Steely Dan
Pittsburgh PA, Benedum Center, August 11, 2014
Angesichts des Publikums, das überwiegend aus reiferen Jahrgängen bestand, hatte ich schon befürchtet, er würde – wie in seinem Buch angedroht
– Bingozahlen ansagen. Aber Mr. Fagen entschied sich dann doch für sein
Fender Rhodes. Und für den Gesang. Wenn er auch die hohen Töne nicht
mehr packt, die Stimme ist unverkennbar.
Seit
42 Jahren sind Steely Dan auf der Szene. Entdeckt habe ich sie erst in
den 80ern, als es sie eigentlich schon nicht mehr gab. Aber ihre Musik
ist im besten Sinne zeitlos geblieben. Und wenn Steely Dan eigentlich
auch eher ein Studiokonstrukt war: Sie können es auch live, wie ich
gestern abend im Benedum Center in Pittsburgh bei ihrer „Jamalot Ever
After“-Tour erleben durfte.
Das Opening wurde gestaltet von der Bobby Broom Organi-Sation,
einem Chicagoer Jazztrio, das mit halbakustischer Gitarre, Drums und
einer Hammond-B3 den passenden Einstieg lieferte. Interessant übrigens,
dass das US-Publikum in der Regel den Supporting Acts gern und mit
Sympathie zuhört. In Deutschland habe ich das sehr oft anders erlebt.
Eine
Band, die tourt, obwohl sie kein neues Album im Koffer und auch sonst
nichts zu promoten hat und trotzdem alle 56 Termine innert weniger
Stunden ausverkauft (und das bei Ticketpreisen bis zu 200 Dollars, von
den Resellerpreisen mal gar nicht zu reden), kann es sich leisten, keine
Interviews zu geben und auch auf sonstige Reklame zu verzichten.
Die
achtköpfige Backing-Band begann den Abend mit „Cubano Chant“, einem
Ray-Bryant-Cover, das auch „Pittsburghs very own“ Art Blakey mal
gespielt hat (man ist hier stolz auf sowas), dann gesellten sich Walter
Becker, Donald Fagen und drei Sängerinnen (Carolyn Leonhart-Escoffery,
La Tanya Hall, Cindy Mizelle), von denen jede einen eigenen Abend tragen
könnte, hinzu und stiegen mit „Black Cow“ (vom „Aja“-Album) ein.
Es
folgte eine zweistündige Show, an der zwar bis in die Lichtdramaturgie
hinein nichts spontan war, die aber auch nie in allzu offensichtliche
Routine abdriftete. Fagen, der hinter seinem E-Piano mit dunkler Brille
und zurückgelegtem Kopf beim Singen immer ein bisschen wie Ray Charles
wirkt, brauchte zwei oder drei Stücke, um stimmlich auf
Betriebstemperatur zu kommen, aber das war auch fast alles, worüber man
sich beschweren könnte.
Zu
hören gab es Repertoire, „Greatest Hits“, wobei zur Enttäuschung
etlicher Fans allerdings ausgerechnet „Do It Again“ und „Rikki Don’t
Lose That Number“ fehlten. Auf Beckers und Fagens Soloalben wurde
verzichtet, auch von Steely Dans Alben von 2000 und 2003 war nur jeweils
ein Stück zu hören. Dafür war der Anteil des „Aja“-Albums
überdurchschnittlich hoch.
Hervorzuheben
sind der Drummer Keith Carlock, der es an Präzision mühelos mit der auf
dem „Gaucho“-Album verwendeten Drummaschine („Wendel II“) aufnehmen
konnte, und der Gitarrist Jon Herington, dem selbst das vertrackte Solo
aus „Bodhisattva“ keine Probleme bereitete. Der Sound blieb den ganzen
Abend über ein wenig blechern, aber 13 Musiker live abzumischen ist auch
keine Kleinigkeit.
„Reelin‘
In The Years“ und „Kid Charlemagne“ waren die Zugaben. Ein glückliches
Publikum erlebte einen perfekten Abend. Gerne wieder.