Die Wut ist ein heller Stern
ISBN 978-3-446-28120-2
Hanser 2025, 498 Seiten
Mein Exemplar hat noch keinen Spiegel-Bestseller-Aufkleber, aber dass das Buch schon kurz nach seinem Erscheinen auf Platz 14 landete, verwundert mich nicht. Inzwischen hat es die Liste aber bereits wieder verlassen.
Seltsam ist dieses Buch deshalb, weil es nicht einfach nur die (linken) Lebensgeschichten seiner Verfasser schildert, sondern weil man dabei auf eine fast unterschwellige Weise in die eigene Vergangenheit zurückgeworfen wird. In gewisser Weise ist dieses Buch also nicht nur ein Berichts- oder Essayband, sondern ein Spiegel.
Worum geht es also? Vierzehn Autorinnen und Autoren schildern in autobiografischen Skizzen, weshalb sie mal links waren (oder sich dafür hielten) und weshalb sie sich heute nicht mehr als Linke sehen. Die interessante Frage, die dabei auftaucht: Wenn sie aber heute nicht mehr links sind -- ja, wo sind sie denn jetzt? Und genau das ist auch der Moment in jeder dieser Kurzbiografien, bei dem man sich fragt: Wo war denn ich, und wo bin ich jetzt?
Und was heißt das heute überhaupt, "links" und "rechts"? Dass das ein weites Feld ist, erkennt man schon an der Unterschiedlichkeit der Autorinnen und Autoren: Henryk M. Broder, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, der Journalist Samuel Schirmbeck oder der jüngst verstorbene Schriftsteller Peter Schneider, Reinhard Mohr (der Co-Herausgeber dieses Buches) und einige andere. Fast alle sind Namen, die mich seit vielen Jahren auf unterschiedliche Weise begleiten, weil sie immer irgendwie "da" waren.
Der Untertitel "Warum wir nicht mehr links sind" verführt zu dem Schluss, dann seien sie wohl jetzt nach rechts abgewandert. Manchen wird es ja seit einiger Zeit ganz eindeutig (und oft mit großer Bosheit) nachgesagt. Aber so einfach ist es nicht, das merkt man schnell.
Der Buchrückseitentext wird mit einem alten Spruch Wolf Biermanns eingeleitet: "Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung." -- Ich habe eher einen gegeteiligen Eindruck: Fast alle der Autorinnen und Autoren haben sich zwar in den linken Wegen, Parteien, Bewegungen, Gruppierungen, Grüppchen und Sekten der 1960er und 1970er Jahre verheddert, hatten aber Grundsätze, und denen sind sie weitgehend treu geblieben. Was sich geändert hat, ist die Bedeutung des Begriffs "links". Wer sich heute für links hält, meint damit etwas anderes als die Generation, die in diesem Buch zu Wort kommt. Das ist die nachhaltigste Erkenntnis, die dieses Buch hinterlässt.
Eine zweite Sache, die mir beim Lesen aufgefallen ist: Fast alle der Beteiligten kommen aus der mittleren bis oberen Mittelschicht, aus Beamten-, aus Lehrerhaushalten, aus künstlerischem, kreativem oder juristischem Elternhaus. Sie haben in ihrer Jugend und im Studentenalter intellektuelle Freiheit erlebt (die allerdings oft zu großen geistigen und moralischen Verirrungen geführt hat, aber sie alle haben das irgendwann bemerkt). In fast allen Fällen stand dies dem Erklimmen der späteren beruflichen Erfolgsleiter nicht im Wege. Sie haben mit großer Selbstverständlichkeit ihre Karrieren gemacht, im journalistischen, künstlerischen oder universitären Feld. Man wird sagen dürfen: Ihr Linkssein war ein Luxus, den sie sich leisten konnten.
Ich selbst habe das alles ganz anders erlebt. Ich habe darüber schon im "Sound der Jahre" einiges gesagt und will das hier nicht wiederholen. Die gedankliche (und materielle) Welt, in der die Autorinnen und Autoren lebten und noch immer leben, hatte so gut wie nichts mit der zu tun, in der ich aufgewachsen bin. Den Klempnerlehrling in Koblenz hat das alles, was in diesem Buch rekapituliert wird, nicht interessiert. Den hat, wie Dieter Nuhr mit Recht schreibt, die neue LP von Alice Cooper interessiert.
Da sieht man, welche Gedanken dieses Buch auslösen kann. Und immerhin, das ist doch schon etwas.
Ulli Kulke/Reinhard Mohr (Hg.):
Wenn das Denken die Richtung ändert.
Stuttgart 2026, ISBN 978-3-17-047170-2, 260 Seiten
Yanka Rupkina. Wie Joe Boyd via Facebook bekanntgab, hat uns mit ihr wieder eine großartige Stimme verlassen.
Irgendwann in den 1980er Jahren entdeckte ich mit dem Weltempfänger auf der Kurzwelle den Frauenchor von Radio Sofia. Deren Gesang war das Markenzeichen des Senders -- einmal gehört, und man vergaß diese Stimmen nie mehr. Auf Tonträgern wurde der Chor später unter dem Titel Le mystère de voix Bulgares oder auch Das Geheimnis der Bulgarischen Stimmen gehandelt.
Zum Teil waren darauf traditionelle Lieder zu hören, zum anderen (insbesondere auf Vol. 2) speziell für diesen Chor und seine einzigartige Gesangstechnik komponierte Stücke. Auch Holger Czukay hat Samples dieses Chores in seinen Platten verwendet, aber das Original war und ist besser. Yanka Rupkina gründete zudem das Trio Bulgarka, das unter anderem mit Kate Bush gesungen hat.
Aber die originalen Choraufnahmen bleiben unschlagbar. Ich höre die Platten nicht mehr oft, aber wenn, dann jagen mir diese Stimmen noch immer Schauer über den Rücken.
Danke und gute Reise!
Yanka Rupkina. As Joe Boyd announced via Facebook, another magnificent voice has left us.
Sometime in the 1980s, while tuning my shortwave radio, I discovered the Women's Choir of Radio Sofia. Their singing was the station's signature—once heard, those voices were never forgotten. On recordings, the choir later became known under the title Le mystère des voix Bulgares—or The Mystery of the Bulgarian Voices.
In part, they featured traditional songs; in part—particularly on Vol. 2—pieces were composed specifically for this choir and its unique vocal technique. Holger Czukay, too, incorporated samples of this choir into some of his records, but the original was—and remains—superior. Yanka Rupkina also founded the Trio Bulgarka, which performed with artists such as Kate Bush.
Yet the original choir recordings remain unbeatable. I don't listen to these records very often anymore, but when I do, those voices still send shivers down my spine.
Thank you, and have a safe journey!
One of the greatest voices of Bollywood has left us.
She even sang with Kronos Quartet.
Bye bye, and have a safe trip!
Man schaue auf deren Geburtsjahre und dann auf das eigene ... Früher fand ich es immer albern, wenn Ältere klagten, es stürben nach und nach alle weg, die mal wichtig waren.
Ich gestehe, aus Kluges Filmen selten ganz schlau geworden zu sein. Aber ich erinnere mich an seine dctp und ihre eigenwillig gestalteten TV-Beiträge, mit denen er es schaffte, Substanz selbst noch ins RTL- und Sat.1-Programm zu schmuggeln -- nicht von ungefähr wollten die diese ihnen von der Medienaufsicht zugewiesenen Einschaltungen immer loswerden.
Und ich erinnere mich an Jürgen Prott, meinen wohl wichtigsten Prof an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), an der ich im Zweiten Bildungsweg gelandet war. Der war ein Medienprofi, selbst auch immer mal wieder radio-aktiv, und er ließ immer wieder in seine Lehrveranstaltungen einfließen, als wie wichtig er das Werk Alexander Kluges erachtete, und die Lektüre von "Öffentlichkeit und Erfahrung" von Oskar Negt und Alexander Kluge war bei ihm Pflichtprogramm. Ich habe einiges fürs spätere Uni-Studium daraus mitgenommen.
Bye bye!
(Please scroll down for English)
Vielleicht bin ich ja ein bisschen altmodisch, aber ein neues Album von Gong ist noch immer ein Grund, neugierig zu sein -- jedenfalls für mich. Eine Single-Auskopplung war schon seit Januar zu haben ("The Wonderment"), jetzt ist das Album da:
Wie die Band auf ihrer Bandcamp-Seite selbst sagt, "the longest running line-up of this legendary international psychedelic band, comprising members hand-picked by founder Daevid Allen, intending that his mystical vision continues": Kavus Torabi, Gesang, Gitarren, Synthesizer und Harmonium; Fabio Golfetti, Gesang und Gitarre; Cheb Nettles, Drums und Gesang; Dave Sturt, Bass und Gesang; Ian East, Blasinstrumente. So stabil wie diese war tatsächlich keine der diversen Besetzungen unter Allens Regie.
Was sofort auffällt: Der Band ist offenkundig völlig egal, welche Trends derzeit den Musikmarkt beherrschen, aber man fühlt sich sofort zu hause. Dennoch hört sich Bright Spirit anders an als die Vorgänger. Während das letzte Studio-Album mich noch stark an Zappa erinnert hat, fühlte ich mich jetzt schon im ersten Track ("Dream of Mine") zurückversetzt in eine Melange aus Embryo und der Steve Hillage Band der mittleren Siebziger, auch Anklänge an Soft Machine sind zu hören. Und das ist nicht negativ gemeint; die Band kann spielen, und offenkundig wusste sie auch, wohin sie wollte.
Meditativ-psychedelische Layers wechseln sich ab mit ungeraden Taktarten, dazwischen funken Gitarrenriffs, Glissando-Gitarre (seinerzeit Daevids Spezialität) und Keyboard-Einsprengsel. Einzig der Gesang überzeugt mich nicht durchgehend; irgendwie hat man dauernd das Gefühl, jetzt müssten Daevid Allens oder Steve Hillages Stimmen kommen, aber sie kommen nicht. Womit nicht gesagt sein soll, dass der Gesang schlecht ist; es ist einfach der Aufbau des Albums, der eine Atmosphäre hervorruft, die solche Erwartungen nahelegen. Einige der Stücke könnten vielleicht auch eine Minute kürzer sein. Das ist aber auch schon alles, was es aus meiner Sicht zu kritisieren gibt.
Bright Spirit ist auf den üblichen Streamingdiensten und via Bandcamp bereits zu hören, die Hardware (CD, LP in schwarz und LP in transparentem Türkis) folgt Ende des Monats.
I might be a bit old-fashioned, but a new album from Gong is still a reason to be curious—at least for me. A single has been available since January ("The Wonderment"), and now the album is here:
As the band themselves state on their Bandcamp page, this is "the longest running line-up of this legendary international psychedelic band, comprising members hand-picked by founder Daevid Allen, intending that his mystical vision continues": Kavus Torabi (vocals, guitars, synthesizers, and harmonium); Fabio Golfetti (vocals and guitar); Cheb Nettles (drums and vocals); Dave Sturt (bass and vocals); and Ian East (wind instruments). Indeed, none of the various lineups under Allen’s direction proved as stable as this one.
What strikes you immediately is that the band evidently couldn't care less about whatever trends currently dominate the music market, but you feel at home immediately. Nevertheless, Bright Spirit sounds a bit different from its predecessors. While their previous studio album strongly reminded me of Zappa, this time already the very first track ("Dream of Mine") transported me back to a mélange of Embryo and the Steve Hillage Band of the mid-1970s—with echoes of Soft Machine audible as well. And this is not meant as a criticism; the band possesses serious chops, and they clearly knew exactly where they were headed.
Meditative, psychedelic layers alternate with odd time signatures, interspersed with funky guitar riffs, glissando guitar (a specialty of Daevid’s back in the day), and keyboard flourishes. The only element that doesn't consistently win me over is the vocals; somehow, you constantly get the feeling that Daevid Allen’s or Steve Hillage’s voices ought to be chiming in—but they never do. This isn't to say the vocals are poor; it is simply the album's overall structure that builds an atmosphere which naturally invites such expectations. Some of the tracks could perhaps also stand to be a minute shorter. But that, from my perspective, is the extent of the criticism to be leveled.
Bright Spirit is already available for streaming on all the usual platforms and via Bandcamp; the physical formats (CD, black vinyl LP, and transparent turquoise vinyl LP) are set to follow at the end of the month.
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(Deutsch: Bitte runterscrollen!)
"Record Covers" was supposed to be a chapter in the book Times & Sounds, but it had to be dropped due to space limitations. I had long forgotten about this manuscript, but recently rediscovered it. So here it is -- enjoy.
The mention of the band Nektar in the chapter "Bits & Pieces" leads to a special aspect – let's call it an excursus: the record cover. Of course, records had to be packaged. For a long time, however, the design of the cover was unimportant, because you simply asked the salesperson in the record store: "Do you have XYZ by singer ABC?", and the shop assistant took the record from the shelf and handed it to the customer. This changed in the late 1960s. The shelves became openly accessible, and customers could then browse and search through the records themselves. From that moment on, the record cover gained importance. Singles (45s) were often still sold in neutral sleeves that showed the record company's logo or some musical graphics and had a round hole in the middle through which you could read the lettering on the record label.
Only the 45s that were considered (potential) hits received a cover with titles, names, and – usually – a photo of the artist or band.
In fact, Helmut Wenske from Hanau (near Frankfurt) is a remarkable artist. Born in 1940, he no longer remembers exactly when he started drawing, but, as he says, he did it out of an inner need to cope with himself and the world around him without going crazy. His mother didn't like his pictures because she felt they were "painted in the wrong colors." Later, Wenske became a porcelain painter and, in the mid-1960s, worked as a decorator at the Hertie department store in Hanau. His jobs there included creating large facade posters. He was able to utilize this skill later when he lived in an apartment above a brothel (a "third-rate" one, as he says): He earned a large part of his living creating decorative, pornographic paintings in and on the striptease bars of Hanau's red-light district (a bit similar to Erwin Ross, who worked in Hamburg's red-light district and was not coincidentally called the "Rubens of St. Pauli," and whose works still adorn some bars there today).
As an in-house graphic designer, Wenske created over 100 record covers for Bellaphon and its sub-labels Bacillus and Admiral, for both singles and albums. Most of his cover designs were rather unspectacular, especially those for singles: "This work didn't have much to do with painting. I cobbled together layouts, selected the best of three or four miserable slides of the artist, chose colors and fonts, hammered together advertisements, and slapped on some text to get out of that madhouse as quickly as possible."
Independently, Wenske also worked with oil and gouache paints, creating oil paintings, gouaches, and pencil drawings on a freelance basis. He developed a style that, once seen, was instantly recognizable. After a while, however, particularly in connection with the band Nektar, he began to use these works for cover illustrations – at least five of his paintings were used for Nektar album covers between 1972 and 1975; he also created the "Nektarman," which became their trademark: A felt-tip pen drawing, 96 x 48 cm, originally titled "Hermaphrodite," 1972; the original is lost.
Wenske's paintings were not easy to digest. Their hallmarks were meticulous, often highly detailed precision, dreamlike perspective distortions, and overwhelming optical illusions, mixed with complex surreal figures and horror motifs; sexual allusions are also frequently present. In many paintings, but especially in his monochrome pencil drawings, one finds faces that are often only noticeable upon closer inspection. The viewer is transported into illogical worlds between geometric scaffoldings, fish-eye optics, melting and decay, lava and mold. Moments of relaxation are rare (with the possible exception of some self-portraits); the atmosphere is usually characterized by turmoil and endless desolation. The depicted figures mostly appear sad or panicked, their faces (especially the ones you recognize on second view) stare maliciously and aggressively. It's probably safe to assume that Wenske attempted to process LSD experiences by painting these scenes. (He wouldn't be the only one. H.R. Giger developed his "Alien" figures in a similar way.) But, as Wenske says, "I've always enjoyed my nightmares."
In addition to album covers, Wenske also provided illustrations for porn magazines and other pulp fiction, but also a large number for science fiction book covers, including those published by the renowned Insel Verlag. Among the books he contributed to are numerous science fiction anthologies and German editions of works by Stanisław Lem, such as "Der futurologische Kongress," and Philip K. Dick's "LSD-Astronauten" (which is originally titled "The Three Stigmata of Palmer Eldritch"—only German publishers and film distributors manage to invent such idiotic title mutilations).
Wenske lived in a creative frenzy that, according to his own account, lasted about five years and must have been extreme at times. "Sometimes I painted around the clock, for days on end, driven by inner visions that I often unconsciously put on paper."
His works were also shown in several solo and group exhibitions, which were reviewed by some reputable newspapers, such as the Neue Zürcher Zeitung: "The surfaces are painted with astonishing meticulousness, depicting various stages of weathering, swelling, and decay. However, these are images that stand on their own, largely resisting interpretation or explanation." A small book, "Psychogramme – Stimmen zur Somnambulanz" (1980), documents reactions to one of these exhibitions:
This was connected to the art book "Letzte Aufzeichnungen aus der Somnambulanz" ("Last Notes from Somnambulism", 1979, the word play from German "Somnambulanz" and "Ambulanz" is hard to translate). The relatively thin book featured black-and-white pencil drawings without commentary. From page to page, the lines become thinner and thinner. In the end, only a white page remains with a single tree (or is it a face? a brain?) in the upper right corner. Wenske: "Fortunately, the tension eased at the end of the seventies, when my painting became less colorful, the objects, as if afflicted by cancer, dissolved, everything was reduced to a line and ended in a point. I was free!" Consequently, this one remained Wenske's last art book.
Under the pseudonym Chris Hyde (it was never a secret who was the person behind this name), Wenske also published several books, particularly about the rock 'n' roll scene in Hanau, which he knew well. I'm not familiar with most of these books, but the main themes of those I have read seem to be: bands, drinking, and pretending to be the toughest guy on the block. They prove once again that writing isn't Wenske's strong suit, but the books can't be denied a certain authenticity: the man knows what he's talking about. Anyone interested in the early rock 'n' roll scene in Germany should take a look at them.
Despite his exhibitions and book publications, Wenske's works never reached the serious art trade. I don't know whether he ever considered this an
important goal for himself, but the scorn he heaps in his books on all
the oh-so-incompetent critics, essayists, record company executives,
former supporters, and other idiots suggests disappointment and
bitterness towards them. But it's not my job speculating about that.
Finally, Wenske took a job at a logistics company and otherwise spent a lot of time with horses. For three years, he was under suspicion of murder until a newly developed DNA testing method proved that he could not have been the perpetrator.
In 2009, he appeared as a contemporary witness in the documentary film "Roll Over Hanau -- Eine Stadt, die Amerikaner und ihre Musik" by Axel Czarnecky and Daniel Siebert, showing the lasting cultural influence of American soldiers on West German youth in the 1950s and 60s.
Dozens of Bacillus and Bellaphon records between 1971 and 1975 featured Wenske's designs, and his graphics eventually became a cult object among hard rock fans, like these ones:

When I was about 15, Wenske's record covers, posters, and wall calendar gave me first encounters with Surrealism. They opened a door that allowed me to discover an art movement that I had only known by name until then. And I certainly wasn't the only one. Well, I no longer have the posters on the wall, but they still live in a cardboard tube in the basement; this one ("Babel") among them:
Helmut Wenske is a part of the history of German rock music. Whether you like it or not, he transformed the covers of German rock albums into applied art. And surprisingly, in 2025 (he was 85 then!), he sent an unexpected sign of life: "Colours & Sounds," a 450-page tome that he apparently considers a kind of retrospective of his life's work.
There weren't many artists who designed record covers in such a distinctive style. Besides Wenske, the Swiss artist Urs Amann should be mentioned, also a Surrealist, who designed several record covers for Klaus Schulze between 1972 and 1975, of which the cover for "Timewind" (1975) is probably the best known.
In the 1970s, he designed around 40 record covers for rock, jazz, and classical albums, which were usually signed "Wandrey's" or "Wandrey's Studio" (which was actually just himself). His rock album covers include several for Doldinger's Passport, but also Can's "Monster Movie" (apparently with a little help from a comic panel from "The Mighty Thor" by Jack Kirby), Guru Guru's "Don't Call Us – We Call You", Grobschnitt's "Jumbo", Scorpions' "Lonesome Crow" and "Fly To The Rainbow", and several more. His work on record covers ended in the 1980s when he discovered plotters, video, the Quantel Paintbox, and computer graphics.
Also worth mentioning: Peter Geitner, who worked for Rolf-Ulrich Kaiser's three labels:
The ECM sleeves became famous immediately for their distinctive and recognizable graphic design, photos and typography; they saw exhibitions and were published in art books which are sold second-hand now for fantasy prices:
Photographer Wolfgang Tillmans ("3 Weeks" by Tiga):
Reinhard Hippen, graphic artist and kabarett historian was a contributor for Rolf-Ulrich Kaiser's labels Ohr and Pilz; he also developed the "Macht das Ohr auf" ("open your ears") logo:
Monika "Monique" and Edgar Froese designed their own Tangerine Dream covers with graphics and photos; Edgar had temporarily worked as a graphic designer for the Berlin transport company (BVG).
Dieter Moebius of Cluster made covers for his own band as well as for others:
There were some more artists doing record sleeves and could have been mentioned here. However, most record covers were designed by anonymous graphic designers, who were mostly employed by a record company. And that's exactly how most of their covers looked.
Sources:
© Halvmall Verlag, Bremen 2020
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"Plattencover" sollte ein Kapitel in dem Buch Der Sound der Jahre werden, es musste aber aus Platzgründen unter den Tisch fallen. Ich hatte es längst vergessen, habe es aber kürzlich wiederentdeckt. Hier ist es, wohl bekomm's.
Die Erwähnung der Band Nektar führt zu einem besonderen Aspekt – nennen wir es einen Exkurs: dem Schallplattencover. Natürlich mussten Schallplatten irgendwie verpackt werden. Lange Zeit war jedoch die Gestaltung der Hülle unwichtig, denn man fragte den Verkäufer im Plattenladen einfach: „Haben Sie XYZ von Sänger ABC?“, der Verkäufer holte die Platte aus dem Regal und reichte sie dem Kunden. In den späten 1960ern änderte sich das. Die Regale wurden offen zugänglich, die Kunden konnten dann selbst in den Platten stöbern und suchen. Von diesem Moment an gewann die Schallplattenhülle an Bedeutung. Singles wurden zwar oft noch in neutralen Hüllen verkauft, die das Logo der Plattenfirma oder einige musikalische Grafiken zeigte und ein rundes Loch in der Mitte, durch das man die Beschriftung auf dem Plattenlabel lesen konnte.
Nur die Singles, die als (potenzielle) Hits galten, erhielten ein Cover mit Titeln, Namen und – meistens – einem Foto des Künstlers bzw. der Band.
Wenskes Gemälde waren keine leichte Kost. Ihre Kennzeichen waren detailgetreue, oft sehr kleinteilige Präzision, traumhafte Perspektivverzerrungen, überbordende optische Täuschungen, vermischt mit komplexen surrealen Figuren und Horrormotiven, oft finden sich auch sexuelle Anspielungen. In vielen Gemälden, insbesondere aber auch in seinen monochromen Bleistiftzeichnungen, findet man Gesichter, die man oft erst auf den zweiten Blick überhaupt wahrnimmt. Man wird in unlogische Welten zwischen Schmelzen und Zerfall, geometrischen Gerüstkonstruktionen, Fischaugenoptik, Lava und Schimmel entführt. Momente der Entspannung sind selten (mit Ausnahme vielleicht einiger Selbstportraits); die Atmosphäre ist meist von Aufruhr und endloser Trostlosigkeit geprägt. Die dargestellten Figuren wirken meist traurig oder panisch, Gesichter sind oft versteckt; entdeckt man sie nach einer Weile, starren sie bösartig und aggressiv. Man liegt wohl nicht falsch mit der Vermutung, dass Wenske mit der Malerei dieser Szenen versucht hat, LSD-Erlebnisse zu verarbeiten. (Er wäre nicht der Einzige. H.R. Giger entwickelte seine „Alien“-Figuren auf ähnliche Weise.) Aber, wie Wenske sagt: "Ich hab' meine Alpträume immer genossen."
Neben den Plattencovern lieferte Wenske auch Illustrationen für Pornohefte und andere Groschenliteratur, in großer Zahl aber aber auch für Science-Fiction-Bücher, unter anderem des renommierten Insel-Verlags. Zu den Büchern, an denen er beteiligt war, gehören neben zahlreichen SF-Sammelbänden deutsche Ausgaben von Werken von Stanisław Lem, etwa "Der futurologische Kongress" oder Philip K. Dicks "LSD-Astronauten" (das im Original "The Three Stigmata of Palmer Eldritch" heißt -- depperte Titelverhunzungen dieses Kalibers bekommen nur deutsche Verlage und Filmverleiher hin).
Man sah seine Werke auch in einigen Einzel- und Gruppenausstellungen, die auch von seriösen Zeitungen rezensiert wurden, etwa der Neuen Zürcher Zeitung: "Mit verblüffender Akribie gemalte Oberflächen in verschiedenen Zuständen der Verwitterung, des Aufquellens und des Abbaus. Es sind aber Bilder, die für sich bleiben, versagen sie sich doch auf weite Strecken dem Nachvollzug." Stimmen von Kritikern und Besuchern einer dieser Ausstellungen dokumentiert das Bändchen "Psychogramme -- Stimmen zur Somnambulanz" (1980):
Unter
dem Pseudonym Chris Hyde (es war nie ein Geheimnis, wer sich hinter diesem Namen verbarg) veröffentlichte Wenske auch einige Bücher
insbesondere über die Rock-'n'-Roll-Szene von Hanau, die er gut kannte.
Die meisten dieser Bücher kenne ich nicht, aber die Hauptthemen derer,
die ich gelesen habe, scheinen zu sein: Bands, Alk, jemandem die Schnauze polieren, und so tun, als sei man der gefährlichste
Typ im Häuserblock. Sie beweisen einmal mehr, dass Schreiben nicht
Wenskes Stärke ist, aber einen Hauch von Authentizität kann man den
Büchern nicht absprechen: Der Mann weiß, wovon er redet. Wer sich für
die frühe Rock'n'Roll-Szene in Deutschland interessiert, sollte einen
Blick riskieren:
2009 trat er in dem Dokumentarfilm "Roll Over Hanau -- Eine Stadt, die Amerikaner und ihre Musik" von Axel Czarnecky und Daniel Siebert auf, der den nachhaltigen kulturellen Einfluss der amerikanischen Soldaten auf die westdeutsche Jugend der 1950er und 60er Jahre zeigt.
In gewisser Weise war Wenske für Deutschland das, was Roger Dean oder Storm Thorgerson und Aubrey Powell (Hipgnosis) für England waren. Während jedoch deren Illustrationen für Schallplattencover gedacht waren, sind etliche von Wenskes Platten- und Buchcovern ursprünglich „freie Kunst“ gewesen und waren eigentlich nicht für Zweitverwendungen vorgesehen. Das Problem, das daraus resultierte, war dann, dass seine Gemälde oft Szenen zeigten, die inhaltlich keinerlei Bezug zu den Schallplatten oder Büchern hatten, für die sie verwendet wurden. Nicht jede Band war damit restlos glücklich. Gleichwohl erschien Wenske in mehreren Leserumfragen im Bereich Science-Fiction als bester Grafiker.
Helmut Wenske ist Teil der Geschichte des deutschen Rocks. Ob einem sein Werk gefällt oder nicht, mit ihm wurden die Covers deutscher Rockplatten zu angewandter Kunst. Und überraschend sandte er 2025 (da war er immerhin 85!) ein unerwartetes Lebenszeichen: "Colours & Sounds", einen 450-seitigen Wälzer, den man wohl als eine Art Lebensbilanz betrachten darf:
In den 1970er Jahren gestaltete er rund 40 Schallplattencover für Rock-, Jazz- und Klassik-Alben, die meist mit „Wandrey’s“ oder „Wandrey’s Studio“ signiert waren (was in Wirklichkeit nur er selbst war). Zu den Rockalbum-Covern gehören mehrere für Doldingers Passport, aber auch Can’s "Monster Movie" (offenbar mit ein wenig Hilfe eines Comic-Panels aus „The Mighty Thor“ von Jack Kirby), Guru Gurus "Don’t Call Us – We Call You", Grobschnitts "Jumbo", Scorpions’ "Lonesome Crow" und "Fly To The Rainbow" und einige mehr. Seine Arbeit an Schallplattencovern endete in den 1980er Jahren, als er Plotter, Video, die Quantel Paintbox und Computergrafik entdeckte.
Barbara und Burkhart Wojirsch, Dieter Rehm und andere stilprägende Grafiker und Fotografen waren für das Münchener ECM-Label tätig:
Die ECM-Cover wurden sehr schnell berühmt; ihre Bild-, Foto- und typografische Gestaltung fand sich wieder in Ausstellungen und Kunstbüchern -- etwa diesem, das auf dem Gebrauchtmarkt heute Fantasiepreise erzielt:
Auch Gerhard Richter gestaltete Cover; sein Gemälde „Kerze“ für Sonic Youth’s "Daydream Nation" ist heute berühmt, auch ein Steve-Reich-Cover stammt von ihm:
Der Fotograf Wolfgang Tillmans gestaltete "3 Weeks" von Tiga:
Der Grafiker und Kabarettkenner Reinhard Hippen war fester Mitarbeiter für Rolf-Ulrich Kaisers Labels Ohr und Pilz, von ihm stammt auch das "Macht das Ohr auf"-Logo:
Der Beuys- und Richter-Schüler Emil Schult entwarf Cover und Poster für Kraftwerk:
Monika "Monique" und Edgar Froese gestalteten Grafiken und Fotos für ihre Tangerine-Dream-Covers; Edgar selbst war jobweise auch als Grafiker für die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) tätig gewesen:
Auch Dieter Moebius gestaltete Cover für sein eigenes Ensemble Cluster, aber auch für andere:
Es gab noch eine Reihe weiterer Künstler, die Schallplattencover entworfen und realisiert haben. Der überwiegende Teil wurde jedoch von namenlosen Grafikern gestaltet, die bei einer Plattenfirma angestellt waren. Und so sahen die meisten ihrer Cover denn auch aus.
Quellen:
© Halvmall Verlag, Bremen 2020