bilingual/zweisprachig
Showing posts with label Gary Hustwit. Show all posts
Showing posts with label Gary Hustwit. Show all posts

Thursday, July 30, 2026

Eno (2)

(Scroll down for English, please) 

Der Witz von Gary Hustwits filmischem Brian-Eno-Portrait ist, wie hier in diesem Blog geschildert, dass eine Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt wird, um den Film bei jeder Vorführung bzw. bei jedem Abspielen anders aussehen zu lassen. Es werden Szenen ausgetauscht und durch andere ersetzt, dadurch werden Schwerpunkte verschoben und Inhalte umgestaltet. Das kann man so machen, es ist sicher eine clevere Idee, die an Enos "Generative Music"- oder seine "77 Million Paintings"Projekte angelehnt ist. Für mein Gefühl der Haupthaken dabei ist, dass nicht zwei Zuschauer denselben Film sehen und man sich insofern auch nur begrenzt über den Film unterhalten kann.

Interessant, dass die diesjährigen Bayreuther Festspiele ein vergleichbares Experiment wagen -- das in diesem Fall allerdings aus der finanziellen Not heraus geboren ist. Der "Ring" wird dieses Jahr nicht komplett neu inszeniert, sondern halbkonzertant aufgeführt. Das Orchester spielt, die Sänger und Sängerinnen stehen auf der Bühne und singen, während im Hintergrund und auf Gaze-Vorhängen von einer KI ausgewählte Bilder und Ausschnitte aus früheren Inszenierungen der Oper zu sehen sind. Diese werden live aus einem elektronischen Archiv zusammengestellt und live verändert. Konsequenterweise bezeichnet sich der Regisseur als "Kurator". Auch hier ist das Resultat, dass jede Aufführung einmalig bleiben wird.


Dass das alles noch nicht so funktioniert, wie es sich Regie und Ausstattung wohl erhofft haben, zeigen die verschiedenen Kritiken der "Walküre"-Aufführung. 

Aber man darf gespannt sein, wie sich das weiterentwickeln wird. 

 

As described in this blog, the interesting twist in Gary Hustwit’s cinematic portrait of Brian Eno is the use of artificial intelligence (AI) to ensure the film looks different at every screening or playback. Scenes are swapped out and replaced by others, shifting the focus and reshaping the content. It is certainly a clever approach—one inspired by Eno’s "Generative Music" or "77 Million Paintings" projects. To my mind, however, the main drawback is that no two viewers see the same film, which limits the extent to which one can discuss it with others.

It is interesting that this year’s Bayreuth Festival is attempting a similar experiment—though in this instance, it was born of financial necessity. Instead of a completely new staging, the "Ring" is being performed in a semi-staged format this year. The orchestra plays and the singers perform, while images and excerpts from past productions of the opera—selected by AI—are displayed in the background and on gauze curtains. These visuals are compiled and modified live from an electronic archive. Fittingly, the director describes himself as a "curator." Here, too, the result is that every performance will be unique. 



(German) Reviews of the "Walküre" performance indicate that the concept is not yet working quite as the director and design team had hoped.

Still, it will be interesting to see how this evolves. 

Wednesday, July 1, 2026

Eno

 

(Scroll down for English) 

Der Filmemacher Gary Hustwit hat schon sehr sehenswerte Filme gemacht; erinnert sei an sein Portrait des Designers Dieter Rams oder seinen Film über die Schrifttype Helvetica.

Brian Eno hatte schon die Filmmusik zu dem Rams-Film gemacht, da lag es wohl nahe, ihn auch selbst zu portraitieren. Seit 2024 wird der Film Eno jetzt durch die Arthouse-Kinos gereicht (das hieß: keine Chance in Pittsburgh), seit einigen Wochen wird er nun aber auch gestreamt. Seltsamerweise und leider wird die Kinofassung mit einer Spieldauer von 1 Stunde 40 Minuten angegeben, während die Stream-Fassung nur 1 Stunde 20 Minuten läuft.

Das Special ist, dass man den Film nie zweimal in derselben Fassung zu sehen bekommt. Immer werden kleine Ausschnitte ausgetauscht oder deren Reihenfolge verändert. Damit hängt sich der Film natürlich an Enos "Generative Music"-Konzept an. Das ist ein netter Gimmick, aber für den Normalzuschauer, der den Film nur einmal sieht, sinnlos, da man nicht die Möglichkeit hat, mehrere Fassungen miteinander zu vergleichen.

Der Film zeigt Schwerpunkte aus Enos Karriere, wir erleben kurz Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois oder David Bowie, wir sehen Brian Eno bei der Gartenarbeit oder beim Herumhacken auf einem Omnichord, beim Abspielen einer Ambient-Platte vor Publikum. Wir erfahren, dass Joni Mitchell einmal eine Ambient-Platte mit ihm machen wollte, er jedoch ablehnte, weil seine Ambient-Einspielungen von der Kritik zunächst schwer verrissen worden waren und er das Wort "Ambient" nicht mehr hören wollte. Heute möchte er sich dafür in den Hintern beißen. Wir sehen, dass Eno, der in seinem Diary-Buch "A Year with Swollen Appendices" von 1996 noch behauptet, seine Tagebuchversuche hätten immer bereits im Februar geendet, ein Riesenpaket sorgsam durchnumerierter und -datierter Notiz- und Skizzenbücher verwahrt -- immer getreu der alten Regel: Wenn du Künstler werden willst, dann bewahre alles auf, was du machst.

Das ist aber auch schon alles. Irgendwelche sensationellen Neuigkeiten über Eno bringt der Film nicht, dafür eine Menge schnelle Schnitte. Für die $11, die der Stream kostet, ein bisschen dünn. 

 

Filmmaker Gary Hustwit has created some truly noteworthy films—recall his portrait of designer Dieter Rams or his film about the typeface Helvetica.

Having already composed the score for the Rams film, it seemed a natural next step to have Brian Eno himself as the subject of a portrait. Since 2024, the film Eno has been making the rounds in arthouse cinemas (which meant no chance of seeing it in Pittsburgh), but finally it's also available now for streaming. Oddly—and unfortunately—the theatrical cut is listed with a runtime of one hour and 40 minutes, whereas the streaming version runs for only one hour and 20 minutes.

The unique feature of this film is that one never sees the exact same version of the film twice; small segments are constantly swapped out or their order rearranged. In doing so, the film naturally aligns itself with Eno’s concept of "generative music." It is a nice gimmick, but ultimately pointless for the average viewer who watches the film only once, as there is no opportunity to compare different versions.

The film highlights key moments in Eno’s career: we catch glimpses of Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois, and David Bowie; we see Eno gardening, noodling on an Omnichord, or playing an ambient record for an audience. We learn that Joni Mitchell once wanted to make an ambient album under his direction, but he declined because his early ambient recordings had been savaged by critics and he couldn't stand the word "ambient" anymore—a decision he kicks himself for today. We also see that Eno—who claimed in his 1996 diary "A Year with Swollen Appendices" that his attempts at keeping a journal always fizzled out by February—actually preserved a massive collection of carefully numbered and dated notebooks and sketchbooks, all in keeping with the old rule: if you want to be an artist, keep everything you create. 

But that’s about it. The film doesn’t offer any sensational new revelations about Eno—just a lot of quick cuts. A bit thin for the $11 the stream costs. 

Monday, April 20, 2020

Rams



Der Braun SK-61 von 1956, eine Radio- und Phonokombination, volkstümlich damals auch "Schneewittchensarg" genannt.


Der Braun T-1000 von 1963, der Kurzwellenempfänger, der in keiner Botschaft und bei keinem Top-Spion fehlen durfte.


Zwei Beispiele für Designs von Dieter Rams. Geboren 1932 in Wiesbaden, wollte er zunächst Architekt werden, landete aber dann eher zufällig im Industriedesign. 1955 trat er in die Produktgestaltung der Firma Braun ein, 1961 übernahm er deren Leitung. Jeder hat Designs von Dieter Rams schon gesehen. Seine Formensprache beruht auf radikaler Reduktion auf das Wesentliche, auf Langlebigkeit, und auf einem ausgeprägten Sinn für praktische Benutzbarkeit, vom Rasierer über die Saftpresse bis zum Regalsystem -- "gutes Design ist so wenig Design wie möglich" lautete eine seiner Maximen, die heute an jeder Kunsthochschule gelehrt werden.

Das Braun-Design wurde auch im Ausland so bekannt, dass Rams dort irgendwann als "Mr. Braun" durchging. Es funktionierte, weil die Gebrüder Braun voll hinter ihm und seinem Team standen (das übrigens rein männlich war -- damals war das normal und wurde von niemandem hinterfragt). Das ging gut, bis 1967 die Firma Braun von der Gillette Company übernommen wurde. Ab da hatte Rams immer weniger Rückhalt für seine Designphilosophie. Die Designs sollten saisonweise gewechselt werden, auch das Braun-Logo sollte in Riesenklotzbuchstaben auf den Produkten erscheinen. Klar, dass besonders Letzteres jemandem wie Rams nicht gefallen konnte ("Wenn Sie sich einer Person vorstellen, schreien Sie dann?"), und so verstärkte er seinen Nebenjob als Möbeldesigner für die Firma Vitsoe. Dieser Name war mir neu, wenngleich Möbel dieser Firma auch wieder jeder bereits gesehen hat. Auch Rams' Türklinken der Firma FSB dürfte jeder schon in der Hand gehabt haben. Zwischen 1981 und 1997 lehrte Rams Industriedesign an der HfbK in Hamburg. Insbesondere Apple dürfte einiges von ihm gelernt haben.




Nun gibt es einen 75-minütigen Portraitfilm über Rams, hergestellt von dem Dokumentarfilmer Gary Hustwit, der Designfreaks spätestens seit seinem Film über die Schriftart Helvetica (2007) bekannt sein dürfte. Der Film ist ein Crowdfunding-Projekt von 2019 und begleitet Rams durch einige Stationen seines Lebens, zeigt Produkte, Weggefährten, aber lässt ihn vorrangig selbst zu Wort kommen, sowohl über seine eigene Arbeit wie auch über die Arbeiten einiger seiner Kollegen -- etwa Ettore Sottsass, dessen knallrote Valentine noch heute Rams' Schreibgerät ist. Einen Computer sieht man bei ihm nicht, obwohl ich sicher bin, dass er auch damit umgehen kann. Wichtigster Drehort ist das Arbeitszimmer in Rams' Haus im hessischen Kronberg. Haus und Garten sind Teil einer Werkssiedlung von Braun, an deren Gestaltung er selbst beteiligt war -- auch wenn er damit nicht ganz zufrieden gewesen zu sein scheint.



Relativ früh bereits hat Rams über Umweltaspekte seiner Produktgestaltung nachgedacht, und oft merkt man das den Produkten auch an. Nicht immer ganz einverstanden bin ich mit Rams' Ansichten über die heutige Zeit. Für einen hellen Geist wie ihn kommen mir manche seiner Einwände recht eng gedacht vor; etwa seine Auffassung zu Leuten, die permanent auf ihr Handy starrend durch die Straßen laufen und dabei Bilder wahrnehmen, die in deren Köpfen nicht mal hängenbleiben. Nicht, dass ich solche Leute nicht auch ein bisschen albern fände -- aber sollte einem Designer von seinem Format nicht selbst klar sein, dass diese Leute eine bestenfalls temporäre Erscheinung sein werden? Ich jedenfalls bin sicher, dass die heutigen Handys in fünf oder zehn Jahren (man nagele mich bitte nicht auf eine Zahl fest) aus dem Stadtbild verschwunden sein werden. Dann nämlich werden sie zum integralen Bestandteil unserer Kleidung geworden sein.

Die optische Gestaltung des Films ist sympathisch an Rams' ästhetische Auffassungen angepasst, kein Grafikelement ist überflüssig. Die DVD- oder Blu-ray-Version kommt als Teil eines 80-seitigen Buches im Format 16 x 17 cm daher. Der Regionalcode ist 0, der Film sollte also überall laufen. Der Film ist auch online abrufbar, dann allerdings ohne die 30 Minuten Bonusmaterial, das die DVD bietet und das teilweise nicht weniger interessant ist als der Film selbst. Die Sprache ist durchweg deutsch, einige Aussagen sind englisch. Durchgehend sind alle nicht-englischen Passagen untertitelt.

Die Originalmusik des Films ist von Brian Eno. Zum Record-Store-Day 2020 wird der Soundtrack als Vinylalbum erscheinen. Die Musik hat gewohnte Eno-Qualität, ohne in irgendeiner Weise besonders auffällig zu sein. Auch für Eno gilt bekanntlich Rams' Motto: Less but better.

Der Film ist ausschließlich hier zu beziehen. Dort kann man ihn auch streamen. Billig ist der Spaß in beiden Fällen nicht, aber wer sich für Design interessiert, wird seine Freude daran haben.

(Zuerst veröffentlicht in manafonistas.de)