Jeder hat sich wohl schon mal die Frage gestellt, wozu man ein Live-Album braucht, wenn man das Studioalbum schon hat. Zwei Live-Alben liegen auf dem Tisch und zeigen, dass sie durchaus ihren Sinn haben können.
John Fogertys neues, lange angekündigtes Studioalbum lässt weiter auf sich warten. Statt dessen, sozusagen als eine Art Ansichtskarte zwischendurch, gibt es ein Live-Album, mitgeschnitten irgendwann dieses Jahr im Red Rocks Amphitheater in Denver.
Nichts wirklich Neues, eher ein "Greatest Hits", aber in jedem Fall eine gute Ergänzung zum kürzlich veröffentlichten Woodstock-Auftritt der Creedence Clearwater Revival (siehe auch hier). Denn genau darum geht es: John Fogerty feiert sein 50-jähriges Woodstock-Jubiläum mit alten CCR-Nummern und Stücken von seinen Soloalben. Dass er stimmlich nicht mehr die Durchschlagskraft des Woodstock-Auftritts hat -- sei's drum, man erkennt ihn trotzdem noch, und als Gitarrist hat er seit 1969 eine Menge dazugelernt. Mit von der Partie sind Johns Söhne Shane (Gitarre, Gesang), der inzwischen selbst ein respektabler Gitarrist geworden ist, und Tyler (Gesang), dessen Zukunft nach meinem Eindruck eher hinter den Kulissen zu liegen scheint, auch wenn ich schon schlechteren Gesang gehört habe. Kenny Aronoff am Schlagzeug trommelt wie gewohnt Volldampf, Bob Malone (keyboards) und James Lomenzo (bass) halten mühelos mit. Das Ganze klingt selbstverständlich anders als zu CCR-Zeiten: Es klingt so, wie John Fogerty die Stücke heute spielt. Auf eine Nummer wie "Rock'n'Roll Girls" hätte man verzichten können, aber die meisten Fogerty-Kompositionen sind und bleiben unkaputtbar.
Die Überraschung des Albums in der mir vorliegenden Doppel-CD-Version ("Walmart-exclusive"; und da Walmart keine ausländischen Kreditkarten akzeptiert, wird diese Version in Europa nur auf Umwegen zu beziehen sein) sind unmittelbare Woodstock-Memories: Coverversionen von "With A Little Help From My Friends", "My Generation", "Everyday People" (das mich heute genauso wie im Original nervt), "Dance To The Music" und "Give Peace A Chance", mit Soulgesang (Trysette Loosemore und Lavone LB Seetal) "wie echt" und ebensolchem Soulgebläse, sind zu hören, und das durchaus hörenswert. Der einzige Missgriff ist Shane Fogertys "Star-Spangled Banner"-Solo -- schräge Gitarrensounds mit viel Echo, aber es zeigt letztlich nur, wieviel mehr der Meister draufhatte. Na gut, das Stück hängt am Ende von CD 1 -- man hat sich wohl gedacht: Dort stört es am wenigsten.
Um die Verwirrung komplett zu machen, gibt es anscheinend zwei verschiedene 1-CD-Versionen des Albums; eines enthält die Woodstock-Nummern, ein anderes nicht. Im Zweifelsfall darauf achten, welches man bestellt. Es gibt das Konzert auch als DVD und Blue-ray Disc. Vor deren Veröffentlichung wurde das Konzert am 11. November (dem Veteran's Day) per Satellit in 500 ausgewählte amerikanische Kinos übertragen -- allerdings offenbar mit wenig Resonanz. Es gab kaum Werbung, zum Teil gab es technische Probleme, in etlichen Kinos erschien nur eine Handvoll Zuschauer.
Das zweite Album, ebenfalls eine Doppel-CD, ist merkwürdigerweise dichter an Fogerty dran als man vermuten könnte: David Byrnes American Utopia on Broadway.
Die Studioversion dieser Show war letztes Jahr unter meinen Jahres-Top-Ten. Die hier von Byrne und einer elfköpfigen Band präsentierte Live-Fassung aus dem Hudson Theater am New Yorker Broadway ist aber noch um einiges mitreißender, selbst ohne die Choreographie von Annie-B Parson.
Das liegt allerdings weniger an den Utopia-Songs, die streckenweise etwas gewöhnungsbedürftig waren, sondern -- und das verbindet dieses Album mit Fogertys -- an dem mindestens halben Dutzend alter Talking-Heads-Titel, die sich nicht nur fugenlos ins Programm einpassen, sondern den neuen Stücken an Power sogar noch überlegen sind. Es ist verblüffend, wie wenig Tracks wie "Burning Down The House", "I Zimbra" oder "Once In A Lifetime" gealtert zu sein scheinen, obwohl sie um die 40 Jahre auf dem Buckel haben.
Was soll man sagen: American Utopia on Broadway erinnert unweigerlich an Stop Making Sense, der für mich noch immer ein maßstabsetzender Konzertfilm ist. Und die Frage, ob man das Livealbum braucht, wenn man das Studioalbum schon hat, erledigt sich beim Hören von selbst. Ich kenne die DVD noch nicht, bin aber sicher, dass auch sie das Anschauen wert ist.
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Tuesday, November 19, 2019
Wednesday, April 17, 2019
Oh no!
Seine Las-Vegas-Shows, freundlich gesagt, tun John Fogerty offenbar nicht gut.
His Las Vegas shows, friendly said, doesn't seem to do John Fogerty good.
Tuesday, October 27, 2015
John Fogerty: Fortunate Son -- My Life, My Music
Wenn dieser Mann nur nicht ein so
verteufelt guter Musiker wäre. Dann könnte man den Inhalt dieses Werkes
problemlos in die inzwischen einfalls- und konzeptlos dahintreibende
TV-Soap „Nashville“ einfügen. So scheinbar unrealistisch ist das alles.
Die zweite Hälfte des Buches ist über weite Strecken blanker Kitsch.
Dummerweise nur entspricht vieles von dem, was Fogerty schreibt, den
Tatsachen, und da für mich sein musikalisches Werk ziemlich idealtypisch
alles repräsentiert, was für mich klassische amerikanische Rockmusik ausmacht, ist mir das Buch nicht egal.
John Fogertys Autobiografie, diese Woche
auf Rang 15 der New-York-Times-Nonfiction-Bestsellerliste zu finden, ist
eine Achterbahnfahrt. Lassen wir mal außen vor, ob er sie selbst
geschrieben hat (ein Ghostwriter ist nicht genannt). Manchmal möchte man
das Buch einfach nur zuklappen. Aber ähnlich, wie man bei „Nashville“
dann doch nicht abschaltet, so liest man auch hier weiter.
John Fogerty ist mehr als einmal übel
mitgespielt worden. Diese Geschichten sollen hier nicht wiedergegeben
werden, es würde zu lange dauern. Nur so viel: Die Band, die mal CCR
werden sollte, ließ sich 1967 auf einen Plattenvertrag ein, den kein
auch nur halbwegs vernünftiges Management abgeschlossen und den jeder
halbwegs vernünftige Richter für nichtig erklärt hätte — wegen
objektiver Unerfüllbarkeit. Es gab aber kein vernünftiges Management, es
gab keinen vernünftigen Anwalt, Fogerty zog es vor, die Dinge selbst zu
regeln, und deswegen hat Fantasy-Boss Saul Zaentz Fogerty in filmreifer
Blutsauger-Manier jahrzehntelang systematisch vor sich her treiben
können, bis die Geschichte schließlich ins Absurde kippte.
Dies alles wird in dem Buch in wahrhaft
epischer Breite geschildert. Dazu gibt es einige eher belanglose
Kindheits- und Jugendepisoden sowie einige Andeutungen über die Ehe der
Eltern. Wirklich in die Tiefe geht Fogerty dabei aber nie, auch über
seine Ehe mit Martha erfahren wir im Prinzip nur, dass es sie gab und
dass sie irgendwann geschieden wurde. Das eigentlich Auffällige dabei
ist auf der einen Seite John Fogertys bisweilen breitärschige
Selbstgefälligkeit, und auf der anderen Seite seine offenkundige
Unfähigkeit, sich auch nur für eine einzige Minute in die Position
anderer hineinzuversetzen. Anregungen anderer kommen bei ihm nur an,
wenn sie seiner Ansicht entsprechen. CCR entspricht zu keinem Zeitpunkt
Johns Wunschvorstellung von einer verschworenen Gemeinschaft, aber er erkennt
nicht, dass er mit seinem eigenen Verhalten dazu beiträgt. Er erkennt in
der entnervten Flucht seines Bruders Tom aus der Band nicht das
Alarmsignal, das es ist. Toms folgende Soloalben erklärt er pauschal für
schlecht, obwohl er wahrlich Musiker genug ist, um es besser zu wissen
(immerhin sind sogar Musiker wie Jerry Garcia oder Merl Saunders daran
beteiligt, die sich bestimmt nicht mit jedem abgeben). Seine
verbliebenen CCR-Mitstreiter Stu Cook und Doug Clifford, die angesichts
seiner ständigen Besserwisserei irgendwann rebellisch werden, hält
Fogerty für intrigante Volltrottel, denen er überhaupt erstmal
beibringen musste, wie man mit Messer und Gabel isst. Nein, die beiden
waren keine Virtuosen und sind auch sonst keine Unschuldsengel, und als
sie ihr gruppeninternes Stimmrecht für jeweils 30.000 Dollar an Saul
Zaentz verkaufen, trifft ihn das tief — verständlicherweise. Dennoch:
Unter normalen Umständen hätten sich diese Konflikte lösen lassen. Aber wo John Fogerty ist, da sind die Umstände nicht normal. Der überlässt sich lieber seiner zunehmenden
Verbitterung und dem Alkohol. Jahrelang spielt seine eigenen Songs nicht
mehr, bis ihn dankenswerterweise Bob Dylan auf offener Bühne quasi dazu
zwingt („Wenn du es nicht tust, werden später alle glauben, ‚Proud
Mary‘ sei von Tina Turner gewesen“).
Und dazu der immer noch ungelöste
Konflikt mit Saul Zaentz und Fantasy Records. Am Ende jagt Zaentz
Fogerty in den wohl absurdesten Prozess der Popgeschichte, den Fogerty
zum Glück gewinnt. Aber woher das alles kommt: Bei Fogerty kommt es
nicht an. Was immer seine Mitmenschen auch tun: Wenn es nicht das ist,
was er für richtig hält, dann ist sein Urteil gnadenlos, ob es sein
Bruder Tom ist, ob es CCR-Bassist Stu Cook ist (auf den er sich
besonders eingeschossen zu haben scheint), ob es der Musikjournalist
Ralph J. Gleason ist, ob es wer auch immer ist. Fogerty verehrt alte
Blues-Heroen, sein Urteil über Bandkollegen aus der San-Francisco-Szene
ist dagegen oft übermäßig hart. Jefferson Airplane und Grateful Dead
wirft er vor, sie könnten auf der Bühne nur endloses Genudel, aber keine
Songs hervorbringen. Im Fall der Airplanes ist das schlicht falsch, im
Fall der Dead scheint er das Konzept der Band nicht verstanden zu haben.
Bis dann endlich Julie die Szene betritt —
eine annähernd 20 Jahre jüngere Zufallsbekanntschaft, die Johns große
Liebe wird. Aber selbst diese Beziehung gefährdet Fogerty mit Alkohol
und erratischem Verhalten. Erst, nachdem Julie das Management ihres
Mannes übernimmt und ihr gesamtes Handeln darauf ausrichtet, ihm den
Rücken fürs Komponieren und Musizieren freizuhalten, wird eine bis jetzt
anscheinend glückliche Ehe daraus. Julie betritt das Buch in Kapitel 15
und schreibt ab dort eigene Textabschnitte, die sie in der 12 CDs
umfassenden Hörbuchversion auch selber spricht.
Der Rest des Buches ist dann eitel Sonnenschein.
Fogerty ist, wen wundert’s, kein großer
Autor. Aber darauf kommt es bei einem Buch wie diesem nicht an. Wer den
Menschen John Fogerty und seine Sicht der Dinge näher kennenlernen
möchte, wird aus diesem Buch eine Menge über ihn erfahren — das meiste
allerdings zwischen den Zeilen. Die Geschichte der großen Hits, seine
musikalischen Vorbilder, seine Liebe zur Countrymusik, seine etwas
seltsamen Ansichten zum Thema Politik und Waffenbesitz (er trat mehrfach
für die Demokraten auf, scheint aber dennoch zu glauben, dass die
US-Regierung nur deshalb im Zaum gehalten werden kann, weil sie weiß,
dass das Volk bewaffnet ist — die NRA wird jubeln, wenn sie das liest), das alles ist da und
wird durchaus unterhaltsam und gut lesbar geschildert. Die in
amerikanischen Star-Biografien sonst unvermeidlichen ellenlangen
Krankheitsgeschichten fehlen hier glücklicherweise.
Wer sich allerdings für eine objektivere
Darstellung der diversen Sachverhalte um CCR und Fantasy Records
interessiert, der scheint mir mit Hank Bordowitz‘ Buch „Bad Moon Rising —
The Unauthorized History of Creedence Clearwater Revival“ von 1998
immer noch besser bedient zu sein.
Wenn dieser Mann nur nicht ein so verteufelt guter Musiker wäre.
John Fogerty:
Fortunate Son — My Life, My Music
Little, Brown & Co. 2015
ISBN 978-0316244572
Labels:
CCR,
Creedence Clearwater Revival,
John Fogerty
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