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Sunday, February 19, 2023

[AT10]: Asmus Tietchens: Litia


Weiter geht's mit Tietchens. Farbenfroh und knallig, nicht nur optisch, sondern auch akustisch: Litia, 1983 erstmals erschienen und letzter Teil der Sky-Records-Episode. Es spielt wiederum das Zeitzeichenorchester, welches nach wie vor aus Anagrammen des Meisters besteht.

Man merkt der Platte an, dass sie eine Art Pflichterfüllung darstellt, und ich halte sie für die schwächste der vier Sky-Alben. Das heißt aber nicht, dass sie etwa schlecht wäre; wer die anderen drei Alben der Serie mochte, wird sich auch mit dieser anfreunden können. Zwei neue Instrumente sind zu verzeichnen, ein Korg Polysix und eine programmierbare Rhythmusmaschine namens MFB-521, über die Tietchens schreibt, seine ursprüngliche Faszination sei bald der Ernüchterung gewichen. (Dieses Ding hatte ich einmal selbst, es war billig, aber kompliziert zu bedienen, ließ sich nur auf Umwegen mit meinem sonstigen damaligen Equipment synchronisieren und gehörte klanglich in die Abteilung "Klopfgeist". Ich habe das Gerät nach ein paar Wochen wieder verkauft. Auch bei Tietchens taucht es später nicht wieder auf.) Mit diesen Geräten sowie einem verwaschen klingenden Hallgerät produziert Tietchens stark rhythmusorientierte Klanglandschaften, tragfähige Melodien sind hier vergleichsweise selten zu hören. Es ist unüberhörbar, dass sich Tietchens bereits vestärkt mit Industrial befasste, doch dafür war Sky-Chef Günter Körber nicht zu begeistern. So blieb Litia die letzte Sky-Veröffentlichung.

Es scheint ein wenig merkwürdig zu sein, dass die vier Sky-Veröffentlichungen stets als eine Art "eigenständige Werkgruppe" gesehen werden, aber hört man sie im Kontext mit Tietchens' weiteren Platten, dann wird deutlich, dass sie tatsächlich eine solche bilden. "Poppiger", wenn man das überhaupt so sagen kann, ist Tietchens nie geworden -- wenn überhaupt, dann wäre an die Aroma-Club-Veröffentlichungen zu denken. Aber die sind von hier aus gesehen noch einige Jahre entfernt; die Reihe begann im Jahr 2000.




Die 10-inch-Platte Rattenheu, erschienen 1996 auf dem Hamburger Label The Bog, enthält fünf Stücke, die für die Sky-LPs keine Verwendung gefunden hatten. Sie stehen diesen qualitativ in nichts nach.




Litia wurde 2004 auf dem Bremer Label Die Stadt als CD wiederveröffentlicht. Diese Version enthält die fünf Rattenheu-Titel als Bonustracks, allesamt wunderfeinst klangrestauriert und mit Liner Notes vom Meister selbst versehen.

Bliebe noch auf Der fünfte Himmel hinzuweisen, 2014 auf Bureau B erschienen. Hier sind neben den Rattenheu-Titeln noch sieben weitere Stücke versammelt, die in die Sky-Reihe gehören würden. Diese waren allerdings bereits als Bonustracks über die Stadt-Wiederveröffentlichungen der Sky-Serie verteilt.





Litia
- Sky Records; Sky 087 (1983)
- Die Stadt; DS 80 (2004)
Rattenheu
- The Bog; Bog 003 (1996)
Der fünfte Himmel
- Bureau B; BB 156 (2014)

Thursday, February 9, 2023

(Heart) Breaking News

 


When someone passes away at the age of 94, it's not really a surprise anymore. However ...

Bye bye Burt Bacharach.

Thursday, January 19, 2023

12

 


A new album by Ryuichi Sakamoto, if I'm not wrong his first sign of life since 2015 not being a soundtrack album.

12 is an instrumental album, one might call it ambient, but it is more that that. The twelve tracks have no titles, they are named after dates, in (nearly) chronological order between March 2021 and April 2022, and it's impossible not to see them connected to Ryuichi's fight against now three cancer deseases (larynx, colon, lung). So this album can be listened to as a sort of acoustic diary. 

He was seen as a sort of piano wonder, but he decided not to take the classical road. Since his first solo album (1000 Knives of Ryuichi Sakamoto) from 1978, Ryuichi discovered synthesizers and all kinds of electronics, solo and with his band, the Yellow Magic Orchestra, he provided a wide field of electronic pop that never fell flat, he wrote a dozen of soundtracks for TV and film, he worked with musicians specializing in renaissance music as well as with symphony orchestras. Probably at home he is seen as a sort of Japanese David Bowie. 

The album is quiet, sometimes very quiet. Electronic sounds come up first, flying by, later tentatively a piano mingles in. The piano has been recorded extremely close-up, you can hear Ryuichi's breathing sometimes, also the piano pedals can be heard a couple of times. 

Sometimes the electronic sounds morph into piano sounds, sometimes it's the other way round, todays digital room simulation and processing methods make it impossible to be sure about the basic sound source. It's interesting how the piano mingles with electronics, especially the way Ryuichi follows the overtones of the piano strings by pumping up their volume when their sound decays. The piano in Track 6 (20220207) indicates the Dies Irae, and some very unpleasant sinus tones like tinnitus sounds evolve from it -- a very strong moment. You can feel what's behind it.

As said, one might call this ambient music. But don't be wrong, this record is not background music. It needs to be listened to carefully and concentrated. But if you do, you will be rewarded with an emotional depth that no Eno record ever reached. And when the record ends after roundabout an hour, you will be not in the mood to listen to something else for a while.

A great work from a remarkable musician. 

Saturday, January 14, 2023

Yukihiro Takahashi 1952 - 2023

 


Bye bye, Yukihiro Takahashi,
drummer and singer of the Yellow Magic Orchestra
and for me one of the doors to Japanese pop. 

Fare well, wherever the trip may lead you to!

Sunday, January 1, 2023

Medienphrasen 2022

Meine jährliche Blütenlese der Wörter aus hauptsächlich deutschen Medien, die verkleistern, nerven, schönfärben, nicht das meinen, was zu bedeuten sie vorgeben, deren Bedeutung keiner mehr versteht oder die einfach nur Mode und schiefe Metaphorik sind -- Jahrgang 2022:


Narrativ
auf Augenhöhe
plant-based
Funktionsjacke
Brücken bauen
die Schönen und Reichen
Exzellenzinitiative
an der nuklearen Eskalationsspirale drehen
Spagat
kein Einzelfall
Zerreißprobe
tief gespalten
hofieren
Decider
Brandbrief
Komfortzone
krachend durchfallen
Legende / legendär / legend
völlig falsches Signal
Game Changer
Bürgergeld
cosmic nursery
zum Anfassen
genial
Sozialtourimus
händeringend suchen
X ist das neue Y
Ohne X hätte es Y nie gegeben
bleibt abzuwarten
frischgebackene Mutter
Kuh vom Eis holen
kräftiger Schluck aus der Pulle
immer mehr
immer weniger
toxisch
Achtsamkeit
Werte
Wertschätzung
Kompetenzzentrum
Kompetenzteam
technologieoffen
Respektrente
Regenbogenportal
Deckel
Mietendeckel
Gaspreisdeckel
Gaspreisbremse
Rettungsschirm
Entlastungslücke
Wumms
Doppel-Wumms
Resilienz
geboostert
-Innen
sich entschuldigen
einpreisen
kühles Nass
Schuss nicht gehört
Vordenker/Vordenkerin
kausal beteiligt
Was macht das mit Ihnen?

Was immer es mit Ihnen macht, nächstes Jahr geht es unvermeidlich weiter. Das sei schon mal eingepreist.

Monday, December 12, 2022

Manuel Göttsching 1952 - 2022

 


Bye bye, Manuel ...

You will be missed.


Here are 4 minutes from NPR Radio, USA.

Saturday, December 10, 2022

Das Großvaterprinzip

Dieses Prinzip funktioniert so: Der Anfang einer Geschichte muss stimmen und für die Zuschauer/-hörer nachvollziehbar, im günstigen Fall überprüfbar sein und mit ihrem Wissen übereinstimmen. Personen und Schauplätze müssen wiedererkennbar sein, idealerweise wirklich, zumindest aber als Idee. Nun kommt aber die Phantasie hinzu. Sie liefert den Grund, aus dem die Geschichte überhaupt erzählt wird, und dazu reichen Tatsachen allein nicht aus. Die Geschichte geht weiter, steigert sich, ist eigentlich bereits eine Lüge, aber bleibt immer der Wahrheit so ähnlich, dass man weiter dranbleibt, ohne das Gefühl zu haben, dass man hochgenommen wird.

Der Regisseur und Autor Edgar Reitz hat dieses Prinzip von seinem Großvater gelernt, der ein begnadeter Geschichtenerzähler gewesen sein muss. Das Großvaterprinzip zieht sich nicht nur durch Reitz' Filme, sondern wie ein roter Faden auch durch Filmzeit, Lebenszeit, Edgar Reitz' Erinnerungen, die er sich und uns als Klotz von 670 Seiten zu seinem 90. Geburtstag spendiert hat.

 


Ich will mal nicht unterstellen, dass Reitz das Großvaterprinzip auch auf seine Erinnerungen angewandt hat, obwohl man ja weiß, dass nirgendwo so viel gelogen wird wie in Autobiografien, oder in Tagbüchern, die bereits mit Sicht auf eine spätere Veröffentlichung verfasst worden sind. Reitz war Dokumentar- und Werbefilmer und gehörte zu den Protagonisten des Slogans "Papas Kino ist tot", der die Oberhausener Kurzfilmtage 1962 in dauerhafte Erinnerung brachte. Er gehörte zu den Begründern des "Autorenfilms", dessen Idee war, dass die Arbeitsvorgänge des Drehbuchschreibens, der Regie und der Produzententätigkeit in eine Hand gehören sollten. Dass das nicht immer funktioniert, wurde schnell offensichtlich, weil dazu jeweils unterschiedliche Talente gehören, die keineswegs notwendigerweise immer zusammen auftreten. Aber die Bewegung enstand, und Reitz war ein Teil davon. Interessant ist die Reaktion der damals etablierten Autoren -- Walser, Grass, Bachmann & Co. -- auf deren Auftreten: Arroganz und Wut wäre noch freundlich ausgedrückt. Sie sahen Film nicht als Kunstform, sondern noch als Jahrmarktsvergnügen an. Mit solcherart Bräsigkeit hatten Reitz, Kluge, Fassbinder etc. immer wieder zu tun.

Hauptsächlich wurde Reitz aber durch seine monumentale Heimat-Trilogie bekannt. Die Arbeit daran nimmt denn auch den größeren Teil des Buches ein. Jeder, der die drei Filmreihen gesehen hat (ich mag sie nicht als "Serien" bezeichnen, obwohl sie das faktisch sind), hat natürlich zumindest geahnt, dass Reitz da viel Autobiografisches eingebaut hat. Die Autobiografie legt nun offen, wie viel das tatsächlich ist -- man nimmt es einerseits mit Erstaunen, aber ebenso auch mit leisem Erschrecken wahr. Aber genau das ist in der Tat das Großvaterprinzip. Es ist das, was diese Filme bei aller gelegentlichen Verdrehtheit packend und glaubwürdig macht. Bei Reitz kommen die genannten Talente tatsächlich zusammen: Er ist nicht nur ein hervorragender Regisseur, nicht nur ein guter Produzent, der für seine Projekte die richtigen Leute findet, sondern er ist auch ein großartiger Geschichtenerzähler, der seine Storys zu Papier zu bringen weiß. Langeweile tritt in dem Buch nur dann auf, wenn sich Reitz allzu offensichtlich selbst auf die Schulter klopft -- ein bekanntes Autobiografienphänomen, aber hier ist es auszuhalten.

Die Arbeit an der Trilogie ist eine Abenteuergeschichte. Insbesondere schüttelt man den Kopf über das Verhalten gewisser Fernsehverantwortlicher, denen es gelungen ist, die Heimat-Filme durch ungeschickte Platzierung im Programm (Die Zweite Heimat) und Kürzungsforderungen, die einem die Haare zu Berge treiben (Fernsehfassung von Heimat 3) in den Sand zu setzen -- und dann noch Reitz öffentlich die Schuld am angeblichen "Misserfolg" in die Schuhe zu schieben, während die Filme von der Presse wie vom Publikum weltweit enthusiastisch bejubelt wurden. Nun ja, schon Tucholsky sah diese Redakteursspezies als Leute, die auf ihren Stühlchen sitzen und in erster Linie Angst haben -- Leute, die nicht ansatzweise könnten, was Autoren, Regisseure und Schauspieler leisten, aber über die Macht verfügen, den Daumen zu heben oder zu senken und deshalb glauben, sie seien von auch künstlerisch von Bedeutung. Es ehrt Reitz, dass er sich verkneift, die Betreffenden mit ihrem Namen zu nennen. (Ich will es hier auch nicht tun, aber jeder, der die deutsche Fernsehlandschaft der 1980er und 1990er Jahre kennt, weiß, wer gemeint ist.) Umso mehr staunt man über die unendliche Geduld, mit der Reitz an seinem Werk gearbeitet hat. Und weshalb er den Nachzügler Die andere Heimat vorrangig als Kinoprojekt ohne Fernsehhilfe gemacht hat.

Filmzeit, Lebenszeit ist exzellent geschrieben, und auch, wenn man einige Dinge vielleicht so genau dann doch nicht wissen wollte, jede Leseminute wert. Danke, Großvater.