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Friday, March 27, 2015

A Winged Victory for the Sullen & Loscil

A Winged Victory for the Sullen
with special guest
Loscil
Pittsburgh, PA, The Andy Warhol Museum, March 25, 2015


(scroll down for English version)
 
Vor zwei Jahren spielte Hans-Joachim Roedelius in Pittsburgh -- im Hinterzimmer einer Kneipe voller Gläserklirren und ständig rein- und rauslaufender Gäste, mit Backgroundgelaber vom Tresen. Eine ziemliche Zumutung. Man hätte ihm den Saal im Andy-Warhol-Museum gewünscht. Der ist für solche Künstler ideal, wie sich am Donnerstag wieder einmal zeigte. Gerade noch klein genug, um Konzentration entstehen zu lassen, gerade groß genug, um die nicht allzu große Gemeinde der Pittsburgher Ambient-Fans aufzunehmen, die hier ziemlich vollzählig versammelt gewesen sein dürfte.

loscil

Loscil (a.k.a. Scott Morgan) aus Vancouver, Kanada, gab den Supporting Act. Eine gute Wahl. Vom Publikum zunächst kaum bemerkt, begann er seinen rund dreißigminütigen Auftritt. Ich kenne seine letzten drei Alben noch nicht (der Mann ist einfach zu produktiv), aber was er hier zu Gehör brachte, waren ruhige, fließende Klanglandschaften, nicht weit weg von Coast/Range/Arc von 2011; vielleicht ein wenig dunkler. Dazu war eine gut darauf abgestimmte Filmprojektion zu sehen -- Wasser in diversen Variationen.

Wie bei vielen Elektronikern stellte man sich auch hier die Frage, was der emsig an seinen Geräten wirbelnde Musiker da eigentlich macht. Wenn Computer im Spiel sind, verliert der Begriff "live" zusehends seinen Sinn. Es dürfte eine Art Grundplayback ab Cubase gewesen sein (perfekt mit der Projektion synchronisiert), in das er Live-Einwürfe hineinstartete. Warmer Beifall am Ende.


awvfts

Beim Hauptact des Abends, Loscils Labelmates A Winged Victory for the Sullen, war die Live-Frage etwas leichter zu beantworten, denn das Berlin/Brüsseler Duo trat ergänzt um ein Streichtrio (zwei Violinen + Cello) in den Ring. Adam Wiltzie hat mal bei Sparklehorse gespielt, Dustin O'Halloran ist durch Filmmusiken bekannt geworden. Die beiden können ohne Frage komponieren. Zu hören war offenkundig ihr zweites Album, Atomos. Von Wiltzies Gitarre kam nicht viel durch, ihr Klang floss mit dem Keyboardteppich zu einer Einheit zusammen; die Streicher, da mit Mikrofon verstärkt, fielen dagegen zeitweilig etwas trocken aus dem Klangbild heraus, einzelne E-Piano-Einwürfe waren zu laut; gelegentlich waren die Lautsprecher überfordert. Zu sehen war leider nicht viel, der anscheinend vorgesehene Hintergrundfilm lief aus irgendwelchen Gründen nicht, so dass ein einziges Dia für den ganzen Auftritt reichen musste; die Musiker selbst saßen weitgehend im Dunkeln.

Während des über eine Stunde durchgehend gespielten Stückes gingen mir ständig neue Assoziationen durch den Kopf. Ich fühlte mich streckenweise an Tangerine Dream der Ära zwischen Zeit und Phaedra erinnert, Brian Enos Apollo klang immer wieder einmal an, aber auch Steve Reichs Music For 18 Musicians oder seine Multiplay-Komposition Violin Phase. Andere Momente erinnerten an Mike Oldfield, an Cluster II oder auch Cluster & Eno. Dabei wirkte das Ganze niemals wie eine Kopie oder in irgendeiner Weise geklaut, aber wenn mir die Musiker erzählen würden, sie hätten diese Platten nie gehört, würde ich ihnen nicht glauben. Freundliche und sehr angenehme Musik, im Hinblick auf eine individuelle Handschrift aber wohl noch ausbaufähig.


Two years ago, Hans-Joachim Roedelius played Pittsburgh -- in the back room of a pub full of glasses clinking, guests running in or out, and permanent background talk from the bar. Disgusting, somehow. One would have wished for him the auditorium of the Andy Warhol Museum. It's the ideal venue for artists of his kind, as could be seen this Thursday. It's just small enough to allow concentrated listening, but big enough to offer space for the Pittsburgh Ambient and Electronics fan community, which, I'm sure, was present as good as completely.

loscil

Loscil (a.k.a. Scott Morgan) of Vancouver, Kanada, was the supporting act. A good choice. Nearly unnoticed by the audience he started his around-30-minutes performance. I don't know his last three albums yet (this guy is simply too productive), but what he offered here were calm, floating soundscapes, not far away from his album Coast/Range/Arc from 2011; maybe a little bit more dark. Additional a very well-syntonized film projection was shown -- water in several variations. 

As with many of these electronics musicians also here the question came up what this delegently knob-turning musician might be doing there on stage. Where computers are on the scene, a term as "live" more and more doesn't make much sense anymore. Probably it was a sort of basic backing track coming from Cubase (or what software ever), with live parts thrown into. Warm applause at the end.


awvfts

The main act of the evening, Loscil's label mates A Winged Victory for the Sullen, the "live" question was easier to answer because the Berlin/Brussel duo appeared with a string trio (two violins and a cello) on stage. Adam Wiltzie once played with Sparklehorse, Dustin O'Halloran is known for film musics. The two of them know how to compose, without question. Obviously they played their second album, Atomos. Not much could be heard of Wiltzie's guitar, its sound mingled with the keyboard drones. The strings, because they were amplified by microphones, sometimes sounded a little bit too dry and fell out of the overall sound. Some e-piano chords were too loud; from time to time the speakers were clipping. There was not much to see, the apparently scheduled background movie didn't run for some reason, so a single dia had to fill the whole performance. The musicians were sitting more or less in the dark.

The performance was more than one hour in one go. While the music was flowing I had a lot of associations in my head. In parts I felt reminded to early Tangerine Dream stuff from the era between Zeit and Phaedra, Brian Eno's Apollo was reminiscent sometimes, but also Steve Reich's Music For 18 Musicians or his multiplay composition Violin Phase. Other moments reminded me to Mike Oldfield, to Cluster II or to Cluster & Eno. Never the whole thing was a copy or sounded as "lifted" from these artists, but if the musicians would try to tell me they never heard these musicians, I wouldn't believe them. Friendly and very pleasant music, but in view of an individual signature style it seems to be still developable.

Tuesday, March 17, 2015

Eberhard Weber: Résumé - Eine deutsche Jazz-Geschichte



Den Lesern dieses Blogs wird man kaum erklären müssen, wer Eberhard Weber ist. Résumé ist seine tatsächlich von ihm selbst geschriebene Autobiografie, parallel mit seinem Album Encore veröffentlicht. 

Da erzählt jemand, was ihm aus dem vielen Jahren seiner Karriere in Erinnerung geblieben ist — Begegnungen mit Kollegen, Reiseerinnerungen, Flugplatzabenteuer, sein Instrument, die Arbeit mit Manfred Eicher, der Einsatz von Verstärkern und Elektronik im Jazz, der Konzert- und Tourneebetrieb, die (teils deftigen) Unterschiede zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Jazzbusiness, die Existenz als „Telefonbassist“, wie er sich einmal einen LSD-Trip mit Wolfgang Dauner geteilt hat. Und noch vieles mehr, was in eine Autobiografie gehört. Das alles ist ein bisschen unsystematisch, ein bisschen sprunghaft, manchmal heiter, manchmal mit Widerhaken versehen (das ist dann besonders interessant), nie langweilig. Résumé liest sich, als würdest du mit Weber beim Glas Wein zusammensitzen.

Dass das, was das Publikum wahrzunehmen glaubt, nicht immer mit dem übereinstimmt, was die Musiker auf der Bühne empfinden, wenn sie es spielen, ist eine Erkenntnis, die vielleicht manchen überraschen wird, ebenso, dass die Musik auf der Bühne anders klingt als im Saal. Als Hörer macht man sich das selten klar. Eine andere interessante Erkenntnis Webers ist, dass gerade in den 60er Jahren die Grenzen zwischen Jazz und Schlager fließend sein konnten, die Musiker das aber nie gestört hat (anders als oftmals die Kritiker). Nicht allen wird gefallen, was Weber über den Free Jazz schreibt. Er weist nicht nur auf das Dilemma hin, dass, wenn alles erlaubt ist, kaum noch Variationsmöglichkeiten existieren und das Ganze dann ziemlich einförmig wird, sondern er beschreibt auch, dass es zwei Free-Jazz-Fraktionen gab, nämlich eine „Hardcore“- und eine „Happening“-Fraktion. Erstere nahm ihr Wirken todernst, letztere nicht. Deswegen konnten sich beide gegenseitig nicht ausstehen. Mittendrin finden sich einige nette Anekdoten über den „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt, dessen Verdienste als Gründer und damaliger Leiter der SWF-Jazzredaktion zwar unbestritten sind, der sich aber gelegentlich, wie Weber hier an einem Beispiel schildert, in Widersprüche mit seinen eigenen Forderungen verwickelte — etwa, indem er Musikern vorschrieb, wie sie „free“ zu spielen hatten. (Der geschätzte Werner Burkhardt hat Berendt mal eine „rührende Humorlosigkeit“ bescheinigt. Das findet sich hier bestätigt.)

Weber geizt nicht mit Meinung. Immer schimmert dabei ein stilles Augenzwinkern durch den Text hindurch. Selbst dann, wenn er über seinen Schlaganfall spricht. Auch hier nimmt man ganz beiläufig Erkenntnisse mit, auf die man sonst nur kommen kann, wenn man direkt mit dem Thema konfrontiert ist — etwa, dass der Schlag nicht nur körperliche Auswirkungen hat, sondern auch die emotionale Wahrnehmungsweise des Gehirns verändert. Seinen Humor hat Weber trotzdem nicht verloren: „Ich kann nicht Bass spielen. Aber ich weiß, wie’s geht!“

Ein sympathisches Buch.
 

Eberhard Weber:
Résumé – Eine deutsche Jazz-Geschichte
sagas.edition, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-944660-04-2

 

Eine Nachbemerkung sei noch gestattet: Ich weiß nicht, weshalb gerade die Verleger von Musikbüchern immer wieder zu glauben scheinen, sie müssten die Regeln der Typografie neu erfinden. Dieses Buch ist eigentlich schön aufgemacht, sogar mit Lesebändchen. Um so mehr irritiert mich die verwendete Schrift, eine serifen- und gesichtslose Type, die an Formulare vom Finanzamt erinnert und das Lesen von Seite zu Seite anstrengender macht. Liebe Buchgestalter, ihr wisst es doch: Ein Buch stellt andere typografische Anforderungen als, sagen wir, ein ECM-Booklet. Selbst wenn ihr die Garamond nicht mehr sehen mögt, es gibt viele Möglichkeiten. If in doubt, set in Caslon. Funktioniert immer. Oder von mir aus sogar in Times New Roman — besser als dies hier wäre selbst das. Danke fürs Zuhören.