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Friday, February 16, 2018

Back to Babylon








Die erste Staffel wäre geschafft ... Babylon Berlin, die ersten acht Folgen, deutsch mit englischen Untertiteln im US-Netflix, selbstverständlich nicht etwa "set in Berlin of the Golden Twenties" oder "in the Weimar Republic", sondern "in pre-Nazi Germany". Germany ohne Nazis ist hier einfach nicht vorstellbar. Dabei kommen in der ersten Staffel noch nicht mal welche vor. Interessant gleichwohl, dass die Serie hier zu sehen ist, lange bevor sie im deutschen Free-TV gezeigt werden darf -- die ARD hat sich wohl irgendwie von Sky über den Tisch ziehen lassen. Immerhin ist sie an der Finanzierung nicht ganz unbeträchtlich beteiligt.

Ich habe mich in den letzten Jahren ziemlich intensiv mit den Zwanziger Jahren beschäftigt, unter anderem wegen hier, aber auch wegen eines Drehbuchs, weil ich stolzer Besitzer der 22-bändigen Tucholsky-Gesamtausgabe bin (Habt ihr gehört, Rowohlt? Ich bin das!), weil ich das stumme deutsche Angstkino der Langs, der Murnaus und der Wienes liebe, und überhaupt, einfach eine sehr spannende Zeit ... Wenn Zeitreisen möglich wären: Berlin, Hamburg, New York, Paris und London der Zwanziger wären meine Stationen. Ein Trip in die Ära der Romantik käme erst danach.

Um es vorwegzunehmen, Babylon Berlin bekommt hiermit meine offizielle Empfehlung. In Babylon Berlin steckt ein für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich hoher Etat, und das sieht man. Die Serie gehört optisch zum Besten, was in Deutschland seit Edgar Reitz' Heimat fürs Fernsehen produziert worden ist. Vom ersten Moment an spürt man die wirklich exzellente Besetzung selbst kleiner Nebenrollen, die liebevolle Kostümbildnerei, die Ausstattung, die Kulissen -- und zwar gerade dadurch, dass man sie eigentlich nicht bemerkt. Selten nur stolpert man über allzu raffiniert ausgetüftelte Kameraperspektiven, die den Zweck haben, nur möglichst kurze Straßenzüge nachbauen zu müssen, oder über Firmenschilder, denen man ansieht, dass sie über reale Firmenschilder gehängt wurden.

Die Dramaturgie der Serie setzt zunächst auf Verwirrung, Überwältigung und übermäßige Drastik. Alles wirkt irgendwie übertrieben und ziellos, ohne dass man den Finger auf wunde Punkte legen könnte. Streckenweise hat man das Gefühl, das Berliner Leben spielte sich hauptsächlich in dreckigen Toilettenkabinen ab. Drogenabhängige sind ständig am Zittern. Die Polizei prügelt. In der Pathologie wird mit Gammelfleisch nur so um sich geworfen. Wenn einer aus dem Krieg ein Blasenleiden mitgebracht hat, dann reicht keine Andeutung, sondern es muss durchgespielt werden, bis die Hose nass ist. Und war schon in Isherwoods Roman "Goodbye to Berlin" die Darstellung der Arbeiterklasse unangenehm herablassend, so wird in Babylon Berlin in den elenden Wohnbehausungen der Arbeiter ständig nur gehustet, gerotzt, gesoffen, gepisst, geschlagen und in abgebrochenen Sätzen geredet -- das soll dann wohl harter Realismus sein, hat aber eher denunziatorische Züge. Das Leben der Arbeiter und ihrer Familien war elend, mit Sicherheit kam es in diesen Wohnverhältnissen zu Aggression, und mit der Bildung war es nicht übermäßig weit her, aber es kann nicht ununterbrochen so elend gewesen sein. Döblins "Berlin Alexanderplatz" ist in dieser Hinsicht aufschlussreicher. Auch die Art und Weise, wie die organisierte Arbeiterschaft dargestellt wird, nämlich misstrauisch und ständig aggressiv, wird den wirklichen Arbeitern der damaligen Zeit sicher nicht gerecht.

Gelegentlich fallen allzu schlaumeierische Zitate auf. An den Stummfilmklassiker Menschen am Sonntag (von dem sogar Originalausschnitte zu sehen sind) wird etwas sehr deutlich erinnert, oder Berlin, die Sinfonie der Großstadt. Über dem Abspann liegen Ausschnitte aus synästhetischen Animationsfilmen Walter Ruttmanns, wodurch der Abspann (ebenso wie der Vorspann) unlesbar wird. Die zentrale Figur, Charlotte Ritter, ist zu vieles auf einmal, Arbeiterkind, Polizeimitarbeiterin, SM-Prostituierte, Liebende und Emanzipierte. Der Kommissar Bruno Wolter erinnert arg deutlich an den jovialen Kommissar Lohmann aus Langs M und Das Testament des Doktor Mabuse, ohne allerdings dessen Anständigkeit zu besitzen. Auch Gereon Rath, die Hauptfigur, bleibt undurchschaubar. Natürlich sind die Regierenden sämtlich korrupte Knallchargen, die Gangster führen sich auf wie die Schnapsbanden in Chicago 1930. Es gibt keine klaren Sympathiefiguren, ich würde ernstlich mit keinem der Charaktere privat etwas zu tun haben wollen. Und nicht zuletzt sind die unvermeidlichen Show-Szenen ziemlich klischeehaft (weil, so is det ja nu mal jewesen in Berlin!), auch die dargebotenen Chansons werden nicht besser dadurch, dass Bryan Ferry sie ausgewählt hat. Cabaret war in dieser Hinsicht besser.

Ab etwa der dritten Folge sortieren sich die Ereignisse ein bisschen, die Handlung fließt ruhiger, die einzelnen Charaktere werden ein bisschen genauer vorgestellt. Das Ergebnis ist aber, dass das, was in den ersten drei Folgen zu dick aufgetragen ist, in den Folgen 4 bis 8 dann fehlt. Da wird dann auch klarer, dass das Ganze ein Krimi ist, keine Sozialanalyse, und die Versatzstücke sind letztlich dieselben, die auch im Tatort oder irgendwelchen Soko-Folgen eingesetzt werden. Zudem laufen die beiden Hauptprotagonisten am Ende in eine strunzdumme Cliffhanger-Falle, die man als Zuschauer wie ein offenes Scheunentor gähnen sieht.

Das macht aber alles nichts, denn irgendwie passt es am Ende doch alles zusammen, die Schauspielerinnen und Schauspieler reißen die Schwächen raus, und spätestens nach der dritten Folge ist man "drin" in der Serie. Ich bin sehr gespannt auf die zweite Staffel. Heute abend geht's los.

(Dieser Post erschien zuerst in manafonistas.de)

Monday, January 29, 2018

Coco Schumann 1924-2018




"Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZ-ler, der Musik macht."

Bye bye, Coco Schumann.

Sunday, January 28, 2018

Baltimore Consort



The Baltimore Consort
Mary Ann Ballard, treble and bass viols
Mark Cudek, cittern
Larry Lipkis, bass viol, recorder, krummhorn, gemshorn
Ronn Mac Farlane, lute
Mindy Rosenfeld, flutes, fifes, bagpipes, krummhorn
Danielle Svonavec, soprano

The Food of Love -- Songs, Dances and Fancies for Shakespeare

Saturday, January 27, 2018
Pittsburgh, Synod Hall

(watch them here!)

Saturday, January 20, 2018

Score - A Film Music Documentary





Ein ziemlich ramponiertes Piano steht irgendwo auf einem Hügel bei Malibu. Über hunderte von Metern sind Drähte zwischen dem Piano und einigen Wassertanks in der Umgebung gespannt. Wer auf dem Klavier spielt, erlebt dadurch einen Sound, der nicht nur vom Instrument selbst stammt, sondern auch bestimmt wird durch den Hall in den Tanks, mitschwingende zeitverzögerte Resonanzen und den Wind, der den Draht ins Schwingen bringt.

Das ist die Eröffnungsszene von SCORE, einem Film über Filmmusik. Der CBS-Newsjournalist Matt Schrader startete das Projekt aus Spaß am Thema mit einer Handvoll interessierter Freunde, mittels Kickstarter sollten 40.000 Dollar beschafft werden, 120.000 kamen am Ende zusammen.

Schon die allerersten Stummfilme wurden nicht ohne Musikbegleitung gezeigt, vorrangig, um die Geräusche der Projektionsmaschine zu überdecken. Und schon wenig später, nachdem der Film aus den Jahrmarktszelten aus- und in Kinos eingezogen war, wurden phantastische Orgeln zur Begleitung gebaut. SCORE zeigt ein wunderschönes Exemplar -- was mich mit einer Träne im Knopfloch daran erinnert, dass in Downtown Pittsburgh ein altes Kino existiert, welches zu einem Einkaufszentrum umgewidmet wurde, als solches pleite gegangen ist und nun seit vielen Jahren leersteht, das ein solches Instrument noch besitzen soll:



Ob es noch funktionsfähig wäre -- wer weiß. Überprüfen kann man das leider nicht, das Gebäude ist nicht zugänglich.

Der erste voll orchestrierte Soundtrack für einen Tonfilm wird hier Max Steiner zugeschrieben: für King Kong von 1933. Das dürfte stimmen, auch wenn es orchestrale Soundtracks für Stummfilme natürlich längst vorher gab; es sei hier nur an Gottfried Huppertz' phantastische Kompositionen für Fritz Langs Nibelungen und Metropolis erinnert, die als sinfonische Werke durchaus sogar für sich stehen könnten. Bekannte und weniger bekannte Filmkoponisten -- Danny Elfman, John Williams, Howard Shore, Hans Zimmer, Alexandre Desplat u.a. -- werden interviewt; mit vermutlich viel Mühe hat man sogar eine Komponistin gefunden, die mir leider völlig unbekannte Rachel Portman. Sie bestätigen sich gegenseitig, wie einmalig und wichtig sie sind, darüber hinaus verraten sie nicht viel. Viele andere Komponisten -- Jerry Goldsmith, John Barry, Trent Reznor, Ennio Morricone, Bernard Herrman u.a. -- werden anhand markanter, meist aber leider nur sehr kurzer Ausschnitte vorgestellt und ihre spezifischen Eigenheiten analysiert.

SCORE geht anhand dieser Komponisten diverse Aspekte der Filmkomposition systematisch durch, wobei auch Filmhistoriker (u.a. Leonard Maltin), eine Musikpsychologin (Siu-Lan Tan), die Regisseure James Cameron, Steven Spielberg, George Lucas, Garry Marshall und Christopher Nolan sowie Musiker wie Quincy Jones und Moby ihren Teil zum Gesamtbild beitragen. Sehr plastisch wird am Beispiel Lord of the Rings die Funktion von Leitmotiven gezeigt (die bei mir noch immer eine Gänsehaut auslösen), dazu werden verschiedene Orchestrierungsstile, Ensemblebesetzungen, ungewöhnliche Instrumentierungen, Popmusik, elektronische Klänge, Mickey Mousing (auch wenn es hier nicht so genannt wird) demonstriert. Gelegentlich wird das allerdings ein wenig platt. Hans Zimmers Dreh etwa, den gesamten Streicherapparat des Orchesters als Rhythmusgruppe einzusetzen, ist nun wirklich nicht neu, auch wenn er ihn exzellent beherrscht. Vielleicht würde man auch gern erfahren, weshalb bei John Williams seit Star Wars anscheinend jede Musik zur Marschmusik gerinnt (Ausnahme: Schindler's List -- die ist ihm wirklich gelungen), aber das erfahren wir nicht. 

Dafür werden andere Dinge gezeigt. Etwa, dass Filmmusiken ihre Wirkung auch daraus beziehen können, dass Instrumente eingesetzt werden, die eigentlich nicht in das Genre passen, etwa eine E-Gitarre in einem Western, das wird anhand von Ennio Morricones Musik zu The Good, the Bad and the Ugly demonstriert. Wir erfahren auch, wie die Musik sogar steuern kann, welche Bildausschnitte der Zuschauer wahrnimmt und welche er ignoriert. Von Atmosphären natürlich nicht zu reden. Zimmers Schlussmusik in Inception lässt wirklich einen neuen Tag anbrechen,  E.T.'s Abschiedsmusik treibt einem selbst dann die Tränen in die Augen, wenn man den Film gar nicht kennt.

Speziell interessant ist auch eine Szene in SCORE, die zeigt, wie eine Filmmusik (ich meine, sie stammt aus Titanic, bin mir aber nicht sicher) wirken kann, wenn sie aus dem Filmkontext herausgenommen wird: In voller Lautstärke im Anschluss an Barack Obamas Amtsantrittsrede ins Publikum gedonnert erzeugt sie eine Aufbruchstimmung, die fast schon zu Tränen rührt. Was seltsamerweise in SCORE fehlt, ist der Klassiker, den jeder Gemeinschaftskundelehrer draufhat: einen bestimmten Filmausschnitt mit verschiedenen Musiken zu zeigen.

Aber auch scheinbare Nebengleise, etwa die Arbeits- und Denkweise der zumeist klassisch ausgebildeten Orchestermusiker in der Filmmusikproduktion werden vorgestellt -- fast alle diese Leute sind "sightreading musicians", sie können ohne Probe sofort vom Blatt spielen. Hans Zimmer äußert die wohl korrekte Vermutung, dass viele klassische Orchester nur noch existieren, weil sie für Filmmusiken eingesetzt werden. Nach wie vor spielen auch Arrangeure eine große Rolle, die jedes einzelne Orchesterinstrument genau kennen müssen. Auch die Aufnahmestudios werden noch immer nach ihren klanglichen Gegebenheiten ausgewählt (unter die Lupe genommen hier an den Londoner Beispielen A.I.R. und Abbey Road Studios). Und ein paar nette Anekdoten gibt es als Zugabe -- etwa jene über Alfred Newman: Er schrieb eine Fanfare, die für MGM bestimmt war, von dieser Firma aber abgelehnt wurde. Newman reichte sie dann an 20th Century Fox weiter -- und sie wurde das vermutlich bekannteste akustische Signet der Welt.

Was der Film nicht zeigt: wie Filmmusik komponiert wird. Darüber verraten die befragten Komponisten nichts. Aber wie sollten sie auch? Man kann die eigentliche Kompositionsarbeit nicht zeigen. Statt dessen wird die Bernard Herrman zugeschriebene Binse "There's only one rule: There are no rules" bemüht. Ansonsten nähert sich der Film dieser Frage durch die Interaktion mit den Regisseuren. 

Wie weit eigentlich heute Filmkomposition ins Sounddesign übergeht, und ob das eine gute Entwicklung ist, wird nicht angeschnitten. Auch das zunehmende Problem der Komponisten mit  sogenannten "Tempmusiken" kommt nicht vor; mit Musiken also, die der Regisseur von CDs "vorläufig" in den Film einbaut, um dem Komponisten zu zeigen, was er sich ungefähr vorstellt. Das Problem dabei ist, dass sich diese Musiken oft verselbständigen und der Komponist dann nur noch versuchen kann, dasselbe zu liefern, ohne zu klauen. Im guten Fall kann das allerdings auch dazu führen, dass die Tempmusik bleibt, weil sie sich als unschlagbar herausstellt -- Beispiel: Stanley Kubricks 2001.

Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass soeben auf DVD eine SCORE Vol. 2 veröffentlicht worden ist. Die DVD enthält einige der geführten Interviews in voller Länge. Außerdem gibt es die Interviews -- in den USA jedenfalls -- auch in Buchform.

Und blöderweise geht mir, seit ich gestern SCORE gesehen habe, dieses dumme Signalmotiv aus Close Encounter of the Third Kind nicht mehr aus dem Kopf. Mit Risiken und Nebenwirkungen muss man also wohl rechnen.

(Dieser Post erschien zuerst in manafonistas.de)

Thursday, January 11, 2018

Edgar Froese: Force Majeure -- Die Autobiografie




Es muss so um 1973 gewesen sein. Da sendete das dezidiert kleingeschriebene ZDF-Kulturmagazin "aspekte" einen Beitrag über Rockmusik aus Deutschland. Zum ersten Mal sah ich dort Tangerine Dream mit in ihrem Proberaum improvisierten langaushallenden Orgelakkorden, die wohl einer Farfisa und einer Vox entstammten. Das gefiel mir, und so erstand ich am darauffolgenden Tag bei Govi das Album Alpha Centauri von 1971 -- an dem Tag das einzige, das sie dort hatten. Das gefiel mir auch gut. Mehr aber auch nicht. Ich habe die Band dann nicht weiter verfolgt und die Platte auch selten wieder gehört.

Aber dann, wohl um 1975, da hörte ich nachts im NDR den x-ten Teil einer Serie über, ich glaube, David Bowie (wenn mich nicht alles täuscht, war die von Heinz-Rudolf Kunze und nicht mal schlecht, auch wenn er lange auf Bowies angeblichem Hitlergruß herumritt, den es so nie gab). Danach war noch reichlich Zeit bis zu den Mitternachtsnachrichten, und die wurde genutzt für "Ricochet Part 2" von Tangerine Dreams aktuellem Album Ricochet -- und was soll ich sagen: Das hatte mit der Gruppe von 1971 nichts mehr zu tun. Selten hat mich ein Musikstück unvorbereitet derartig aus den Socken gehauen wie dieses, und einen Tag später hatte ich alles, was Tangerine Dream bis dahin gemacht hatten.

Danach hatte ich dann eine ungefähr zwei Jahre anhaltende Phase, in der ich "normale" Musik kaum noch ertragen konnte. (Ich muss darüber immer noch schmunzeln, weil die von mir geschätzte und leider viel zu früh verstorbene Ingeborg Schober mir irgendwann mal erzählte, dass es ihr ebenso ergangen war; bei ihr war der Auslöser allerdings Eberhard Schoener gewesen.) Tangerine Dream sah ich live zum vierten oder fünften, auf jeden Fall letzten Mal live im Jahr 1982 auf ihrer "Logos"-Tour, bis zu ihrem Hyperborea-Album habe ich die Plattenveröffentlichungen noch verfolgt, dann habe ich das Interesse verloren. Die Band hatte sich inzwischen auf Filmmusik spezialisiert, und die empfand ich im wesentlichen als akustische Auslegeware.

Und nun hat also Edgar Froese seine Autobiografie geschrieben. Jedenfalls steht das so auf dem Cover; ich bin mir nicht sicher, ob ich das Buch so bezeichnet hätte. Froese hat die Arbeit an diesem Buch nicht abschließen können, da er unglücklicherweise mittendrin, im Januar 2015, seine kosmische Adresse wechselte. Zwei Jahre haben die Subskribenten letztlich warten müssen -- die von Froese abgeschlossenen Kapitel mussten sortiert werden, dann tauchte plötzlich eine Festplatte mit weiteren Kapitelentwürfen auf, die bearbeitet und eingefügt werden mussten, dann gab es Probleme mit der Übersetzung (das Buch ist parallel in identischer Aufmachung in deutscher und englischer Sprache erschienen), auch Fotorechte waren nicht in allen Fällen einfach zu bekommen, und so wurde der Erscheinungstermin ein ums andere Mal verschoben.

Nun kann man sich darüber freuen, dass das Buch doch noch erschienen ist, aber man wird das Gefühl nicht los, dass es nicht dem entspricht, was Froese wohl vorschwebte. Die Kapitel in Force Majeure sind zwar einigermaßen chronologisch von 1967 bis ungefähr 2014 geordnet, eine zusammenhängende Chronologie bilden sie aber nicht. Eher haben wir es mit einer Sammlung von Einzelepisoden, Histörchen und Anekdoten zu tun. Etliche davon sind schrecklich banal und machen einen, mit Verlaub, hingehauenen Eindruck; ich bin mir ziemlich sicher, dass sie von der später aufgetauchten Harddrive stammen und in dieser Form gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Durch fast das ganze Buch zieht sich ein Hauch von Freudlosigkeit. Immer wieder laufen die Schilderungen ins Leere und verlieren sich in endlosen, geschraubten Formulierungen, die Froese wahrscheinlich für eloquent und unterhaltsam hält, die einem aber irgendwann nur noch auf die Nerven gehen. Konzerte und Tourneen scheinen eine einzige Anhäufung von Widrigkeiten gewesen zu sein, ausgelöst zumeist durch dämliche Veranstalter, Gewerkschaftsidioten, stupide Hausmeister und verstärkt noch durch begriffsstutzige Journalisten, denen Froese vermutlich nicht mal einen Bleistift anvertraut haben würde. Wenn er von seinen Mitstreitern, Freunden oder Verhandlungspartnern berichtet, oder auch von David Bowie, der eine kurze Zeit sogar in Froeses Wohnung lebte, gelingt es ihm nicht, sie in ihrem Wesenskern zu erfassen und nachvollziehbar darzustellen. Selbst belanglose Zwischenfälle werden stets bis ins Hysterische hochgedreht, und man fragt sich, wie überhaupt je ein Konzert heil über die Bühne gehen konnte. 

Seinen Mitmusikern stellt Froese Beurteilungen aus, die sich wie Kopfnoten im Schulzeugnis lesen -- oft fehlt nur noch "er hat sich stets bemüht, die ihm zugeteilten Aufgaben zu unserer Zufriedenheit zu erfüllen". Die jedem Fan bekannten Spannungen zwischen Froese und Christoph Franke zeigen sich im Buch nur darin, dass Froese ihn durchweg als "Franke" bezeichnet, während andere immerhin einen Vornamen haben. Worin die Spannungen aber nun bestanden, das bleibt im Dunkeln. Über Johannes Schmölling erfahren wir im wesentlichen, dass er seine Selbstdrehzigaretten in der Tasche herstellen konnte. Immerhin auch eine Leistung; ich konnte das nicht. Interessant immerhin, wer im Buch nicht namentlich erwähnt wird -- Rolf-Ulrich Kaiser beispielsweise, obwohl der immerhin die ersten vier Tangerine-Dream-Alben auf seinem Label veröffentlichte.

Dabei hätte Froese ja durchaus einiges zu berichten. Seine Erfahrungen mit der amerikanischen Filmmusikproduktion sind schon interessant (und desillusionierend). Die Vorkommnisse vor einem geplanten Konzert in Marseille lassen einen wirklich nach Luft schnappen (nein, ich verrate hier nicht, was dort passiert ist). Der Abschnitt über die deutsche Community in Florida, die von der Band Countryrock und Tanzmusik aus dem Kohlenpott erwartete, könnte wirklich witzig sein, wenn sich Froese nicht so endlos verquatschen würde. Am schrecklichsten wird es immer dann, wenn er sich an Dialogen versucht. Die sind so umständlich und so hölzern, dass man geradezu den Wurm darin ticken hört.

Edgar Froese war eine knorrige Eiche, trutzig in die feindliche Landschaft gestellt und vom Sturmgebraus zerzaust. Angenagt immer wieder von dahergelaufenen Würmern, die nichts anderes zu tun hatten als ihm das Leben schwer zu machen, umringt von Figuren, die irgendwo auf dem Weg zum Primaten hängengeblieben waren, so stand er da, er konnte nicht anders. Des Lebens Unbill lastete zentnerschwer auf seinen Schultern, der Mann stand mit Jean Cocteau auf und ging mit Schopenhauer schlafen. Seite für Seite spürt man sein Kopfschütteln über die Banalitäten, die ihm das Leben tagein, tagaus zumutete. (Dass Froese über Kants kategorischen Imperativ promoviert habe, ist ein Wikipedia-Märchen.) 

Nur im letzten Viertel des Buches, da passiert ein spürbarer Sprung. Da spricht plötzlich ein persönlicher Froese. Da berichtet er plötzlich von seiner familiären Situation, vom Tod seiner Frau, von seiner neuen Liebe, vom Zoff mit seinem Sohn. Da reflektiert er plötzlich über Musik und Gesellschaft. Und dazu hat er wirklich etwas zu sagen. Wäre das gesamte Buch auf diesem Level, man könnte sich nicht beklagen. Literarische Meisterleistungen erwartet man ja eh nicht.

Force Majeure ist erschienen in Froeses/Tangerine Dreams  eigener Vertriebsfirma Eastgate Music & Arts und kann auch nur dort bezogen werden. Obwohl das Buch nur Text und eine Fotostrecke ohne Großfotos enthält, hat man sich dafür entschieden, das 420 Seiten starke Buch im unhandlichen Coffeetable-Format zu veröffentlichen. Einen ersichtlichen Grund dafür gibt es nicht -- die Kosten mögen eine Rolle gespielt haben. Auch einen professionellen Buchgestalter wollte man sich anscheinend sparen, und so verschwindet jetzt der jeweils innere Rand des zweispaltig layouteten Textes annähernd in der Bindung, wenn man die Seiten nicht ständig flachgedrückt hält. Die Fotostrecke ist auf besserem Papier gedruckt, leider aber -- in meinem Exemplar jedenfalls  -- schief ins Buch eingebunden und schlägt Wellen.

Tangerine Dream -- Force Majeure
Die Autobiografie, geschrieben und zusammengestellt von Edgar Froese,
Add-ons von Bianca Froese-Aquaye
Eastgate Music & Arts
ISBN 978-3-00-056524-3
Berlin 2017


(Diese Besprechung wurde zuerst veröffentlicht in manafonistas.de)

Thursday, December 28, 2017

Medienphrasen 2017

Alle Jahre wieder: Die albernsten Phrasen und abgenutztesten Metaphern in deutschen und amerikanischen Medien.

  • Sicherheitskonzept
  • in trockenen Tüchern
  • [sic!]
  • Exzellenzcluster
  • Gemengelage
  • Aktivist
  • Experte
  • Räume bespielen
  • Filterblase
  • Echokammer
  • Narrativ
  • artisanal
  • wertig
  • der große Teich
  • Vordenker
  • Leadership
  • Alphatier
  • abfackeln
  • gerät immer mehr unter Druck
  • scalable
  • grünes Licht
  • Sex-Täter
  • intrinsisch
  • newly renovated / neu renoviert
  • We’ll circle back to that
  • volle Härte
  • visionär / visionary
  • kreative Querdenker
  • offenes Geheimnis / open secret
  • Sustainability
  • der Berg kreißte und gebar eine Maus
  • ins Gelbe Trikot fahren
  • Game Changer 
  • angedacht haben
  • aus dem Nähkästchen plaudern
  • battle with cancer
  • Kasse klingelt
  • steile These
  • atmender Rahmen
  • befüllen
  • Rock-Röhre
  • im Raum stehen
  • Influencer
  • verhärtete Fronten
  • schallende Ohrfeige
  • hyperlocal
  • dystopisch/dystopic
  • bleibt abzuwarten
  • Schreckgespenst
  • zähes Ringen
  • wohl den Schuss nicht gehört haben
  • qualitätsvolle Inhalte
  • sei dahingestellt
  • gefühlt
  • Reich der Mitte
  • Impulsreferat
  • Zerreißprobe
Sollten Sie dieses Jahr den Schuss nicht gehört haben: 2018 bestimmt.

Saturday, December 2, 2017

Albums 2017

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  1. Kate Bush: Before the Dawn
  2. Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar: Einfluss
  3. Dieter Moebius: Musik für Metropolis
  4. Phew: Light Sleep
  5. Peter Gordon w/ David Van Tieghem & Love of Life Orchestra: Condo (EP)
  6. Lana Del Rey: Lust for Life
  7. Six Organs of Admittance: Burning the Threshold
  8. Yello: Live in Berlin
  9. Various: Hans Zimmer -- The Classics
  10. Tangerine Dream: Quantum Gate


Kate Bush: Unvermeidlich -- eigentlich zwar von 2016, erschien aber so spät im Dezember, dass sie nicht mehr für meine 2016-Liste berücksichtigt werden konnte, deswegen jetzt hier. Viel zu gut, um unter den Tisch zu fallen, aber auch ein bisschen anstrengend -- das Thema der CD 2 ist ja schließlich keine Kleinigkeit.

Roedelius & Kasar: Ein rundes Album, an dem es einfach nichts auszusetzen gibt.

Moebius: Als Filmmusik für Metropolis eher nicht ideal, als eigenständiges Werk aber definitiv unterschätzt.

Phew: Dieselbe Phew aus Japan, die schon 1988 ein Album mit Holger Czukay und Jaki Liebezeit gemacht hat. Sperrig, aber lohnend.

Peter Gordon & Co: Was die Leute noch so alles in den Schubladen haben ... Aber wenn David Van Tieghem dabei ist, bin ich immer neugierig.

Lana Del Rey: Dies scheint zunächst ein freundlicheres Album zu sein als die beiden Vorgänger, aber da darf man sich nicht täuschen lassen. Eine faszinierende Stimme allemal. Auf die Rap-Einlagen hätte ich trotzdem gut verzichten können.

Six Organs of Admittance: Ein schönes Album. Wenn die mir allerdings erzählen würden, sie hätten niemals Brainticket gehört, würde ich ihnen nicht glauben.

Yello: Das Schweizer Kraftwerk. Die 80er sind wieder da, diesmal aber mit zehnköpfiger Band inklusive fünf Bläsern, dazu ein Percussionist und die exzentrische Sängerin Fifi Rong aus Shanghai. Ansonsten überraschungsfrei, aber einfach gut gemacht. Dieter Meier bringt "Bostich" ohne Versprecher über die Bühne -- Respekt.

Hans Zimmer: Auch mir als bekennendem Zimmer-Fan ist nicht entgangen, dass sein Album Live in Prague total überproduziert ist, und selbst auf der CD hört man noch, dass dem Publikum die Ohren weggeflogen sein müssen. Hier auf The Classics aber werden Zimmers Kompositionen auf sehr unterschiedliche Weise von Leuten wie Lang Lang, Till Brönner, Maxim Vengerov, The Piano Guys, 2Cellos und anderen interpretiert, und das lässt sich hören.

Tangerine Dream: Der 2015 verstorbene Edgar Froese spielt hier selbst noch mit, wenn auch nur indirekt. Seine Mitstreiter Thorsten Quaeschning, Ulrich Schnauss und die Violinistin Hoshiko Yamane haben seine elektronisch für dieses Album hinterlassenen Skizzen vervollständigt. Herausgekommen ist dabei ein zwar überraschungsfreies, gleichwohl aber druckvolles Album, das an beste Hyperborea-Zeiten anknüpft.


Knapp nicht in meine Top 10 haben es geschafft:


  • The Beatles: Sgt. Pepper (50th Anniversary Edition);
  • Cluster: Konzerte 1972/1977
  • Brian Eno: Reflection (fraglos eine schöne Platte, aber in dieser Musiksparte ist sein Thursday Afternoon einfach nicht zu toppen); 
  • Kraftwerk: 3-D The Catalogue (inzwischen Grammy-nominiert für die Acht-CD-Box selbst, desgleichen für Fritz Hilperts 3-D-Mix, für Fans interessant, aber letztlich eben doch kein neues Album); 
  • Jeff Lorber Fusion: Prototype (handwerklich erstklassig gespielter Fusion, aber irgendwie überzeugt mich das Ganze dann doch nicht -- man hat diesen Stil einfach zu oft gehört); 
  • John Maus: Screen Memories (jedes Stück für sich genommen gut, insgesamt mir aber zu einförmig); 
  • Mike Oldfield: Return to Ommadawn (gut, aber etwas kühl geraten und kommt nicht an das ursprüngliche Ommadawn-Album heran); 
  • Hans-Joachim Roedelius, Christopher Chaplin, Andrew Heath: Triptych in Blue (auch sehr schön, aber Einfluss ist besser). 



Wiederentdeckt:

Ry Cooder & Manuel Galban: Mambo Sinuendo (2003)
Chick Corea: Return to Forever (1972)
Bob Dylan: Street Legal (1978)


(Dieser Post erschien zuerst in manafonistas.de)