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Saturday, March 5, 2016

Daevid Allen: Elevenses





(Scroll down for English version)

Wieder so eine Abschiedsplatte. Aber Daevid Allen macht es einem leichter als David Bowie. Klar, es ist seine letzte Soloplatte, und er muss gewusst haben, dass es seine letzte sein würde. Stimmlich vielleicht ein wenig dünner, ein bisschen kratziger, aber trotzdem ist diese Platte ein Energiestoß geworden. Gleichzeitig bildet sie einen reizvollen Rückgriff auf alte Psychedelic-Zeiten, ohne dabei überholt zu wirken.

Daevid Allen, Soft Machine-Gründer, Gong-Head und Oberster Pot Head Pixie, wusste, dass er keinen Kompromiss mehr machen musste, und er macht keinen. (Hat er eigentlich ohnehin nie, aber hier noch weniger, wenn das sprachlich möglich ist.) Man hat das Gefühl: Hier kommt jemand nach Hause.




Das „Weird Quartet“ ist eigentlich die Band Spirits Burning aus San Francisco, auf deren Album Reflections In A Radio Shower Daevid mal als Gast mitgewirkt hat. Aus dieser Begegnung resultierte das Gefühl, gut miteinander zu können, aber bis es dann zu einer gemeinsamen Platte kam, mussten 15 Jahre ins Land gehen. Daevid spielt Gitarre, Glissando-Gitarre und singt, Michael Clare spielt Bass, Paul Sears und Trey Sabetelli spielen Drums und Don Falcone drückt die Tasten, letzterer ist auch Produzent des Albums.

Gern hätte ich noch den dritten Teil von Daevids Autobiographie gelesen, aber was soll man machen: Freund Hein war schneller. Wir sprechen uns, irgendwann. Bis dahin bleiben wir in drahtloser Verbindung.




(Dieser Beitrag erschien zuerst in manafonistas.de)



Another good-bye record. But Daevid Allen somehow makes it a little bit easier to say good bye to him than David Bowie did. Of course, this is his last solo recording, and he must have known it would be his last one. His voice is a bit thinner, a bit more scratchy, but nevertheless this record turns out to be a push of energy. At the same time it's a charming fallback to old psychedelic times, but without sounding outdated.

Daevid Allen, founder of Soft Machine, head of Gong and Pot Head Pixie in chief, knew he wouldn't have to compromise anymore, and he doesn't make a compromise. (Actually, he rarely made compromises anyways, but even more he doesn't do it here -- if this is linguistically possible). It gives you the feeling: Somebody is coming home here.

The Weird Quartet, in fact, is the band Spirits Burning from San Francisco. Daevid once contributed as a guest to their album Reflections In A Radio Shower. That worked out quite well, but however, it took 15 years till it was possible to lay down a joint record. Daevid plays guitar, glissando guitar and sings, Michael Clare plays bass, Paul Sears and Trey Sabetelli play drums, Don Falcone presses the keys and is also producer of this album.

Gladly I would read part 3 of Daevid's autobiography, but it doesn't help: The Grim Reaper was faster. We'll have a nice little chat, one day. Until then let's keep the wireless connection.


Friday, January 29, 2016

Paul Kantner 1941-2016


(Photo: Wikipedia)


Ich glaube, es war Ende 1996. Eine meiner ersten Erfahrungen mit dem nagelneuen quietschvioletten iMac im für mich damals noch relativ neuen Internet. Ich war auf einer Mailingliste (erinnert noch jemand, was das war?) namens "2400 Fulton Street" von Fans der Gruppe Jefferson Airplane bzw. Jefferson Starship, die ich hoch schätzte und noch immer schätze. Auf dieser Mailingliste war auch Paul Kantner, Gitarrist, Kopf und Herz der Band, die er bis zuletzt am Leben erhielt.

Durch irgendeinen Beitrag von mir kam er darauf, dass ich aus Deutschland stamme, und schickte mir eine E-Mail mit der Frage, ob ich einen Text ins Deutsche übersetzen könne, und zwar so, dass er singbar wäre. Es war dieser -- ausgerechnet, denn nach meinem Dafürhalten war und ist das ein ziemlich lausiger Text für einen schwachen Song aus der wohl ödesten Phase des Sternenschiffs (als sie versuchten, wie Foreigner zu klingen).

Anyway, ich hab’s gemacht. Ich war vom Ergebnis nicht begeistert, aber singbar war der Text, und Paul war’s anscheinend zufrieden. Vielleicht hat er ihn auch sowieso nicht verstanden. Und mir wäre nicht bekannt, dass ihn die Band je gesungen hätte.

Gestern ist Paul Kantner mit 74 Jahren verstorben.

Dieses Jahr scheint irgendwie verhext zu sein.


*

I think it was at the end of 1996. The internet was relatively new to me, and this was one of my first experiences with my brand-spanking new squeeking-lilac iMac. I was subscribed to a mailing list (does somebody still remember what that was?) named "2400 Fulton Street", run by fans of the bands Jefferson Airplane and Jefferson Starship, which I highly appreciated then and still appreciate today. And on this mailing list used to be also Paul Kantner, guitarist, brain and heart of the bands.

Apparently I posted something that told him that I'm from Germany, and so he sent an e-mail to me, asking whether I could translate one of his lyrics into German -- if possible in a way that one could sing it. It was this one, of all things: After my fancy these were weak lyrics for a mediocre song from the probably most unendurable phase of the Starships (when they tried to sound like Foreigner).

However, I did it. I wasn't very happy with the result, but at least it was singable, and Paul was friendly enough not to complain. It might be possible that he simply didn't understand it. And I've never heard that the band actually sung it.

Yesterday, Paul Kantner passed away at the age of 74.

Somehow this year seems to be jinxed.

Friday, January 22, 2016

One last Wish



(Pittsburgh Post-Gazette, January 21, 2016)

Sunday, January 17, 2016

Pittsburgh Symphony Orchestra


Ottorino Respighi: Belfagor, Overture for Orchestra

Philip Glass: Concerto No. 2 for Violin amd Orchestra
"The American Four Seasons"

Ludwig van Beethoven: Symphony No. 6 in F major, op. 68
"Pastorale"

Tim Fain, violin
Christoph König. conductor
Pittsburgh Symphony Orchestra

Pittsburgh, Heinz Hall, January 16, 2016

Friday, January 15, 2016

Erich Kästner: Der Herr aus Glas



Erich Kästner (1899-1974) gehört neben Kurt Tucholsky und (jedenfalls, soweit es Drehbücher betrifft) Edgar Reitz zu den Autoren, ohne die ich wahrscheinlich nicht zum Stift bzw. zur Tastatur gefunden hätte.

Um so schöner, wenn es von einem dieser Herren neues Futter gibt. Schon 2013 hatte der Zürcher Atrium-Verlag (der seinerzeit im Prinzip nur gegründet wurde, damit Kästner während der Zeit seines Schreibverbotes publizieren konnte) die ungekürzte Fassung von Fabian veröffentlicht. Die Geschichte war 1931 zum Teil sinnentstellend gekürzt und entschärft erschienen und das Originalmanuskript galt als verschollen. Es ist eine Kopie gefunden worden, und nun liegt Kästners Roman in einer von Sven Hanuschek kommentierten Fassung unter ihrem ursprünglich vorgesehenen Titel Der Gang vor die Hunde vor. Einige der Kürzungen gehen von mir aus in Ordnung, aber einige wichtige Handlungsdetails werden erst jetzt, da die bislang fehlenden Teile wieder da sind, klar. Wer sich für die Situation und Lebensgefühl in der Endzeit der Weimarer Republik, kurz bevor die Nazis übernahmen, interessiert, wird hier in jedem Fall mehr erfahren als aus manchem Geschichtsbuch.

Und jetzt, wiederum von Sven Hanuschek herausgegeben und kommentiert, liegt Der Herr aus Glas vor; eine chronologisch angelegte Sammlung von 42 Erzählungen, die Kästner zwischen 1923 und 1955 für verschiedene Tageszeitungen und Illustrierte schrieb, zum Teil unter erst kürzlich entschlüsselten Pseudonymen (etwa „Jarosmin“ oder „Emil Brüll“). Einige der Geschichten waren bereits in der neunbändigen Hanser-Werkausgabe von 1998 oder auch in dem Doppelband Gemischte Gefühle von 1989 (noch in der DDR erschienen) enthalten, aber die meisten erscheinen hier erstmals in Buchform.

Vielen dieser Stories merkt man an, dass Kästner sie als Skizzen für später ausgearbeitete Langwerke oder als eine Art Schreiblabor angesehen hat, in dem er Ideen durchspielt und auf ihre Tauglichkeit testet. So findet man etwa unter der Überschrift „Inferno im Hotel“ (1927 im „Berliner Tageblatt“ erschienen) eine noch völlig unkomische Skizze, aus deren Motiven 1934 die (immer noch wunderschöne) Romankomödie Drei Männer im Schnee entstand. Und wenn ein „Sergeant Aurich“ auftaucht, dann muss man Kästnerkennern nicht erzählen, in welchem späteren Gedicht die Story ihre Endform fand („Sergeant Waurich“). Andere Kurzgeschichten sind blanker Nonsens, tragikomisch oder von einer surrealen Realitätsverliebtheit, die mich nicht selten an Kurzgeschichten von Franz Hohler erinnert. Die für Kästner typische Melancholie und (manchmal etwas arge) Sentimentalität steht über allen Geschichten, wird aber in aller Regel durch den ebenso typischen kästnerschen Humor aufgefangen. Dazwischen stehen auch Geschichten, die eher Tagebuchnotizen sind, etwa „Mutter bringt die Wäsche“ (1947 in der „Neuen Zeitung“ erschienen), die die vollkommene Fassungs- und emotionale Hilflosigkeit von Kästners Mutter schildert, als diese Kästners ausgebombtes Haus in Berlin nicht mehr betreten kann. Vor solchen Texten steht man mit Schluckbeschwerden. Und mindestens so interessant ist, wie Kästner diese (wahre) Episode in eine andere (erfundene) Kurzgeschichte („Berliner Hetärengespräch“) transformiert, die dann letztlich wohl eine Szene für die Münchener Kabarettbühne „Kleine Freiheit“ wurde. Und es gibt sehr selbstreflektive Texte, die als „Briefe an mich selbst“ firmieren und in denen Kästner seine erzählerische Eleganz für kurze Zeit aufgibt. Die lassen ahnen, wie er bei aller Hektik und Betriebsamkeit, die ihn wohl ständig umgab, tatsächlich getickt hat — ein Effekt, den ich sonst nur aus dem Blauen Buch kenne.

Nicht alle der hier vorgelegten Geschichten stammen aus der ganz obersten Schublade. Das macht aber nichts, denn interessant sind sie doch alle. Möglicherweise werden es auch nicht die letzten sein, denn noch immer sind nicht alle Kästnerschen Pseudonyme bekannt oder mit Sicherheit entschlüsselt, und es dürfte weitere Werke Kästners geben, die noch der Entdeckung harren. Ich freu mich drauf.


Erich Kästner:
Der Herr aus Glas
Atrium-Verlag, Zürich 2015
ISBN 978-3-85535-411-5



(Diese Besprechung erschien zuerst bei manafonistas.de)


Thursday, December 24, 2015

Little Star (Shine On Us Tonight)

(Scroll down for English version)

Weil es nun mal wieder diese Jahreszeit ist: Lea & Chess singen "Little Star (Shine On Us Tonight)". 




Ein wunderbarer Weihnachtsohrwurm, aufgenommen von Joe Meek in seinem Schlafzimmerstudio in der Londoner Holloway Road 304, dem Klang nach wohl um 1964. Eine Nummer aus Meeks Nachlass, nie auf Platte erschienen (wie man am Einzählen hört), enthält aber alles, was Meek an Verzerrungen, Übersteuerungen, Kompression bis zum Gehtnichtmehr, "heavenly choir", Kathedralhall und Speed-Up-Effekten in seinem Zauberkasten hatte.

Welche Band hier spielt — keiner weiß es genau, es dürften aber mit ziemlicher Sicherheit The Outlaws gewesen sein. Wäre dem so, dann wäre Ritchie Blackmore an der Gitarre dabei.

Wer den Song geschrieben hat, ist auch nicht so ganz geklärt, wahrscheinlich aber war es Meek selbst, für mich jedenfalls klingen Melodie und Text sehr nach ihm. Am Klavier hören wir in jedem Fall Joes Hauspianisten Geoff Goddard. Da bin ich mir ganz sicher.


Und Lea & Chess, die Sängerinnen? Lange Zeit wusste niemand, wer hinter diesen Namen steckte. Nun denn also, dies dürften sie gewesen sein:



Maggie Stredder und Gloria George, in Musiker- und Produzentenkreisen damals wohlbekannt unter dem Namen The Ladybirds

Sie waren ein sehr aktives Backup-Duo, ihr wohl prominentester Einsatz dürfte der Backup-Gesang auf Jimi Hendrix' "Hey Joe" gewesen sein. Joe Meek hat die Ladybirds immer mal wieder zu Studiosessions für seinen legendären "heavenly choir" angeheuert. 

Meek produzierte mit den beiden auch die Titel "Dumb Head", die Coverversion eines amerikanischen Originals von Ginny Arnell, und "Boy Trouble", ursprünglich von den Rev-Lons aufgenommen. Diese Tracks erschienen unter dem Namen The Sharades. Beide floppten, aber immerhin: Es gab sie auf Platte. Nicht ganz klar ist, ob Meek die beiden auch noch als Flip & The Dateliners ins Rennen schickte; den Song "Mama Didn’t Lie" haben sie zwar aufgenommen, er blieb aber ebenso unveröffentlicht wie der "Little Star".

Wie auch immer: Joe Meek shall inherit the Earth. Auch 2016.

Little Star, you've seen it all
Cities rise and cities fall
Oh shine on us tonight!

Schöne Feiertage!



(Dieser Blogeintrag wurde zuerst veröffentlicht auf manafonistas.de)



*


Because it's this time of the year: Lea & Chess sing "Little Star (Shine On Us Tonight)". 




Wonderful Christmas ear candy, recorded by Joe Meek in his bedroom studio at London's Holloway Road 304, as the sound suggests, probably around 1964. It's a number from Meek's estate, never released on a record (as the counting-in shows), but it has all the distortions, clippings, compression until the cows come home, "heavenly choir", cathedral reverb and speed-up effects Meek had in his magic toolbox.

Which band is playing here — nobody knows for sure, but in all probability it should be The Outlaws. Would this be true, then the guitarist is Ritchie Blackmore.

It's also not quite clear who wrote this song, but I'm quite sure it was Meek himself, at least for me melody and lyrics sound very much like him. The piano player, however, is Joe's in-house pianist Geoff Goddard. I'm very sure about that.

And Lea & Chess, the singers? Long time nobody knew who was hidden behind these names. Well then, in all probability here they are:



Maggie Stredder and Gloria George, at the then time well-known by musicians and producers as The Ladybirds

They were very active as a backup duo, their probably best known entry are the backup vocals on Jimi Hendrix' "Hey Joe". Joe Meek hired the Ladybirds from time to time as his legendary "heavenly choir" for recording sessions. 

With the two of them Meek also produced the tunes "Dumb Head", the cover version of an American original by Ginny Arnell, and "Boy Trouble", originally recorded by The Rev-Lons. These tracks were released under the name The Sharades. Both flopped, but at least they made it onto a record. It might be that Meek also tried to set them up as Flip & The Dateliners, but this is unclear; they recorded the song "Mama Didn’t Lie", but it remained unreleased -- as well as "Little Star".


However: Joe Meek shall inherit the Earth. Also in 2016.

Little Star, you've seen it all
Cities rise and cities fall
Oh shine on us tonight!

Happy Holidays!



(this blog entry was first published on manafonistas.de)


Monday, December 21, 2015

Medienphrasen 2015

Alle Jahre wieder: Abgedroschene und sinnentleerte Dauerphrasen in deutschen Medien.


  • Schwarze Null
  • rechtspopulistisch
  • nachhaltig
  • schillernde Persönlichkeit
  • mit vielen Gesichtern
  • forderte x Tote
  • Wertschätzung
  • legendär/Legende
  • kein Ponyhof
  • Sondierungsgespräche
  • Kellerduell
  • grünes Licht
  • zeitnah
  • Urgestein
  • mit Hochdruck
  • absegnen
  • Zeichen stehen auf Sturm
  • gebetsmühlenartig
  • auf einem guten Weg
  • Hinter. Jedem. Wort. Ein. Punkt.
  • nicht schlecht staunen
  • völlig falsches Signal
  • Willkommenskultur
  • Asylkritiker
  • liest sich wie ein Who's Who
  • Leuchtturmprojekt
  • fiebern, mitfiebern, im X-Fieber
  • durchgewinkt
  • geschockt
  • sagte gegenüber
  • schallende Ohrfeige
  • die Kuh vom Eis holen
  • Wetterchaos
  • Quecksilber steigt/fällt
  • wie durch ein Wunder
  • oh man
  • volle Härte des Rechtsstaates
  • schwere Verwüstung
  • kein Blumentopf zu gewinnen
  • Wir müssen reden
Letzteres dann ganz sicher auch wieder nächstes Jahr.