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Sunday, March 15, 2026

Bright Spirit

(Please scroll down for English) 

Vielleicht bin ich ja ein bisschen altmodisch, aber ein neues Album von Gong ist noch immer ein Grund, neugierig zu sein -- jedenfalls für mich. Eine Single-Auskopplung war schon seit Januar zu haben ("The Wonderment"), jetzt ist das Album da:

  

Wie die Band auf ihrer Bandcamp-Seite selbst sagt, "the longest running line-up of this legendary international psychedelic band, comprising members hand-picked by founder Daevid Allen, intending that his mystical vision continues": Kavus Torabi, Gesang, Gitarren, Synthesizer und Harmonium; Fabio Golfetti, Gesang und Gitarre; Cheb Nettles, Drums und Gesang; Dave Sturt, Bass und Gesang; Ian East, Blasinstrumente. So stabil wie diese war tatsächlich keine der diversen Besetzungen unter Allens Regie.

Was sofort auffällt: Der Band ist offenkundig völlig egal, welche Trends derzeit den Musikmarkt beherrschen, aber man fühlt sich sofort zu hause. Dennoch hört sich Bright Spirit anders an als die Vorgänger. Während das letzte Studio-Album mich noch stark an Zappa erinnert hat, fühlte ich mich jetzt schon im ersten Track ("Dream of Mine") zurückversetzt in eine Melange aus Embryo und der Steve Hillage Band der mittleren Siebziger, auch Anklänge an Soft Machine sind zu hören. Und das ist nicht negativ gemeint; die Band kann spielen, und offenkundig wusste sie auch, wohin sie wollte. 

Meditativ-psychedelische Layers wechseln sich ab mit ungeraden Taktarten, dazwischen funken Gitarrenriffs, Glissando-Gitarre (seinerzeit Daevids Spezialität) und Keyboard-Einsprengsel. Einzig der Gesang überzeugt mich nicht durchgehend; irgendwie hat man dauernd das Gefühl, jetzt müssten Daevid Allens oder Steve Hillages Stimmen kommen, aber sie kommen nicht. Womit nicht gesagt sein soll, dass der Gesang schlecht ist; es ist einfach der Aufbau des Albums, der eine Atmosphäre hervorruft, die solche Erwartungen nahelegen. Einige der Stücke könnten vielleicht auch eine Minute kürzer sein. Das ist aber auch schon alles, was es aus meiner Sicht zu kritisieren gibt.

Bright Spirit ist auf den üblichen Streamingdiensten und via Bandcamp bereits zu hören, die Hardware (CD, LP in schwarz und LP in transparentem Türkis) folgt Ende des Monats.

 

 

I might be a bit old-fashioned, but a new album from Gong is still a reason to be curious—at least for me. A single has been available since January ("The Wonderment"), and now the album is here:

 

 

As the band themselves state on their Bandcamp page, this is "the longest running line-up of this legendary international psychedelic band, comprising members hand-picked by founder Daevid Allen, intending that his mystical vision continues": Kavus Torabi (vocals, guitars, synthesizers, and harmonium); Fabio Golfetti (vocals and guitar); Cheb Nettles (drums and vocals); Dave Sturt (bass and vocals); and Ian East (wind instruments). Indeed, none of the various lineups under Allen’s direction proved as stable as this one.

What strikes you immediately is that the band evidently couldn't care less about whatever trends currently dominate the music market, but you feel at home immediately. Nevertheless, Bright Spirit sounds a bit different from its predecessors. While their previous studio album strongly reminded me of Zappa, this time already the very first track ("Dream of Mine") transported me back to a mélange of Embryo and the Steve Hillage Band of the mid-1970s—with echoes of Soft Machine audible as well. And this is not meant as a criticism; the band possesses serious chops, and they clearly knew exactly where they were headed.

Meditative, psychedelic layers alternate with odd time signatures, interspersed with funky guitar riffs, glissando guitar (a specialty of Daevid’s back in the day), and keyboard flourishes. The only element that doesn't consistently win me over is the vocals; somehow, you constantly get the feeling that Daevid Allen’s or Steve Hillage’s voices ought to be chiming in—but they never do. This isn't to say the vocals are poor; it is simply the album's overall structure that builds an atmosphere which naturally invites such expectations. Some of the tracks could perhaps also stand to be a minute shorter. But that, from my perspective, is the extent of the criticism to be leveled. 

Bright Spirit is already available for streaming on all the usual platforms and via Bandcamp; the physical formats (CD, black vinyl LP, and transparent turquoise vinyl LP) are set to follow at the end of the month. 


Tuesday, March 10, 2026

Augie Meyers 1940 - 2026

 

 

Bye bye, Augie Meyers

-- The Sir Douglas Quintet and your Vox Continental were one. 

Sunday, March 1, 2026

Ausgewählte Übertreibungen

 

 
 
Ja, dieser Mann kann durchaus auch mal Unsinn reden. Solange er trotzdem mit Gedankenblitzen aufwarten kann, soll das meinetwegen so sein. Und dafür, dass er es kann, ist dieses Buch ein weiterer Beleg.
 
"Ausgewählte Übertreibungen" ist nicht neu; das Buch stammt von 2013. Das Alter merkt man ihm aber nicht an. Es enthält, wie der Untertitel schon ahnen lässt, Interviews und Gespräche -- dreiunddreißig an der Zahl, dreißig Interviews stammen aus deutschen und ausländischen Zeitungen und Magazinen, drei Gespräche sind Protokolle aus Symposien, Kongressen et cetera, geführt zwischen 1993 und 2012. Einiges davon hatte ich schon damals gelesen, anderes war mir neu. Die Sammlung ist nicht vollständig -- natürlich nicht, denn tatsächlich existieren wohl an die 300 Interviews, da musste eine Auswahl getroffen werden.
 
Ausführlich, meist sachlich, oft in weit ausholenden Kurven, mäandernden gedanklichen Schleifen und wilden Assoziationsketten, manchmal unterlegt mit einem Schuss Schelmentum, spricht Peter Sloterdijk über buchstäblich Gott und die Welt. Nicht selten fühlt man sich an die "Zeilen und Tage" erinnert; Grundlage der Interviews sind aber meist Sloterdijks in den jeweiligen Jahren erschienene Bücher, insbesondere die "Sphären"-Trilogie (1999 bis 2004) sowie das auf ein Rilke-Zitat Bezug nehmende "Du musst dein Leben ändern" von 2009. 
 
Sei es über seine Zeit beim Baghwan, sei es über die von ihm aus heutiger Sicht selbst so empfundenen Schwachstellen seines Opus 1, "Kritik der zynischen Vernunft" (die inzwischen freundliche 43 Jahre auf dem Buckel hat), sei es seine Ansicht über die Kollegen Habermas und Luhmann, seien es die heutigen Angebote der elektronischen Medien oder die Kunst des Designs, kaum ein Aspekt wird ausgelassen. Zum Interessantesten gehören Sloterdijks Ausführungen über das "heilige Feuer der Unzufriedenheit" -- richtig, es geht um das Zustandekommen des Phänomens "Fortschritt". Was ist das, wer legt aufgrund welcher Qualifikationen fest, was fortschrittlich ist, und ist Fortschritt per se überhaupt etwas Gutes? 
 
Immer wieder bringt Sloterdijk Aspekte ins Spiel, die die eigenen Standpunkte auf den Prüfstand stellen, und genau das macht ihn lesenswert. Dass ihn speziell dieses Fortschrittsthema immer wieder beschäftigt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in diesen Interviews schon manches vorweggenommen wird, das er 2023 in "Die Reue des Prometheus" in aller Deutlichkeit konkretisiert hat (siehe dazu auch hier).
 
Wie in Interviews nicht anders zu erwarten, sind die Antworten manchmal sprunghaft, oftmals seitenlang, und sie werden in diesem Buch ohne Absätze wiedergegeben. Da fühlt man sich latent an Thomas Bernhard erinnert, bei dem solche Bleiwüsten allerdings künstlerische Absicht waren -- hier aber war das wohl eher nicht der Fall.
 
Manchmal allerdings würde man sich wünschen, der Mann würde wenigstens gelegentlich an irgendeiner Stelle, auf irgendeine Frage einmal sagen: "Weiß ich nicht, keine Ahnung, da müssen Sie mal jemand anderen fragen." 
 
Aber darauf kann man bei Sloterdijk wohl lange warten.
 
Peter Sloterdijk:
Ausgewählte Übertreibungen
Gespräche und Interviews 1993 bis 2012
Herausgegeben von Bernhard Klein
Suhrkamp 2013, 478 Seiten