8 (Kindle)

Friday, September 18, 2020

Conspiracy

 1975 oder 1976 muss es wohl gewesen sein, als es mich mit meiner damaligen Gang in die Hamburger "Fabrik" verschlug. Angekündigt war das "1. New Jazz Festival", federführend stand wohl der NDR dahinter, dennoch hat es meines Wissens nie eine zweite Ausgabe gegeben.

Ich meine, es hätten drei Gruppen an dem Abend gespielt. Die beiden anderen habe ich vergessen (bestimmt zu Unrecht), aber eine hat sich mir unauslöschlich ins Gehirn eingegraben: die Band von Terje Rypdal, dessen Album Odyssey damals noch als eine Art Geheimtipp herumgereicht wurde. Die "Fabrik" war zum Bersten voll, die einzigen (Steh-)Plätze, die es noch gab, waren ganz hinten im Saal, oben auf der Galerie, direkt hinter dem Elefanten mit den nickenden Kopf und den Glühbirnenaugen. Die Luft war blau, und auf der Bühne war es dunkel. Tatsächlich, Rypdal spielte annähernd im Dunkeln. Mehr Licht hätte gestört. Aus dem Dunkel schälte sich Terjes singender, vom Spiel mit dem Volumenpedal geprägter Gitarrensound heraus, füllte die "Fabrik", kombiniert mit dem Klang eines damals neuen Keyboard-Instruments, dem sogenannten "String-Ensemble" (eine Solina, dem Klang nach). Dazu vorsichtig tappende Drums, ein zurückhaltender, aber hochpräziser Bass, eine geheimnisvoll klagende Posaune. Für mich damals der Beginn einer wunderbaren musikalischen Freundschaft. 

Nach langer Pause -- sein letztes Album liegt sieben Jahre zurück -- ist Terje Rypdal zur Atmosphäre von Odyssey oder Waves zurückgekehrt. Mit seinen Mitstreitern Ståle Storløkken (Keyboards), Endre Hareide Hallre (fretless und Fender Bass) und Pål Thowsen (Drums und Percussion) ist ihm ein Album gelungen, das mühelos an das Konzert von damals anknüpft und trotzdem keine Sekunde lang "alt" klingt. Hier ist er wieder, der schwebende, raumfüllende Gitarrenklang, der mal flüsternd, mal auftrumpfend, mal singend, mal wild daherkommt; ein Sound irgendwo zwischen Mike Oldfield und Robert Fripp, dabei aber immer präsent und unverwechselbar Rypdal. Diesen Klang kann kein anderer.

Aufgenommen im Osloer Rainbow Studio und produziert von Manfred Eicher ist Conspiracy ein strahlendes Polarlicht in einer Zeit, in der der Rauch von der Westküste auch hier im Nordosten den Himmel seltsam zu färben beginnt. Schade lediglich, dass das Vergnügen mit gerade mal 32 Minuten recht kurz ist. Und das Schlagzeug könnte vielleicht ein wenig präsenter sein. Das ist aber auch alles, was es an dem Album auszusetzen gibt.

(Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht auf manafonistas.de)

Friday, August 21, 2020

A Walk Through Puppet Motel

Erinnert sich noch jemand an das Zeitalter, als CD-ROMs als die Zukunft der Bildungsvermittlung galten? Als allenthalben von "virtueller Realität", "digitalen Opern" und "interaktiven Filmen" geschwärmt wurde? Die dann allerdings alle miteinander kaum je entstanden, weil niemand so recht wusste, wie man diese neuen Möglichkeiten halbwegs sinnvoll nutzen könnte? Die wenigen Beispiele, die es gab, waren meist wie ein Restaurant, in dem man selber kochen musste (mit freundlichen Grüßen an den damaligen RTL-Chef Helmut Thoma, von dem dieser Vergleich stammt).

Schon wenige Jahre später war die CD-ROM vergessen. Das Internet war einfach schneller, ließ viele Mitwirkende zu, und konnte -- anders als die CD-ROM -- aktualisiert werden.

 

Es gab auch Kunst auf CD-ROMs. Laurie Anderson brachte 1995, basierend auf einem Song ihres Albums Bright Red, die CD-ROM Puppet Motel auf den Markt. Eine virtuelle, interaktive Tour durch die Räume eines Motels, entwickelt zusammen mit dem taiwanesischen Künstler Hsin-Chien Huang. Es war kein Erfolg und obendrein ein kurzes Vergnügen: Die Firma, die die CD-ROM auf den Markt gebracht hatte (The Voyager Company), ging sehr bald pleite. Die CD-ROM ließ sich nur auf einem bestimmten Apple-Modell abspielen, das es schon bald darauf nicht mehr gab. Heute gibt es schon lange keine kompatiblen Geräte mehr.

Nun hat sich wohl doch einmal jemand in ein Computermuseum begeben und sich den Spaß gegönnt, eine Tour durch alle Räume des Puppet Motel aufzuzeichnen. Zur Besichtigung bitte hier entlang:

 

 

Laurie Anderson ist auch heute noch eine virtuelle Reise wert.

Saturday, August 8, 2020

All Gates Open -- The Story of Can

Das noch immer beste Buch über Can ist das 1998 dreisprachig als Teil der Can Box erschienene, leider längst vergriffene "Can Box Book" von Wolf Kampmann und Hildegard Schmidt. Ansonsten hat nicht viel Auswahl, wer sich für die Geschichte der Band interessiert. Gemessen an ihrer Bedeutung ist das eigentlich erstaunlich. Es gäbe dann noch "The Can Book" von Pascal Bussy und Andy Hall von 1989, ein Werk voller, wie Tucholsky es einst nannte, "unsichtbarer Imponierklammern" -- hinter jeden zweiten Absatz raunt es dir unsichtbar ins Ohr: "(Ist das nicht toll, was wir alles wissen? Und wir wissen noch viel mehr, was du, dummer Leser, nie erfahren wirst!)"

Und dann ist da "All Gates Open -- The Story of Can" von Rob Young und Irmin Schmidt, so benannt nach dem Eröffnungstrack von Cans letztem regulären Album von 1978 (wenn man den 1989er Nachzügler Rite Time mal außen vor lässt, der wohl eher dazu diente, einige Dinge zwischen den Musikern zu klären). Ich bin erst jetzt dazu gekommen, diesen Klotz mit seinen fast 580 Seiten plus einiger Fotostrecken durchzulesen.

Das Ergebnis ist durchwachsen. Das Buch zerfällt in drei Teile: Zum ersten ist das die von Young verfasste Geschichte der Band, zum zweiten eine Sammlung von Gesprächen mit Irmin Schmidt, und zum dritten Tagebuchauszüge und andere Notizen von Irmin Schmidt.

Young schrieb für The Wire, seine Story der Band nimmt etwa zwei Drittel des Buches ein. Sie hangelt sich an den Platten entlang, ist gut und sachlich geschrieben, hält sich allerdings nach meinem Eindruck ein bisschen zu eng an Irmin Schmidt und dessen Sicht der Dinge fest. Young kennt die Band sehr gut, seine Kenntnis der Aufnahmen ist so gut wie lückenlos, oft hat er Informationen oder Hintergrundgeschichtchen zu den Stücken und ihrer Produktion parat, die wirklich aus dem Nähkästchen stammen. Insbesondere die vielen Informationen über Cans Filmmusiken sind für jeden, der die Band kennt und schätzt, hochinteressant. Die Rolle von Irmins Frau Hildegard wird ausführlich beleuchtet, auch der jahrelange Ärger mit Abi Ofarim wird geschildert, der sich zum Manager der Band berufen fühlte, aber wenig dafür tat. Einige merkwürdige Fehler sind mir aufgefallen, die möglicherweise einer Übersetzung oder Übertragung geschuldet sind; so wird etwa Karlheinz Stockhausen eine Komposition namens "Klangwelle" zugeschrieben, die es nach meinem Kenntnisstand nicht gibt (gemeint ist wohl "Kurzwellen"), auch sprachliche Missverständnisse treten gelegentlich auf. Aber damit kann man leben.

Die Rolle Stockhausens für die Band, das wird schnell deutlich, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, das zieht sich durch das gesamte Buch. Sowohl Holger Czukay als auch Irmin Schmidt waren seine Studenten, Schmidt selbst kommt ja aus einer klassischen Musikausbildung. Ich habe durch die Lektüre etliches über Malcolm Mooney und Damo Suzuki erfahren, was ich nicht wusste; gelegentlich wartet das Buch auch mit Mitteilungen auf, die ich so genau gar nicht hätte wissen wollen -- etwa die Ursache der Spannungen zwischen Holger und Irmin, eine private Geschichte, die für mein Gefühl gar nicht in die Öffentlichkeit gehören würde.

Gemessen an den Anteilen Irmin Schmidts sind die Geschichten Jaki Liebezeits, Holger Czukays und Michael Karolis ein wenig unterbelichtet, aber vielleicht sollte man das gesamte Buch ohnehin als eine Art Schmidt-Biografie sehen. Generell gilt: Am Lack der Gruppe wird an keiner Stelle gekratzt, hinterfragt wird nichts. Selbst die Nähe der Band zu okkulten Erscheinungen, Telepathie etc., wird nicht kommentiert oder in Frage gestellt. Die alten Stories mit der Selmer-Orgel, die angeblich auf verbales Kommando von Michael aufhörte zu rauschen, werden ebenso unhinterfragt wiedergegeben wie die angeblich stehengebliebenen Uhren im BBC-Studio, als Jaki aufhörte zu spielen. Na gut, Fans lieben Märchen, trotzdem hätte man sich da ein klareres Nachhaken gewünscht.

Das letzte Drittel des Buches steht unter dem Motto "Can Kiosk" und teilt sich auf in Gespräche mit Irmin Schmidt und Notizen von Irmin Schmidt. Seine Gesprächspartner sind unter anderem Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten), Geoff Barrow (Portishead, die Schmidt offenkundig sehr schätzt), Filmemacher und Theaterregisseur Klaus Emmerich, zu dessen Serie "Rote Erde" Schmidt die Musik schrieb, Duncan Fallowell, Hans-Joachim Irmler (Faust), Wim Wenders und etliche andere. Irmin Schmidt steht dabei zwar im Mittelpunkt, aber es geht auch um die Arbeit der jeweiligen Gesprächspartner. Die sich dann anschließenden Notizen, Tagebuchausschnitte und Traumschilderungen von Schmidt sind für mein Gefühl inhaltlich wenig ergiebig und wären verzichtbar gewesen. Aber gut, nun sind sie mal da.

Wie gesagt: Da das Kampmann/Schmidt-Buch nur noch mit viel Glück gebraucht zu finden ist, wird dieses Young/Schmidt-Buch wohl das beste bleiben, was über Can zu bekommen ist. Lesenswert ist es allemal.

Saturday, July 11, 2020

Kraftwerk: The Ultimate Music Guide

Ich habe die 124 Seiten dieses englischsprachigen Uncut-Sonderheftes nicht von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen. Ich kenne die Band seit ihrem ersten Album von 1970, und es gibt ganz sicher nicht mehr viel, das mich an ihrer Geschichte noch überraschen könnte. Der Hypesticker "50 Jahren!" gleich auf der Titelseite ist natürlich zum Schmunzeln. Ärgerlicher wären aber Fehler inhaltlicher Art, und solche sind mir im Heft nicht aufgefallen. Die Beiträge sind von diversen Autorinnen und Autoren geschrieben und durchweg sauber recherchiert, die Dokumentation bei Uncut scheint besser zu funktionieren als Google-Translate. Schade ansonsten, dass das Corona-Virus die US-Tour zum 50-jährigen Jubiläum der Band verhindert hat (ich hatte mich schon auf New York gefreut).

Es wird in diesem Heft die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Kraftwerk-Albums geschildert, auch jene der ersten drei, die Ralf Hütter heute nicht mehr für präsentationswürdig hält, ebenso auch jene des pre-Kraftwerk-Albums Tone Float, als die Band noch Organisation hieß. Das war noch wirklicher Krautrock, schon damals allerdings exzellent produziert von Conny Plank, der es auch irgendwie schaffte, das Album an die englische RCA zu verkaufen. In Deutschland war es nur als Import zu haben, aber das fiel nicht weiter auf, weil es eh niemand haben wollte. Erst als Kraftwerk weltbekannt war, verkaufte es sich als Bootleg ganz ordentlich.

Die Gesamtperspektive ist britisch. Die Darstellungen der Alben beziehen sich zunächst immer auf die englischen Ausgaben mit den entsprechenden Covern, Kritiken geben den englischen, gelegentlich auch den amerikanischen Standpunkt wieder. Jeder Albumtrack wird mit einer Fünf-Sternchen-Wertung beurteilt, wobei weniger als drei anscheinend nicht vorkommen. Auch die Singles werden aufgelistet und vorgestellt, desgleichen wird auf die verschiedenen Bühnenpräsentationen eingegangen. Für Sammler interessant sind sicherlich auch die aufgeführten Bootlegs, deren Nennung allerdings nicht annähernd vollständig ist, und für mein Gefühl sind es auch nicht die besten. Florian Schneiders Hinschied konnte nicht mehr berücksichtigt werden. Im übrigen ehrt es die Redaktion, das letzte Wort dem frühen Kraftwerker Eberhard Kranemann überlassen zu haben.

Was man nicht erwarten sollte: eine ernsthaft kritische Auseinandersetzung mit dem Werk der Band oder eine wirklich systematische Einordnung ihrer Musik in den popmusikalischen Kanon. Kraftwerk hat ein etabliertes Image, und bis in die Auswahl der Hütter-Zitate hinein wird an diesem Lack nicht gekratzt. Wunde Punkte -- wie etwa das unglückliche Ende der Ära Conny Plank -- werden nicht angetastet. Auch die gelegentlich konfuse Veröffentlichungspolitik der Band wird nie in Frage gestellt.

Wen diese Einschränkungen nicht stören und wer die Geschichte von Kraftwerk noch nicht oder nur bruchstückhaft kennt, kann die 8.99 Pfund für dieses Heft unbesorgt investieren. Als Übersicht ist es sein Geld wert. Wer die offizielle Kraftwerk-Geschichtsschreibung allerdings schon kennt, erfährt hier nichts Neues.

Monday, July 6, 2020

Diversity Checklist

Wer bei der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein (FFHSH) Fördermittel für einen Spielfilm beantragen will, muss jetzt eine Diversity Checklist ausfüllen -- hier zum Download -- und mit dem Antrag einreichen.

Was für ein Meisterwerk deutscher Beamtenseligkeit! Da lacht der politisch korrekte Amtsschimmel, bis es kracht. Demnächst werden die FFHSH und ihre Komplizen uns auch noch die Handlung der anzufertigenden Filmwerke vorgeben -- rein fürsorglich natürlich, damit wir es leichter haben.

Schafft diese Filmverhinderungsanstalten endlich ab. Vielleicht wird's dann auch wieder etwas mit dem deutschen Film.

Tuesday, June 23, 2020

A Beautiful Day in the Neighborhood



 
Downtown Pittsburgh, irgendwann 2018. Eine Straße war so hergerichtet, als sei sie in New York, mit einem Fake-U-Bahn-Eingang und Hinweisschildern, die durchaus einige örtliche Autofahrer in Verwirrung gestürzt haben könnten.

Der Grund für die Dekoration war der Film A Beautiful Day in the Neighborhood, der zwar zum Teil in New York spielt, der aber vollständig in Pittsburgh gedreht wurde.



Es geht darin um Pittsburghs Nationalheiligtum Mr. Rogers, eine Legende des amerikanischen Kinderfernsehens. Wer den Namen nicht mehr unterbringen kann: Hier hatte ich vor zwei Jahren mal einen Beitrag über ihn geschrieben, damals anlässlich eines Portraitfilms über ihn und seine Sendereihe Mr. Rogers' Neighborhood, die von 1968 bis 2003 in fast allen PBS-Sendern der USA ausgestrahlt wurde, und wann immer der Pittsburgher PBS-Sender WQED eine Studiobesichtigung anbietet, bilden sich lange Schlangen vor dem Gebäude -- wobei ich ja immer den Verdacht habe, dass die Eltern mehr daran interessiert sind als deren Kinder. Aber auch die wissen noch, wer Mr. Rogers war.

Damals waren die Dreharbeiten im Gespräch, inzwischen ist der Film da (Trailer), nach der Kinoauswertung jetzt als DVD, wohl auch in Deutschland. 

Tom Hanks spielt Fred Rogers, Matthew Rhys den Reporter Tom Junod, der im Film Lloyd Vogel heißt. Ich hatte zunächst eine Art Biopic erwartet, aber das ist es nicht, auch wenn der Film auf einer wahren Episode basiert. Tatsächlich hat man diese Episode aufgeblasen und eine Handlung darum herumgestrickt. Eigentlich also ist das, was der Film zeigt, so nicht passiert, aber immerhin handelt es sich auch nicht um völlig freie Erfindung. 

Lloyd Vogel, "Esquire"-Reporter vom Schlage hart und zynisch, erhält von seiner Chefredakteurin den Auftrag, nach Pittsburgh zu reisen und ein Portrait dieses Mr. Rogers zu schreiben -- nicht viel, ungefähr 400 Wörter. Dieser Job ist ihm eher peinlich, er hält den Auftrag für unter seiner Würde.

Die weitere Handlung ist vorhersehbar. Bei einem ersten Treffen kann Vogel mit Rogers nichts anfangen, während Rogers ihn mit der ihm eigenen alles niederwalzenden Freundlichkeit ins Leere laufen lässt. Aber es bleibt nicht bei diesem einen Treffen, und es wird immer deutlicher, dass nicht Vogel Rogers portraitiert, sondern Rogers immer mehr den Reporter durchschaut. Der nämlich hat heftige Probleme mit seinem Vater, weiß das eigentlich selbst, weiß auch, dass er das ändern müsste, bringt es aber nicht über sich, den Anfang zu machen. Ich glaube, man verrät hier nicht zuviel, wenn man sagt, dass am Ende des Films sich Vogel mit seinem Vater an dessen Sterbebett aussöhnt. Und aus der 400-Wort-Story wird eine Titelgeschichte. (Die wiederum gab es wirklich, sie erschien 1998 in "Esquire" unter dem Titel "Can You Say ... Hero?".)

Der Film spielt teils an Originalschauplätzen, es gibt auch sehr schön gestaltete Übergänge vom Realen zu Modell-Landschaften, die Dekoration von Rogers' Sendung existiert zum Teil noch, der Rest konnte mit Hilfe des Heinz History Centers nachgebaut werden, auch die Modelle für Rogers' Puppenspiel wurden realisiert. 

Teils ist der Film realistisch, teils aber arbeitet er mit fast surrealistisch anmutenden Verfremdungseffekten; in einigen Momenten enthält der Film wie im Spiegel seine eigene Geschichte. Brecht hätte seine Freude daran gehabt. Rhys bringt gut über die Bühne, wie der harte Kerl, der er sein will, immer mehr aufweicht. Tom Hanks legt seinen Fred Rogers für mein Gefühl ein bisschen zu sehr als eine Art zerstreuten Professor an, der ein wenig weltfremd durch die Gegend schlurft -- dabei allerdings in bester Columbo-Tradition sein Gegenüber schon viel tiefer durchschaut hat, als der es ahnt. Und dann, im Abspann, stellt sich der Film fast noch selbst ein Bein: Da nämlich ist für einen kurzen Moment der wirkliche Fred Rogers zu sehen und zu hören. Diese paar Sekunden reichen aus, um klarzumachen, dass Tom Hanks nicht das Original ist.

Als jemand, der Mr. Rogers' Neighborhood nie im Original gesehen hat, bin ich -- gerade auch nach Ansicht des erwähnten Dokumentarfilms -- mit recht spitzen Fingern an diesen Film herangegangen. Aber ich bedauere nicht, ihn gesehen zu haben.

Dies hier ist die wohl stärkste Szene des Films: One Minute of Silence. Stellt euch die bitte auf der Kinoleinwand vor. Und dann wisst ihr, wer Mr. Rogers war.

Tuesday, May 26, 2020

Have A Good Trip

Es muss etwa 40 Jahre her sein. Ich erinnere, wie ich ein paar Leute auf den wunderschönen Sonnenaufgang hinwies, dann aber von denen gesagt bekam, es sei 2 Uhr nachts.

Von ungefähr dieser Qualität ist die Netflix-Doku Have A Good Trip — Adventures In Psychedelics, die im US-Netflix zu sehen ist. Wer ernsthaft den Nerv hat, dem sich auf dem Sofa räkelnden Sting dabei zuzuhören, wie er sich daran erinnert, einmal nach dem Genuss einiger Magic Mushrooms einer Kuh beim Kalben geholfen zu haben, der ist sicherlich auch reif für den Rest: die durchweg kichernd dargereichten Drogenerlebnisse einiger prominenter und vieler nicht ganz so prominenter Künstler. Optisch ist das manchmal ganz hübsch gemacht, mit Zeichentricksequenzen und kurzen Parodien „wissenschaftlicher“ Warnungen, wie sie in den 1960er Jahren als After-School-Specials im US-TV gesendet wurden („This is your brain on drugs“), unterbrochen von kurzen Reportagebeiträgen der Marke „das versteht nur, wer dabei war“. Star Wars-Prinzessin Leias Erlebnisse führen ebenso ins Nichts wie die Bekenntnisse irgendeines Rappers. Das Ganze läuft knapp 90 Minuten; nach 30 spätestens hat man das Gefühl, einer Waschmaschine beim Rotieren zuzuschauen.

„Getretner Quark wird breit, nicht stark“, schrieb, glaube ich, schon Goethe im Westöstlichen Divan. Hier ist der Trailer. Die Substanz des ganzen Films in zwei Minuten.

Friday, May 15, 2020

Janis -- Her Life And Music

Dies ist die nunmehr sechste Janis-Joplin-Biographie in meinem Bücherregal, erschienen im Oktober letzten Jahres. Da inzwischen nun wirklich keine Neuigkeiten mehr aus dem Leben der Sängerin herauszupressen sind, schon gar keine sensationellen, hat die Autorin Holly George-Warren in erster Linie die allseits bekannten Stationen aus Janis' Leben nachgearbeitet und sie dabei neu gewichtet.

So unoriginell wie der Titel ist die Vorgehensweise der Autorin. Vielleicht gerade deshalb gelingen ihr gelegentlich Perspektiven, die so noch nicht beschrieben worden sind. Ein Schwerpunkt liegt auf Janis' Kindheit und Jugend und ihr Verhältnis zu Geschwistern, Eltern und Mitschülern. Dass sie zeitlebens versucht hat, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie mit ihrer Entscheidung, nach San Francisco und zu BBHC zu gehen, den richtigen Schritt getan hatte, zieht sich durch viele Briefe, aus denen die Autorin zitiert. Dass dabei ihre objektive Situation nicht immer dem entsprach, was sie ihren Eltern erzählte, wird hier sehr deutlich. Janis' Talent, andere vor den Kopf zu stoßen, ihr ständiger Alkohol-, Pillen- und Heroinkonsum, ihre dauernden Versuche, damit aufzuhören und es doch nicht zu schaffen, ebenso ihr ständiger Fight mit diversen Sex- und Liebesabenteuern: das alles wird in diesem Buch nicht anekdotisch am Rande abgehandelt, sondern in zum Teil epischer Breite als die lebensbestimmenden Faktoren, die sie wohl waren. Gleichwohl bin ich nicht davon überzeugt, dass alle, die heute behaupten, mit Janis geschlafen zu haben, das wirklich getan haben. Es ist nun mal nicht mehr überprüfbar.

Es ist dies die erste Joplin-Bio, in der wirklich detailliert auf die Geschichte ihrer verschiedenen Bands eingegangen wird. Dass Janis' Ausnahmetalent die Jungs von Big Brother & The Holding Company überforderte, kann jeder hören, der Ohren hat. Das wusste Janis auch selbst. Gleichzeitig aber war die Band für sie so etwas wie ein sicherer Hafen. Die Band hielt zusammen wie Pech und Schwefel, und Janis sah sie als eine Art Familie an. Um sie endlich dazu zu bringen, BBHC zu verlassen und eine eigene Band zu gründen, brauchte es eine starke Vaterfigur, in diesem Fall ihren Manager Albert Grossman. Und selbst das tat sie nicht, ohne Sam Andrew aus BBHC mitzunehmen. Das führte wiederum zu Schwierigkeiten mit den erstklassigen Musikern ihrer Kozmic Blues Band, mit deren Fähigkeiten Sam nicht mithalten konnte. Und Janis selbst stellte schon bald fest, dass es ihr nicht lag, eine Band zu führen. Genau das aber hätte sie tun müssen; die Kozmic-Blues-Leute konnten zwar alles spielen, was man von ihnen verlangte, aber man musste ihnen genau sagen, was sie spielen sollten. Auch das Publikum akzeptierte die neue Band und den souligen Sound nicht so ohne weiteres. Und so erfahren wir dann auch, wie Janis an ihre dritte und beste Band kam, die dann den Namen Full Tilt Boogie Band annahm.

Nebenher wird beschrieben, wie BBHC einen sehr dummen Knebelvertrag mit dem Jazzlabel Mainstream Records abschloss, aus dem sie schließlich von Columbia Records mit 200.000 Dollars herausgekauft wurden -- damals eine ungeheure Summe, die ahnen lässt, welche Hoffnungen Labelboss Clive Davis in Janis gesetzt haben muss. Aber auch ihm war klar, dass Janis das nicht mit BBHC schaffen würde, und so wirkte er hinter den Kulissen auf Grossman ein. Gelegentlich tauchen dabei auch Widersprüche zu früheren Biografien auf; etwa über die Story des Songs "Mercedes Benz" oder das Zustandekommen des namens "Pearl" -- ich kenne da inzwischen drei Varianten. Das Buch erweckt auch den Eindruck, dass Janis kaum jemals allein gewesen ist; immer waren irgendwelche Leute, Lover oder Musiker um sie herum, immer sollen auch Southern Comfort oder sonstwelche Mittelchen im Spiel gewesen sein; gleichzeitig aber wird geschildert, dass sie ständig mit einem großen Stapel Bücher reiste und viel und konzentriert gelesen haben soll. Das geht schlecht zusammen; es verträgt sich auch nicht mit Janis' überlieferter Klage, "On stage, I make love to 25,000 different people, then I go home alone". Und wie war das nun mit ihrem Tod -- hat da noch jemand etwas aus ihrem Hotelzimmer entfernt oder nicht? Auch hier gilt: Es ist nicht mehr überprüfbar.

Es sind die kleinen Randgeschichten und Anekdoten, die das Buch interessant machen auch für Leute, die schon andere Janis-Biografien kennen. Pflichtlektüre ist es nicht, aber sauber recherchiert ist es, und im Zusammenhang mit anderen Janis-Biografien ergibt sich ein insgesamt stimmiges Bild einer einmaligen, aber hochgradig zerrissenen Persönlichkeit, die wohl immer auf der Suche war, aber selbst nicht wussste, wonach.

Holly George-Warren
Janis -- Her Life And Music
Simon & Schuster 2019,
ISBN 9-781476-793108

Monday, May 11, 2020

Florian Schneider-Esleben 1947-2020





I discovered Kraftwerk in 1970 when I spotted their first album in a shop window. The cover hooked me. I thought: If this record sounds as it looks, it must be great.

It was. For many years, Kraftwerk became one of the leading melodies of my life. I always thought: If I had to find a sound that represents now, then it should be like this. And then, when Kraftwerk came out with a new album, it sounded exactly like this. This worked until the 1990s. I lost a bit the plot about Kraftwerk then, but the band was still there and still unique.

And they are the only band I saw seven times on stage, between 1971 and 2014.

Bye bye, Florian!

Monday, April 20, 2020

Rams



Der Braun SK-61 von 1956, eine Radio- und Phonokombination, volkstümlich damals auch "Schneewittchensarg" genannt.


Der Braun T-1000 von 1963, der Kurzwellenempfänger, der in keiner Botschaft und bei keinem Top-Spion fehlen durfte.


Zwei Beispiele für Designs von Dieter Rams. Geboren 1932 in Wiesbaden, wollte er zunächst Architekt werden, landete aber dann eher zufällig im Industriedesign. 1955 trat er in die Produktgestaltung der Firma Braun ein, 1961 übernahm er deren Leitung. Jeder hat Designs von Dieter Rams schon gesehen. Seine Formensprache beruht auf radikaler Reduktion auf das Wesentliche, auf Langlebigkeit, und auf einem ausgeprägten Sinn für praktische Benutzbarkeit, vom Rasierer über die Saftpresse bis zum Regalsystem -- "gutes Design ist so wenig Design wie möglich" lautete eine seiner Maximen, die heute an jeder Kunsthochschule gelehrt werden.

Das Braun-Design wurde auch im Ausland so bekannt, dass Rams dort irgendwann als "Mr. Braun" durchging. Es funktionierte, weil die Gebrüder Braun voll hinter ihm und seinem Team standen (das übrigens rein männlich war -- damals war das normal und wurde von niemandem hinterfragt). Das ging gut, bis 1967 die Firma Braun von der Gillette Company übernommen wurde. Ab da hatte Rams immer weniger Rückhalt für seine Designphilosophie. Die Designs sollten saisonweise gewechselt werden, auch das Braun-Logo sollte in Riesenklotzbuchstaben auf den Produkten erscheinen. Klar, dass besonders Letzteres jemandem wie Rams nicht gefallen konnte ("Wenn Sie sich einer Person vorstellen, schreien Sie dann?"), und so verstärkte er seinen Nebenjob als Möbeldesigner für die Firma Vitsoe. Dieser Name war mir neu, wenngleich Möbel dieser Firma auch wieder jeder bereits gesehen hat. Auch Rams' Türklinken der Firma FSB dürfte jeder schon in der Hand gehabt haben. Zwischen 1981 und 1997 lehrte Rams Industriedesign an der HfbK in Hamburg. Insbesondere Apple dürfte einiges von ihm gelernt haben.




Nun gibt es einen 75-minütigen Portraitfilm über Rams, hergestellt von dem Dokumentarfilmer Gary Hustwit, der Designfreaks spätestens seit seinem Film über die Schriftart Helvetica (2007) bekannt sein dürfte. Der Film ist ein Crowdfunding-Projekt von 2019 und begleitet Rams durch einige Stationen seines Lebens, zeigt Produkte, Weggefährten, aber lässt ihn vorrangig selbst zu Wort kommen, sowohl über seine eigene Arbeit wie auch über die Arbeiten einiger seiner Kollegen -- etwa Ettore Sottsass, dessen knallrote Valentine noch heute Rams' Schreibgerät ist. Einen Computer sieht man bei ihm nicht, obwohl ich sicher bin, dass er auch damit umgehen kann. Wichtigster Drehort ist das Arbeitszimmer in Rams' Haus im hessischen Kronberg. Haus und Garten sind Teil einer Werkssiedlung von Braun, an deren Gestaltung er selbst beteiligt war -- auch wenn er damit nicht ganz zufrieden gewesen zu sein scheint.



Relativ früh bereits hat Rams über Umweltaspekte seiner Produktgestaltung nachgedacht, und oft merkt man das den Produkten auch an. Nicht immer ganz einverstanden bin ich mit Rams' Ansichten über die heutige Zeit. Für einen hellen Geist wie ihn kommen mir manche seiner Einwände recht eng gedacht vor; etwa seine Auffassung zu Leuten, die permanent auf ihr Handy starrend durch die Straßen laufen und dabei Bilder wahrnehmen, die in deren Köpfen nicht mal hängenbleiben. Nicht, dass ich solche Leute nicht auch ein bisschen albern fände -- aber sollte einem Designer von seinem Format nicht selbst klar sein, dass diese Leute eine bestenfalls temporäre Erscheinung sein werden? Ich jedenfalls bin sicher, dass die heutigen Handys in fünf oder zehn Jahren (man nagele mich bitte nicht auf eine Zahl fest) aus dem Stadtbild verschwunden sein werden. Dann nämlich werden sie zum integralen Bestandteil unserer Kleidung geworden sein.

Die optische Gestaltung des Films ist sympathisch an Rams' ästhetische Auffassungen angepasst, kein Grafikelement ist überflüssig. Die DVD- oder Blu-ray-Version kommt als Teil eines 80-seitigen Buches im Format 16 x 17 cm daher. Der Regionalcode ist 0, der Film sollte also überall laufen. Der Film ist auch online abrufbar, dann allerdings ohne die 30 Minuten Bonusmaterial, das die DVD bietet und das teilweise nicht weniger interessant ist als der Film selbst. Die Sprache ist durchweg deutsch, einige Aussagen sind englisch. Durchgehend sind alle nicht-englischen Passagen untertitelt.

Die Originalmusik des Films ist von Brian Eno. Zum Record-Store-Day 2020 wird der Soundtrack als Vinylalbum erscheinen. Die Musik hat gewohnte Eno-Qualität, ohne in irgendeiner Weise besonders auffällig zu sein. Auch für Eno gilt bekanntlich Rams' Motto: Less but better.

Der Film ist ausschließlich hier zu beziehen. Dort kann man ihn auch streamen. Billig ist der Spaß in beiden Fällen nicht, aber wer sich für Design interessiert, wird seine Freude daran haben.

(Zuerst veröffentlicht in manafonistas.de)

Monday, March 9, 2020

Patti Smith: Year of the Monkey


Nach dem chinesischen Mondkalender begann im Februar 2016 ein Jahr des Affen. Das bedeutet: Alles ist möglich. Gleichzeitig war 2016 auch das Jahr, in dem Patti Smith 70 wurde.

Ausgehend von einem Neujahrskonzert in San Franciscos Fillmore Auditorium, beschließt Patti, sich in diesem Jahr des Affen auf eine Reise zu begeben -- und zwar allein, ein spätes Tramp-Abenteuer. Der Trip führt von San Francisco nach Santa Cruz, geht durch die Wüste Arizonas, eine Farm in Kentucky, ein Krankenzimmer, in dem Patti ihren kranken Mentor besucht, und weiter nach Osten, wobei sie feststellt, dass es anstrengender ist, die Zeitzonen von Westen nach Osten zu durchqueren als umgekehrt.

Sie beschreibt merkwürdige Fahrer, die darauf bestehen, dass keinesfalls gesprochen werden dürfe, oder die eine Pinkelpause nutzen, um wegzufahren und die Tramperin in der Wüste stehenzulassen, sie beschreibt Hotelzimmer, das Gefühl, als Nichtschwimmerin in der Brandung am Strand entlang zu laufen. Sie entdeckt bestimmte, ihr wichtige Bücher wieder, hat politische Ansichten, sie erwähnt ihre Tochter Jesse (die übrigens auf Laurie Andersons letztem Werk, Songs from the Bardo mitwirkt, siehe hier), es dreht sich ums Essen, und immer wieder gibt es Kaffee, in Hotelzimmern oder in Cafés, wieder und wieder und wieder.

Patti Smith denkt im Schreiben, und sie schreibt in der Bewegung. Daraus ergibt sich eine gewisse Ziellosigkeit der Erzählung. Man kann die knapp 180 Seiten dieses Buches aber auch als eine Art Meditation lesen. Eine gewisse Alterweisheit kommt gelegentlich durch, selbst Anflüge von Humor sind zu registrieren, ein Zug, der mir in früheren Büchern Smiths nicht unbedingt aufgefallen ist. Um die 30 Polaroids ergänzen das ansonsten auch typografisch ansprechend aufgemachte Buch.

Nur kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, als hätte jemand -- Patti selbst oder jemand vom Verlag -- gesagt: Bei M Train hat das doch wunderbar funktioniert, das probieren wir jetzt einfach nochmal.


Dieser Beitrag erschien zuerst in manafonistas.de.

Saturday, February 1, 2020

Nico: Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag, an dem der Himmel so blau ist





Ein passender Titel. Und dabei stammt er nicht mal von ihr selbst. Er stammt aus einem Nico gewidmeten Gedicht von Juliane Liebert.

Es gehört zu den Problemen dieses Buches, dass Nico selbst kaum etwas hinterlassen hat, das zur Klärung irgendwelcher Sachverhalte ihres Lebens beitragen könnte. Wer über sie schreiben will, muss sich damit begnügen, dass sie da war, dass es sie gab. Dass sie eine der wenigen wirklich außergewöhnlichen Erscheinungen in der Popmusik war, steht außer Frage, wenn man von Popmusik hier überhaupt sprechen kann.

Das von Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg herausgegebene Buch ist eine Sammlung von Essays, Fotos, Gedichten und Interviews, die um Nico kreisen. Soweit es möglich und sinnvoll ist, folgt das Buch der Chronologie, angefangen mit Kindheitserinnerungen an die junge Christa bis hin zu Betrachtungen nach ihrem Tod. Die Interviews und Gespräche mit Nico selbst sind oft schlecht geführt und springen vom Hölzchen aufs Stöckchen, doch liegt das natürlich auch daran, dass diese Frau überhaupt nicht daran interessiert war, interviewt zu werden, und an ihrer offenkundigen Unfähigkeit, überhaupt bei einem Thema zu bleiben, ohne ins Reich ihrer Phantasie und Träume abzudriften. Nico hat Songs Andreas Baader oder Charles Manson gewidmet, ohne dass das im Buch ernsthaft hinterfragt wird, wie sie auch das "Lied der Deutschen" mit allen drei Strophen zu Gehör brachte, wohl wissend, weshalb die ersten beiden nicht mehr gesungen werden sollten (sie war nicht so blöd, dass sie das nicht genau gewusst hätte). Aber auch darin steckt natürlich eine Aussage über die Person.

Deutlicher werden da schon die Essays, Filmkritiken und Konzertberichte, sofern sie sich nicht auf den allzu naheliegenden Holzweg begeben, auf ähnliche Weise in den Nebel abzudriften wie Nico selbst. Nicos Karriere als Model, als Filmschauspielerin, als Andy-Warhol-Superstar, als Gastsängerin der Velvet Underground, ihre Soloalben, ihre Drogensucht, ihre Konzertauftritte (die sie im Zweifel auch ohne Mikrofon bewältigte) und ihre Verwandlung vom Heinz-Östergaard-Model zur düsteren Gothic-Vorreiterin werden aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und eingeordnet. Einige Beiträge sind schlicht überflüssig, andere werden von einer Tendenz zur Heldinnenverehrung beeinträchtigt; Nicos Musik wird oft für wichtiger erachtet, als sie bei aller Einmaligkeit und Gutwilligkeit nun doch war. Nico selbst wird hier manchmal in einer Weise zu einem Überwesen hochstilisiert, die es schwer macht, noch die wirkliche Person dahinter zu erkennen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht war die wirkliche Nico nur sichtbar für diejenigen, die unmittelbar mit ihr gearbeitet und/oder zusammengelebt haben. Vielleicht war sie für andere wirklich nur ein Image, eine Projektionsfläche. Wer sie allerdings so sah, konnte unter Umständen sehr konkret erleben, dass das vermeintliche Imagewesen -- wie alle Junkies -- hochgradig gemein sein konnte. Am aufschlussreichsten sind die Beiträge von/mit John Cale, Gerard Malanga, Helmut Salzinger, Ecki Stieg, Susanne Ofteringer und natürlich Lutz "Lüül" Graf-Ulrich.

Das Gefühl, das bleibt: Ich bin mir nicht sicher, ob ich Nico gern kennengelernt hätte. Letztlich bleibt sie auch nach den 630 Seiten dieses sorgfältig aufgemachten Buches ein Rätsel, wenn auch ein durchaus faszinierendes. Und es bleibt die Anregung, mal wieder in ihre Platten hineinzuhören. Mein Tip, noch immer: Live In Tokyo von 1986. Es enthält nicht nur "The End", sondern auch "Das Lied vom einsamen Mädchen", geschrieben 1952 von Werner Richard Heymann ("Irgendwo auf der Welt") und Robert Gilbert. Vielleicht ist das das wirkliche Portrait.

ISBN 978-3-922895-34-3
Fürth 2019


Dieser Beitrag erschien zuerst in manafonistas.de

Tuesday, January 14, 2020

Medienphrasen 2019

Und hier wieder meine Blütenlese der abgegriffensten, schiefsten und tötesten Phrasen in den (vorwiegend deutschen) Medien:


  • Frauen und Kinder
  • eine Fülle
  • wie durch ein Wunder
  • crushing defeat
  • an der Preisschraube drehen
  • entzaubern
  • toxic/toxisch 
  • Kandidatenkarussell
  • die Eliten
  • Morgenluft wittern
  • Schlag ins Gesicht
  • Gegenfinanzierung
  • Rosenkrieg
  • hochkarätig
  • proaktiv
  • Kiss-and-Go-Zone
  • Bärendienst
  • Land der aufgehenden Sonne
  • Reich der Mitte
  • den Namen tanzen
  • Man cave
  • Kompetenzteam
  • Brücken bauen
  • Vordenker
  • Trauma
  • politische Klasse
  • Aktivist
  • Schnappatmung
  • Starke-Familien-Gesetz
  • Gute-Kita-Gesetz
  • Faire-Kassenwahl-Gesetz
  • Geordnete-Rückkehr-Gesetz
  • Respekt-Rente
  • neoliberal
  • gläserne Decke
  • Kellerduell
  • offenes Geheimnis
  • Framing
  • Spaghettiwestern
  • Frauenpower
  • Powerfrau
  • Funktionsjacke
  • Rock-Röhre
  • Bestsellerautor
  • der geneigte Leser
  • X-Bewegung
  • Sprech
  • stellar 
Wir treffen uns wieder nächstes Jahr zu noch stellarerem Sprech.

Friday, January 10, 2020

Wolfgang Dauner 1935-2020



Bye bye und gute Reise, wohin auch immer sie gehen mag ...

A Missed Chance

Na ja, der WDR-Intendant ist ja derzeit auch mit Omagate ausgelastet.

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Veröffentlichung von Haus Mödrath:
(English below)

„Studio für elektronische Musik“ ohne Zukunft
WDR nimmt das Angebot von Haus Mödrath nicht an


Seit 20 Jahren sucht der WDR erfolglos in Köln einen geeigneten Ort zur Unterbringung und Fortführung des Studios für elektronische Musik, das sich eben so lang im Souterrain einer Kölner Vorort-Industrieimmobilie befindet.
Karlheinz Stockhausen, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, war prägende Figur des Studios und von 1963 bis 1989 dessen künstlerischer Leiter. Er kam 1928 in Haus Mödrath, Kerpen, zur Welt als dieses ein Wöchnerinnenheim war. Haus Mödrath ist heute eine Kultureinrichtung, in der vor allem in wechselnden Ausstellungen zeitgenössische Kunst der Öffentlichkeit präsentiert wird.
Da es für das Studio keine Zukunftsperspektive gab, bot die Stiftung Haus Mödrath Im Frühjahr 2015 dem WDR die dauerhafte und kostenfreie Überlassung von Räumlichkeiten zur Unterbringung des Studios für elektronische Musik unter der Bedingung an, dass die Räumlichkeiten entsprechend hergerichtet und das Studio dort betrieben wird. Nach fast 5 Jahren lässt der WDR nun die letzte Annahmefrist kommentarlos verstreichen. Der WDR sieht sich nicht in der Lage, das Studio in Haus Mödrath zu betreiben und zwar auch dann nicht, wenn es mehrere Betreiberpartner gäbe und es den WDR selbst keinen einzigen Cent kosten würde, so der verantwortliche Dr. Bilstein, der als Liquidator in der WDR Verwaltungsdirektion tätig ist.
Das SEM, dass manche Kenner im Range eines Weltkulturerbes sehen, war das weltweit (!) erste elektronische Studio seiner Art. Die globalen Standorte der dortigen Apparaturen werden bei Wikipedia vergleichbar den Geigen von Stradivari aufgeführt. Der Jahrhundertkomponist Karlheinz Stockhausen war von 1963 bis 1989 Künstlerischer Leiter des Studios, erschuf dort weltberühmte Kompositionen und hinterließ dabei dem Studio auch selbstgebaute Musikapparate. Unschätzbare Impulse gingen in diesen Jahren von Stockhausen, dem Studio und dem Rheinland (Kraftwerk, CAN) aus und beeinflussten die gesamte weltweite Musikgeschichte (Elektro/Tecno) bis heute nachhaltig. Google (!) schaltete weltweit (!) am 18.10.2018 ein Doodle (Überschrift über Suchzeile) anlässlich des Geburtstages des Elektronischen Studios, das mehrere 100 Mio. Mal aufgerufen wurde.


Cultural heritage "studio for electronic music" without any future
WDR does not accept the offer from Haus Mödrath


For 20 years, WDR has been looking unsuccessfully for a suitable location in Cologne to accommodate and continue the studio for electronic music, which has been located for just as long in the basement of a Cologne suburban industrial property.
Karlheinz Stockhausen, one of the most important composers of the 20th century, was the defining figure of the studio and its artistic director from 1963 to 1989. He was born in 1928 in Haus Mödrath, Kerpen, when it was a maternity home. Today, Haus Mödrath is a cultural institution in which contemporary art is presented to the public primarily in changing exhibitions.
Since there were no future prospects for the studio, the Haus Mödrath Foundation offered the WDR in spring 2015 the permanent and free provision of premises to accommodate the studio for electronic music on condition that the premises were suitably equipped and the studio was operated there. After almost 5 years, the WDR now allows the last acceptance period to pass without any comment. WDR does not consider itself capable of operating the studio in Haus Mödrath, even if there were several operating partners and it would not cost WDR itself a single cent, according to the responsible Dr. Bilstein, who works as a liquidator in the WDR administrative directorate.
The SEM, which some connoisseurs consider to be a world cultural heritage site, was the world's (!) first electronic studio of its kind. The global locations of the equipment there are listed on Wikipedia comparable to Stradivari's violins. The composer of the century, Karlheinz Stockhausen, was artistic director of the studio from 1963 to 1989, created world-famous compositions there and also left the studio with self-built musical apparatus. During these years, invaluable impulses emanated from Stockhausen, the studio and the Rhineland (Kraftwerk, CAN) and had a lasting influence on the entire worldwide history of music (electro/techno) up to the present day. Google (!) switched worldwide (!) on 18.10.2018 a Doodle (headline over search line) on the occasion of the birthday of the Electronic Studio, which was called several 100 million times.